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ihn nicht mit minderer Ehre.

Freundlich sich neigend nahm der Geistliche diesen Antrag auf.

Ich kann nicht läugnen, dass Eure Güte die Bitte erfüllt hat, die ich um so sicherer an Euch tun wollte, als ich mich selbst, setzte er lächelnd hinzu, für wichtig erklären muss; doch, fuhr er ernster fort, ein Blättchen vorzeigend, ich hatte nicht den Mut, das Interesse Eurer Familie so fortdauernd in Anspruch zu nehmen, glaubte aber in einer unsichern Lage den von einem Unbekannten und anscheinend Wohlwollenden mir angezeigten Weg nicht verschmähen zu dürfen. Kennt Ihr die Handschrift?

Richmond nahm das Blättchen. In unortographischer Schrift stand darauf:

"Eure persönliche Freiheit ist bedroht, sucht das Palais der Nottinghams auf, Lord Richmond wird Euch Schutz verleihen."

sonderbar! rief Richmond, wer kann Eure Sicherheit bedrohen? Habt Ihr darüber Vermutungen? –

Ich kann in diesem Augenblicke nicht darüber urteilen, Mylord; es ist so Vieles, so Unerwartetes in meiner Abwesenheit geschehen, dass ich nicht im stand bin, zu übersehen, welche Ausdehnung dadurch ein Mitwissen um Verhältnisse erhielt, die bisher wohl berechnet in ein wohltätiges Dunkel gehüllt waren. –

Und gehen diese Verhältnisse die junge Dame ausschliesslich an, die sich Eure Schülerin nannte? fragte Richmond. –

Sie war bis zu dem entsetzlichen Augenblicke, der sie plötzlich aller ihrer Stützen beraubte, der Gegenstand der zärtlichsten Sorgfalt und Liebe, der stolzesten Hoffuungen, der glücklichsten Aussichten für die Zukunft; und alle, die sie kannten, fühlten sich durch Pflicht und Liebe berufen, ihr die grösste Verehrung zu weihn. Ach! ich bin in diesem Augenblicke der einzige, der von so vielen und würdigen Personen ihr geblieben ist. Aber es lebt noch ausser mir ein Wesen, bestimmt, ihr Schutz zu sein von Gott und Rechtswegen, und dies zu erreichen, ist die Absicht meines Hierseins. –

Ihr sprecht von dem Oheime des Fräuleins, den wir vergeblich getrachtet haben ihr wieder zu finden, nach dem sie sich unablässig sehnte. Sagt, Sir, habt Ihr ihn entdeckt, lebt er hier, und können wir uns mit ihm vereinigen, das fräulein aufzufinden? –

Wie sehr beklage ich, Mylord, Euerm wahren und aufrichtigen Eifer nicht mit dem vollen Vertrauen begegnen zu können, von dem ich mich zu Euch durchdrungen fühle; aber, mag es zu Anfang unserer Bekanntschaft gleich ausgesprochen sein, dass ich Euch auf alle fragen die Antwort schuldig bleiben muss, wenn sie gegen Verpflichtungen streiten, die ich nicht aufzuheben vermag.

Könnt Ihr Euch entschliessen, mir ohne dies Euer Vertrauen zu schenken, könnt Ihr Euch mit mir vereinigen, wo ich hülfe bedarf, zur Rettung der unglücklichen jungen Dame, so darf ich Euch bei der Würde meines Amtes schwören, Ihr weihet Beides keiner unedeln Sache, vereinigt Euch mit keinem Unwürdigen. –

Genug, Sir; ich achte Eure Zurückhaltung und werde stets nur das Vertrauen von Euch verlangen, was sich mit jenen früheren Verpflichtungen verträgt. Glaubt indessen nicht, dass wir so schnell das fräulein aus den Augen verloren. Ihr Weg ist verfolgt worden von einer person, auf deren Treue wir uns verlassen konnten, und sie ist, von Lord Membrocke getrennt, in einem schloss in Nordhampton zurück gelassen worden, während der Lord seinen Weg allein fortgesetzt hat, doch zur Zeit noch nicht in London eingetroffen ist, wo er indessen von seinem Freunde, dem Herzog von Buckingham, erwartet wird, da er auf der Liste der Kavaliere steht, die dem Herzog nach Frankreich folgen werden. Mein Diener ist übrigens dem Lord Membrocke gefolgt, bis er von dem Aufentalte des Fräuleins zu entfernt war, um seine Rückkehr dahin erwarten zu können. Unbezweifelt ist jedoch, dass auch dort ihre Gegenwart mit der grössten Sorgfalt verhehlt wird, da es ihm bei seiner Rückkehr sogar nicht möglich ward, über die Anwesenheit der Lady die geringste Spur zu erhalten, viel weniger sie selbst zu sehen.

Die Angelegenheiten meiner Familie legten mir eine Verpflichtung auf, die mich an London band; sonst würde ich viel früher geeilt haben, die Spur zu verfolgen, die wir dadurch gefunden, und die mich wenigstens in der einen Beziehung beruhiget, sie nicht mehr in Lord Membrockes unmittelbarem Gewahrsam zu wissen, obwol ich ihn noch dabei im Spiele glauben muss, da der Edelmann, der Besitzer jenes Schlosses, ein Vertrauter des Herzogs von Buckingham ist. –

Des Herzogs von Buckingham! rief mit sichtlicher Ueberraschung Master Brixton. Wie? Hat der Herzog Kunde von dem fräulein? Glaubt Ihr, Mylord, dass Lord Membrocke bloss als Agent des Herzogs handelte?

Ich muss dies dahin gestellt sein lassen, erwiderte Richmond, doch rechne ich es mehr der verliebten Torheit Membrockes zu, womit er das fräulein, obwol Anfangs sehr zu ihrer Missbilligung, verfolgte.

Anfänglich? erwiderte Brixton. Zweifelt nicht; dieser Torheit, wie Ihr es richtig nennt, unterlag die Lady auch später nicht, wie Ihr anzudeuten scheint. Auf eine andere Weise hat man sie zu diesem Schritte veranlasst. Ich kenne sie zu genau, um nicht zu wissen, dass dringende Anforderungen an sie ergangen sein müssen, sie zu diesem gehässigen Schritte zu bewegen.

Sir, rief Richmond bewegt, Ihr habt ein so festes Vertrauen! Denkt Ihr auch ihrer Jugend, ihrer leicht gereizten heftigen natur? Diese Quelle ihrer eigentümlichen Seelenschönheit ist zugleich einer Frau so verderblich, führt sie so leicht über die Grenzen hinaus, ach, die sie nicht mit ihren Augen überschreiten darf, ohne in