war völlig geeignet, die Herzogin aus ihrem überspannten Zustande zu wecken, sie fühlte schnell, dass sie hier der Gegenstand einer Aufmerksamkeit geworden war, die sich nach ihren strengen Begriffen mit ihrer Würde und ihrem weiblichen Gefühl gleich wenig vertrug. Sie liess sich von ihrem Sohne und ihrem Oheime zurückführen, und ihre stolze Haltung erinnerte nicht mehr an ihre frühere Bewegung. Nachdem der Umgang um den Sarg auch von den Uebrigen vollzogen war, traten die beiden Wappenherolde vor, die zur Seite des Tronhimmels standen, vor dem der Katafalk errichtet war. Der zur linken Seite trug das aufgerollte fürstliche Trauerwappen an einem goldenen Stabe und richtete es zur Linken des Sarges auf. Indem er noch ein Mal den Tod des Herzogs, mit allen seinen Würden und Titeln benannt, verkündigte und alsdann mit lauter stimme fortfuhr: Und so das erlauchte Haupt dieses Hauses nunmehr in ewigem Frieden hier vor uns ruhet, sehen wir den herzoglichen Stuhl erledigt, und da er leer bleibt vor unsern Augen, nachdem wir den Herrn davon als verstorben erkannt, und als ob Nachkommen und Lehnträger diesem erhabenen Stamme gebrächen, fragen wir die hohen hier anwesenden Verwandten, und den hohen und niedern Adel der Grafschaft Nottingham, ob verblüht und untergegangen sei dies edle Geschlecht, und ob wir sofort, kraft unsers uns verliehenen Amtes, das Wappen zerbrechen müssen und zu ewigem Vergessen mit diesem Sarge versenken sollen? Wir fragen drei Mal: Ist der Stamm erloschen? – da trat der Graf von Salisbury als nächster männlicher Verwandte mit ernster Würde hervor, zog seinen Degen, hob ihn gegen den Herold empor, berührte dann drei Mal mit der Spitze die Brust des Verstorbenen und sprach drei Mal ein lautes Nein! Wo ist der neue Herzog von Nottingham? rief nun derselbe Herold, und in demselben Augenblicke zogen alle Anwesenden mit Blitzesschnelle die Degen aus den Scheiden, dass die hohen Gewölbe wie von einem Schreie widerhallten, und eben so schnell stand der Graf von Derbery von seinem platz am Sarge auf, und indem er die Hand auf das Haupt des Entseelten legte, rief er drei Mal: Hier! Augenblicklich eilten glänzend geschmückte Pagen herbei und hingen den herzoglichen Mantel um seine Schultern, während der Graf von Salisbury den herzoglichen Reif von dem Kissen nahm, welches ein Page ihm reichte, und seinem Gross-Neffen damit das Haupt schmückte. Er führte ihn sodann unter den Tronhimmel und hiess ihn den leeren Stuhl darunter einnehmen, während der Freudenherold das in allen Farben prangende Wappen der Herzoge entfaltete, und den neuen Herzog laut und feierlich proklamirte. Die Anwesenden begrüssten nun vorübergehend und mit dem Degen den Boden berührend den neuen Herzog, und beurlaubten sich, tiefneigend vor den Herzoginnen, die unbeweglich während dieser langen Ceremonie in ihren Stühlen blieben. Bis die letzten Diener den Saal verlassen, und nur noch von ihren Kindern, der herzoglichen Mutter, dem Grafen Salisbury und ihrem nächsten Kammergefolge umgeben, blieb die starke Herzogin aufrecht, dann sank sie ohne einen laut, ohne alles Leben von ihrem Sessel. Entsetzt stürzten die trostlosen Kinder über sie, doch Doktor Stanloff, der mit hütendem Auge seiner Gebieterin gefolgt war, erklärte ihren Zustand für eine tiefe Ohnmacht und verlangte nichts als Ruhe, wonach sich wohl Alle sehnten nach diesem angreifenden Tage. Auch war die Nacht längst herangebrochen. Man trug die Herzogin in ihre Zimmer, und Jeder suchte die seinigen zu erreichen. – So befand sich bald um den, der sonst der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wonne in diesen Hallen war, nur die durch eintönige Worte sich von Stunde zu Stunde ablösende Trauerwache! Der unbewusste Zwang, den feststehende, durch lange Gewohnheit geheiligte Formen über die Gemüter der Menschen ausüben, wird oft eine wohltätige Stütze für das durch Leidenschaften oder erschütternde Ereignisse aus seiner Bahn getriebene Innere. Von dem kleinsten Standpunkte gilt dies, und macht sich auch für den weiteren Gesichtskreis des Lebens geltend. Es belehrt uns über das lange Fortbestehen oft in sich schon bedeutungslos gewordener Formen, welche zu durchbrechen und von dem in der Zeit gereiften Kerne die Schaale abzuwerfen, Wenige nur berufen sind. Diese sind dann der letzte Tropfen in dem zum Ueberfliessen gefüllten Becher einer neuen erkenntnis, wozu in der Stille die Besten vieler zeiten die einzelnen Tröpfchen beisteuerten. Sie haben keinen Maassstab, denn sie sind die ersten dieser Art; aber leicht missdeuten Viele in sich eine leidenschaftliche Aufregung, die ihnen das Recht zu geben scheint, umzustossen und zu durchbrechen, was, von tugendhaften Vorältern erdacht, oft ganze Geschlechter liebevoll umfasste und sie schützend an der rohen Willkür vorüberführte.
Es ist so schwer, an die Stelle des lang Bestandenen das Bessere zu stellen, dass die hierüber leicht gewonnene Erfahrung uns versöhnlich macht gegen das Mangelhafte; und so unzureichend und oberflächlich sind die Ergebnisse jener Umwälzungen, dass ein stilles und in sich geschlossenes Gemüt sich leichter da hinneigt, wo tugendhafte Menschen seit lange Bürgschaft gaben für das Bestehende. Auch reift in der Zeit von selbst schon und allmälig eine Reformation, zu deren siegreichen Zwecken Jeder wohltätig mitwirkt, der in sich selbst die freie entwicklung seiner Kräfte beschloss. Was auf diese Weise von uns dennoch abfällt und nicht mehr zu uns gehören will, das ist zum Staube reif, nicht der übermütigen Laune, sondern der Zeit ist es verfallen!
Die stärksten Gemüter erreichen am leichtesten diesen höhern Standpunkt; Ruhe und wahre Milde haben immer ihren Sitz in dem Gefühle der Kraft, und es ist kein Widerspruch, wenn wir den, der allenfalls die Form durchbrechen könnte, sich fügen sehen