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Mein lieber Sohn, mein teures Kind! Gott segne Dich dafür, dass Dein alter Vater Dein erster und letzter Gedanke ist; komm ganz nahe heran, setz Dich auf mein Bett, mein guter Sohn; – so redete Jakob seinen Sohn mit dem sichtlichsten Bestreben an, ihn durch Liebe und Freundlichkeit milde zu stimmen. –

Ich hoffe, mein teurer Vater befindet sich leidlich, und was hier in meiner Abwesenheit mindestens Unbesonnenes geschehen ist, hat, wie ich hoffen will, keinen Einfluss ausgeübt über die so leicht erschütterte Gesundheit Eurer Majestät. –

Gesundheit, Kind! lächelte der König, sieh, Kind, das passt nicht mehr; wo ist hier noch Gesundheit? Und meine Krankheit, Kind, der wollen wir gern eine wohltätige Erschütterung gönnen.

Wohltätig, betonte der Prinz, wollte Gott, es gäbe eine solche; aber da ich sie nicht herbeiführen kann, werde ich jeden ohne Unterschied für eine nachteilige verantwortlich machen.

Nun, nun, sagte der alte König etwas empfindlich, wenn Du erlaubst, mein Kronprinz, wollen wir selbst es noch übernehmen, unsere Angelegenheiten zu vertreten. Höre, Kind, so musst Du mir nicht kommen, Frieden will ich haben, und Du wirst um meinetwillen ihn nicht mehr lange zu halten brauchen. Nun, setzte er schnell zu seinem gutmütigen Tone zurückkehrend hinzu, ich habe Dir nichts Unangenehmes sagen wollen, mein Prinz, komm näher und tue mir die Liebe und vertrage Dich mit dem, der hinter Dir steht und nach Deinem gnädigen Angesicht verlangt.

Mein gnädigster Vater, erwiderte der Prinz, ohne sich umzusehn, hat zu befehlen, wen ich sehen soll, und aus Gehorsam werde ich selbst das tun, was meinem Gefühl widerstrebt. Aber ich möchte es dem zu überlegen geben, der dies Opfer veranlasst, ich könnte nicht immer in der Stimmung sein, mich dessen mit Nachsicht zu erinnern.

Höre, sagte der König, nach seiner Weise entrüstet, Du musst nicht drohen, denn da Du bald König sein wirst, ist Dein Zorn viel fürchterlicher, wie der meinige. Abgesehen davon, wie er mir erscheinen muss, da ich Dein König und Dein Vater zugleich bin, sage ich Dir, mein Prinz, Du hast schon viel von unserm lieben Herzog gelernt, und obwol mir Eure Freundschaft lieber ist, als Eure Feindschaft vor der spanischen Reise, ist mir doch nicht sonderlich lieb, dass Du eben so störrisch wirst, wie Buckingham. Aber Du wirst jetzt gut sein, denn Du bist immer lenksamer, als Buckingham, gewesen. Drum bitte ich, mache mir die Freude und sieh Dich gnädig um.

Ich muss glauben, gnädigster Herr, sprach der Prinz im hartnäckigen Ton einer festgefassten Meinung, dass der, den Ihr mir empfehlt, weder den Wunsch hat, meinen Blicken zu begegnen, noch den Mut des reinen Gewissens, mir, dem schwer Gekränkten, gegenüber zu stehen.

Doch diese Worte waren kaum ausgesprochen, als ein paar tönende Schritte den Grafen von Bristol vor den Prinzen führten, und ihn nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung ruhig und fest, wie in die Erde gewurzelt hinstellten.

Ich konnte in Demut harren, sprach er sanft und ernst, so lang mein gnädiger König für mich sprach, aber ich kann nicht irren, wenn ich annehme, diese letzten Worte Eurer königlichen Hoheit waren an mich gerichtet. Ich bin hier, und der Mut eines reinen Gewissens leitete den heissen Wunsch eines treuen Untertanen, das Antlitz der hohen Herrscher in Gnade zu schauen, für die er redlich und treu gearbeitet, bis grausamer Verdacht seine Kräfte lähmte und sein Haar bleichte!

Der Prinz blieb vor seinem Anblick nicht ohne Eindruck. Dieser schöne Mann hatte so den unverkennbaren Ausdruck einer hohen Seele, dass es fast unmöglich war, an Verrat und bösen Willen ihm gegenüber zu glauben. Der Prinz entging diesem Eindruck nicht, und erwiderte fast unwillkürlich des Grafen Gruss. Aber wenn er auch nicht glauben konnte, er habe seine Verbindung mit der Infantin getrennt, war er doch von Buckingham so heftig bestürmt, ihn als den Urheber des Krieges anzusehn, und zuletzt so gegen den Grafen eingenommen worden, dass er sich fast angewöhnt hatte, die oft wiederholt gehörte Lüge wegen jener Verbindung, selbst gegen die stimme seines inneren, als wahr ihm anzurechnen. So hielt der Eindruck der ehrwürdigen Persönlichkeit des Grafen gegen so viele eingeimpfte Täuschungen nicht aus, die überdies noch ein Unrecht verkleiden mussten und ein geheimnis, dessen der Prinz sich bewusst war.

Ich darf jetzt nicht länger übersehn, Graf Bristol, sprach er kalt, dass Ihr es seid; doch wenn ich mich weigerte, Euch früher anwesend zu glauben, denke ich, bezeigte ich damit eben meine Ehrfurcht gegen den Willen des Königs, der Euch von London verbannte, wo ich Euch dennoch jetzt anwesend finde, ohne dass mir in dem Willen des Königs eine Aenderung bekannt ward.

Dieser Vorwurf Eurer königlichen Hoheit trifft mich um so schmerzlicher, erwiderte Bristol sanft, als ich ihn mir lange genug als Einwurf gegen die wohlwollenden Absichten meiner Freunde vorhielt. Aber möge ein sanfteres menschliches Gefühl die strengste Gerechtigkeit Eurer königlichen Hoheit unterstützen und den Gründen Eingang verschaffen, die mich ungehorsam werden liessen.

Schon wandte sich der Prinz ungeduldig ab, aber der König, neugierig zuhorchend, bog sich mit dem halben leib aus dem Bette hervor und rief lebhaft: Erzähle, Bristol, erzähle, Du hast sicher gute Gründe, wenn Du mir ungehorsam warst, was Dir überdies schon vergeben ist,