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als seinen einzigen Fehler, zumal in einem Augenblick, ansah, wo der Alles versöhnende Tod über der widerstandlosen Gestalt des alten Königs schwebte.

Jeder erinnerte sich einer von ihm empfangenen Güte. Was man getadelt, seine Liebe zum Frieden, seine oft spöttelnde Gelehrsamkeit, seine Toleranz gegen die Katoliken, Alles diente jetzt zu seinem Lobe, und um die allgemeine Rührung und den Schmerz zu motiviren, den der Anblick der menschlichen Hinfälligkeit, ungeschützt von Purpur und Krone, einem Jeden hervorrief. Die zahlreiche, glänzende Versammlung drängte sich dem Trone zu, Jeder wollte noch einen blick haben oder seine Hand, sein Gewand küssen; Jeder kehrte mit Tränen sich weg, und Buckinghams Augen, welche allein trocken blickten, sahen nur erweichte, traurige Menschen, die wenigstens auf einen Augenblick unempfindlich geworden waren für den Neid und beschämten Stolz, womit er sie sämmtlich zu peinigen gehofft.

Uebereilt, gedrängt und fast unbeachtet ging die eigentliche Audienz vorüber, und sonderbarer Weise schien ein unbedeutendes Ereigniss mehr Anteil zu erregen, als dieser lang vorbereitete Pomp. Einen Augenblick frei stehend, sein Gefolge hinter sich lassend, trat der französische Gesandte noch ein Mal dem König nah und bemächtigte sich seiner Hand, indem er ihm zwei Worte leise zuflüsterte. Der König stiess ihn fast zurück, krampfte die Hand, die der Gesandte losliess, schnell zusammen und steckte sie in sein Wams. Im selben Augenblicke kniete ein Jüngling, an der Hand des Gesandten, vor dem Könige nieder. Lord Richmond Derbery, sprach der Gesandte ziemlich laut; der König hörte seine Worte teilnehmend an und legte, wie zum Segen, die Hand auf sein Haupt. Aber dann zog er beide hände ängstlich in die Höhe, der Prinz von Wales trat hinzu, und der Gesandte, wie Lord Richmond traten in die Menge zurück.

Wütend über die ganz misslungene Audienz und von unbestimmten Ahnungen bei dem eben Geschehenen ergriffen, stürzte Buckingham von der Tür zurück, wohinter der König verschwunden, und gerade auf Richmond zu, welcher, wie vorbereitet, festaufgerichtet den Herzog zu erwarten schien.

Uebermütiger Mensch, was habt Ihr gewagt, Euch zu erlauben? Mit welchem Rechte nahmt Ihr für Euer armseliges Interesse den wichtigsten Augenblick einer Stunde in Anspruch, die mir allein gehörte? Entschuldigt Euch, damit ich vergesse, dass Ihr zu den Knaben einer Familie gehört, die ich hasse und verachte. –

Blickt umher, Herr Herzog, sagte Richmond kalt, ohne seine Stellung zu verändern, Euch gehörte diese Stunde nicht allein. König Jakob hat sie allen seinen edlen geschenkt, und ich habe einen teil erhalten, den Ihr mir nicht rauben könnt, der auch nicht gegen Euch der Entschuldigung bedarf, am wenigsten von Einem aus dem haus Nottingham, wo die Knaben früh zu Männern werden.

Ha, Kind! lachte Buckingham, kannst Du Deinen Degen heben, oder hat ihn Dir die Mutter mit Seide in der Scheide festgenäht? Ha, Kind, antworte doch!

Ihr wisst, sagte Richmond, dass Ihr jetzt nur eine Antwort verdient, die mir diese heiligen Mauern nicht zu geben erlauben; aber nehmt es hin, da Ihr es wollt: Der ist feig, der da reizt, wo er unverletzlich ist!

Ha! schrie Buckingham, ausser sich vor Wut, und Beide hatten die hände am Degen und traten sich mit blitzenden Augen gegenüber, aber mit Gewalt trennten die Andern sie, und der Prinz von Wales stand plötzlich unter ihnen, und rief laut und streng: Der König befiehlt Frieden und Ruhe!

Schon hatte der französische Gesandte, der dem Prinzen zur Seite erschien, Richmond entfernt, und Buckingham ward ebenfalls hinweg gedrängt. Noch hingen die dicksten Nebel gleich grauen Vorhängen vom Himmel herab und hüllten die frühe Morgenstunde des folgenden Tages in ihr trübes Licht, als ein kleiner Trupp wohlbewaffneter Männer vor einem Brückentor anhielt, welches einen Seitenflügel des alten Schlosses von Whitehall mit dem untern Teile der Stadt verband. Einem Pfeifchen wurden in bestimmten Absätzen drei Töne entlockt, und bald hörte man Tritte über die brücke nahen, die Türen drehten sich langsam auf, und den stillen Gruss still erwiedernd zogen die Reiter über die brücke in den Hof, der hier zunächst von den Stallgebäuden umschlossen war.

Man stieg ab, und drei von den Männern folgten dem Torwart in den mittlern Eingang, während die Zurückbleibenden die Pferde bei Seite führten, ohne sie abzuzäumen. Durch mehrere alte Teile des Schlosses führte sie eine breite Treppe auf eine Gallerie, welche, vernachlässigt, von Staub und abgefallener Stuckatur verunstaltet, in ihrer früheren Bestimmung wohl nicht diese Vernachlässigung erlitten hatte.

Durch diese Gallerie, sprach einer der Männer, ging ich zu meiner ersten Audienz bei der Königin Elisabet. Dies war damals der Haupteingang; und nicht wahr, wir kommen hier in ihr Bibliotekzimmer? fragte er, sich zum Torwart wendend.

Euer Gnaden zu Befehl, erwiderte dieser. Hier pflegte die erhabene Frau zuweilen, mit einem buch die Bibliotek verlassend, lustwandelnd auf und nieder zu gehen, während oft die höchsten Personen fremder Länder hinter den kleinen Fensterchen lauschten, die, sonst klar und heller, als jetzt, von den äussern Vorzimmern hierher die Aussicht öffneten; und sie war so gnädig, darauf Rücksicht zu nehmen, und zeigte sich oft, gar prachtvoll, wie ihrer Schönheit es am besten stand, gekleidet.

Mit einem leichten Zucken der Achseln schritt der Fragende weiter; der alte Kastellan öffnete nun die kleine, spitze Tür, und sie traten in den weiten Raum, an