1836_Paalzow_083_175.txt

haben.

Dritter teil

Die beiden Lords, Ormond und Richmond, hatten zwar die Gewissheit, Lady Melville werde mit ihrem Willen von Membrocke geleitet, aber bei dem lebhaften Protest des Fräuleins gegen jeden Gedanken einer Entführung hatten sie gleichwol sich überzeugt, dass sie dessen ungeachtet das Opfer einer Täuschung ward, wofern nicht ihrem ganzen Handeln ein geheimnis anderer Art zum grund lag, das sie ihnen zu verheimlichen gesucht hatte.

Den Rückweg bis zum schloss legten sie unter tausend Plänen und Vermutungen über dies Ereigniss zurück, wobei sich indess das Herz Beider sträubte, ihr eine innigere Verbindung mit Lord Membrocke als Grund unterzulegen, wozu ihre Handlungsweise an und für sich allerdings einigen Verdacht darbot.

Die Hauptfrage blieb indess, was unter solchen Umständen ferner für sie zu tun sei. Denn hätte sie auch durch die genossene Gastfreundschaft sich verpflichtet halten können, Rechenschaft von ihren Handlungen zu geben, so war ihr doch das Recht unbestritten, über sich selbst zu verfügen, und hiermit auch den Nachforschungen ihrer Freunde eine Grenze gesetzt.

Zwei so zartfühlende Männer würden sich dieser Beschränkung ihres Schutzes unter andern Umständen unbedenklich gefügt haben, wären nicht Beide von der Unmöglichkeit überzeugt gewesen, Membrocke könne je eine andere, als schlechte Absicht mit Frauen haben, und hätten nicht Beide mit Zuversicht geglaubt, er habe durch die schlauesten Lügen dies klare, nur zu offene Gemüt betört, ihm zu folgen.

Sie vermuteten, dass die Schwierigkeiten, die sich der Familie Nottingham entgegen gestellt hatten, ihr Auskunft über ihre Verwandten zu verschaffen, benutzt worden wären, um ihrem Vertrauen eine andere Richtung zu geben, und aufs Neue stieg ihre sorge, wohin sie wohl geführt sein möchte.

Die Entdeckung ihrer Flucht hatte dabei die Mutter Richmonds und die alte Herzogin so erschüttert, dass die Beiden von Besorgniss erfüllt waren, so ohne alle Milderung dieses schmerzlichen Gefühles, ja, fast mit erhöhten Sorgen für die junge Lady, zurückkehren zu müssen.

Doch schon fanden Beide die Umstände verändert. Die jüngere Herzogin lehnte alle Erklärungen durch die Kälte ab, mit der sie augenblicklich die Sache abzuschliessen trachtete. Keine Spur war mehr übrig von der heftigen Unruhe, die bei der ersten Nachricht sie fast ihrer stolzen Haltung beraubt hatte.

Wir sind uns das zeugnis schuldig, die Pflichten der Menschenliebe und der Gastfreundschaft an dieser jungen person vollkommen erfüllt zu haben, erwiderte sie dem lebhaften Vortrage ihres Sohnes, glauben uns aber jetzt für uns selbst und unsere Umgebungen ihrer vollkommen entledigt durch das Stillschweigen und unerhörte Dunkel, worein sie sich zu hüllen für gut befunden hat.

Ich, die ich dieser jungen person eine mütterliche Güte erzeigte, ich fühle, dass ich die einzige bin, die sich von dieser Handlung gekränkt ansehen kann. Ich gebe aber dies Gefühl und das damit verbundene Recht meines fernern Schutzes hiermit auf, da ich einsehe, dass ich überhaupt nur dies zartere Recht besass, sie von der eigenen Lenkung ihres Schicksals abzuhalten. Ich danke Ihnen daher, Mylord Ormond, und Dir, mein Sohn, für die Bereitwilligkeit, die Wünsche meiner ersten Ueberraschung zu erfüllen; ich erkläre die ganze Sache damit beendigt und werde, wenn es mir späterhin zulässig erscheint, aus eigenem Gutdünken darüber bestimmen, ob noch das Eine oder das Andere in dieser störenden Episode unseres würdigen Familienlebens zu tun sei, und im Fall ich dabei der hülfe bedürfte, die Eure jeder andern vorziehn.

Du wirst gewiss Deiner Grossmutter selbst Deinen Bericht machen wollen. Meine Abreise nach GodwieCastle ist auf morgen festgesetzt, und ich freue mich Deiner Begleitung, mein Sohn! In Wahrheit, wir alle haben wichtigere Pflichten und Sorgen, als die Torheiten einer Fremden zu beleuchten oder uns zu Herzen zu nehmen. –

So entfernte sich die Lady, jede Gegenrede abschneidend, und so fanden die Lords auch die alte Herzogin, deren vorherrschende Güte zwar eine so stolze Härte nicht zuliess, aber doch von sich selbst fast jedes Interesse ablehnte und mit einem leisen Anhauch von Empfindlichkeit Alles an ihre Schwiegertochter verwies.

Beide Lords trennten sich mit der überzeugung, es sei während ihrer Abwesenheit zu unangenehmen Erörterungen zwischen den beiden Damen gekommen, wobei jedoch Richmond unbekannt blieb, wie er selbst durch die Aeusserungen seiner Teilnahme dieser misstrauischen Frau eine bedeutende Veranlassung geworden, gegen Lady Melville kälter zu werden, und wie daraus eine Abweisung der Vorschläge ihrer Schwiegermutter entstand, welche diese engelgute Frau selbst nicht ohne einige Empfindlichkeit vernehmen konnte.

Was jedoch die Gefühle anbetrifft, die Richmond in Anspruch nahmen, so fühlte er auf der Stelle den Vorwurf der Mutter, und wie frei er sich auch davon wusste, ihn verdient zu haben, gelobte er sich doch fest, dass kein anderes Interesse, als das seines ehrwürdigen Grossvaters, dessen schwierige Lage er besser noch, als seine Mutter kannte, ihn vorherrschend beschäftigen solle, bis jene Angelegenheiten eine erwünschtere Wendung genommen haben würden. Dann, sprach er zu sich selbst, und eine tiefe Röte drängte sich hervor, dann sei mir Gott gnädig! –

Wir finden bald nachher die herzogliche Familie in Godwie-Castle versammelt. Die alte Herzogin hatte Burtonhall verlassen, um sich zu ihrer Schwiegertochter zu begeben, welche bald nach dem letztgemeldeten Ereigniss nach Godwie-Castle zurückgekehrt war. Die Jahreszeit war zu weit vorgerückt, um andere Versammlungsörter zu bieten, als die, welche die gesellige Flamme von den behauenen Fichtenstämmen, in den weiten Räumen der hohen Kamine durch alle Gemächer heimliche Wärme verbreitend, darbot. Der Nordwind erreichte das Schloss durch die unbelaubten Wälder, die Sonne blieb verhüllt oder blickte nur matt durch dichte