gehörte nicht zu denen, die ich durch Launen, Uebersehn, Quälereien und einen eingestreuten Sonnenblick der Anbetung besiegen konnte; sie hätte das Alles nicht bemerkt, und ihre unbegreifliche Hoheit – ich muss es Dir gestehn – machte sie von Niemand abhängig. Aber wenn ich sie nach dieser überzeugung unter die zweite Rubrik der Frauen stellte, musste ich aus meiner Gemächlichkeit heraus, und ihr Verzweiflung, Wahnsinn, bleiche Wangen und tote Augen zeigen. Ha, hätten Euer Liebden bessern Rat gewusst? Ich habe noch keine Frau gekannt, die dies lange mit ansah und nicht wenigstens durch einen holden blick voll Teilnahme lindern wollte; keine fast, die mit diesem ersten Blicke, den ich bloss der Tugend und Menschlichkeit verdankte, nicht mein Eigentum geworden wäre.
Diese armen Kreaturen fühlen sich so gering, und sehen uns so allgewaltig und unabhängig über sich, dass sie dem Wahnsinn nahe kommen, wenn wir den Glauben in ihnen erwecken, unser Leben, unser Glück, hänge an der Richtung und dem Schimmer ihrer schönen Augen. Habe ich etwa Unrecht? Kanntest Du eine Tugend, die nicht eben dieser ihrer Tugend zum Opfer ward? –
Aber meine Nichte, lachte Buckingham, meine Nichte! Hat der erhabene Kenner weiblicher Herzen, vor dem ich armseliger Schüler mich beugen muss, hat er eine dritte Rubrik für die Nichte des stolzesten Herzogs erfinden müssen? Was sagte sie zu dem Fussfall, zu dem Wahnsinn, zu den bleichen Wangen und toten Augen?
Membrocke riss ärgerlich den Mantel um die Schulter, und sich im Sessel dehnend, rief er: So viel unnütze Bemühung! Sie schalt mich wie einen Schulknaben und sah mich später so wenig an, dass es gleich war, ob ich rot oder blass aussah. Hätte ich Kühneres gewagt, sie hätte ihren Hund auf mich gelassen und die kleinste Unbesonnenheit brachte mich gleich in Gefahr, den tugendhaften Nottinghams verraten zu werden; denn ihr Widerwillen, mir nur ein heimliches Wort zu gönnen, war durch die grösste Zurückhaltung nicht mehr zu überwinden.
Göttlich, göttlich! rief Buckingham und rieb sich voll Freude die hände, als ob er nicht grade das Gegenteil gewollt, und mit dem tollsten Leichtsinne Ehre und Tugend seiner Nichte an den verdorbensten Mann, den er kannte, gewagt hätte. Aber, rief er plötzlich, nun musstest Du Gewalt gebrauchen, sie zu entführen, oder sollte sie dem Briefe gefolgt sein?
So war es, erwiderte Membrocke. Sie glaubte früher nicht an meine erdichtete Verbindung mit ihrem in ein fabelhaftes Dunkel gehüllten Oheim; aber der unbegreifliche Umstand, dass sie seinen Namen nicht kannte, nachdem ihr die Nachforschungen der Nottinghams bewiesen, es sei kein Graf von Marr, machte sie empfänglich für den Namen Saville, den ich unterschob, da ich vermuten musste, die Familie könne ihn gelegentlich bezeichnen, als in Bristols Angelegenheiten bös verwickelt. Misstrauen gegen mich und Furcht, den zu verraten, den sie anbetet, und den ich bei ihrem ersten Worte an die Familie zu entdecken drohte, hielten sich die Waage und liessen sie allein dies Einverständniss mit mir ertragen; aber unmöglich wäre es mir geworden, sie auf mein Wort zu einer Flucht zu bewegen. Da kam der Brief! Erschüttert ward sie gewaltig bei seinem Anblick, aber es blieb etwas in ihr zurück. Die Handschrift hatten wir getroffen, nicht so den Ausdruck, die Art und Weise, woran sie gewöhnt war. Ihr Gefühl ward dadurch unterbrochen, zurückgedrängt, doch – lache nur ihrer Unschuld! – das Siegel des Ringes entschied. Sie weiss noch nicht, dass man auch unfreiwillig durch Ringe solche Zeichen versenden kann.
Genug, dies war seine Hand. Sie liess sich seitdem von mir leiten. Auch sagte sie mir später, bemüht, mich zu ihrem eigenen Trost zu rechtfertigen, die Frau Herzogin selbst habe den Namen Saville in einer Unterredung mit Lord Richmond als einen Feind des Grafen Bristol bezeichnet. Du kannst denken, dass sie überzeugt war, den rechten Weg zu gehen, denn sie bestand den harten Kampf gegen Richmond und Ormond, welche uns verfolgten, ihre Flucht zu verteidigen und sich in ihrer Gegenwart aufs Neue meinem Schutze zu übergeben.
Die Tugendhelden zogen ab, drohend und lärmend und von meinem Betragen, welches Kälte und Ruhe leicht zu spielen hatte, aufs Aeusserste verletzt.
Sie hatten mir doch Schaden getan; denn da ich mich den ganzen Tag von ihrer Sänfte entfernt gehalten, sagte man mir am Abend, die Lady sei krank. Sie hatte ein brennendes Fieber, und ich war froh, sie der hülfe jener Abigail überlassen zu können, deren Haus wir bald erreichten. Dort kostete sie mir eine schlaflose Nacht; denn sie schien todtkrank, und ich glaubte unsere Reise unterbrochen. Gleichwol liess sie mich am andern Morgen rufen. Ich fand sie zwar bleich und mit verweinten Augen, aber völlig angekleidet und zur Abreise fest entschlossen. Ja, sie dankte es mir sogar, als ich ihr bald darauf meldete, dass die Abreise vor sich gehen könne. Obwol sie sichtlich litt, tat sie sich doch die grösste Gewalt an und bestieg sogar für die Hälfte des Tages ihr Pferd, welche Bewegung, so wie der Genuss der freien Luft ihr sehr wohl tat.
Wir hatten am Abend Sir Patricks Schloss erreicht, wo sie sich, wie immer, nur um Ruhe und Alleinsein bittend, zurückzog. Als ich am Abend aus den inneren Gemächern Patricks trete, schlüpft eine kleine graue Gestalt über die Gallerie und übergiebt mir einen Brief.