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sie mit einer Art ängstlicher Scheu aus ihrer Nähe entflohen. Doch vor dem Sarge ihres Lieblings schien die Mutter wieder in ihre alten Rechte einzutreten, und die wenigen Worte, welche sie mit Tränenerstickter stimme der ehrwürdigen Frau zurief, zeigten auch ihr, dass die Rinde gesprungen sei, die dies beladene Herz zu ersticken drohte. Die zahlreichen Zeugen geboten dem Zartgefühl beider Frauen sich zu fassen, um die letzten Pflichten für den Entschlafenen mit der Würde erfüllen zu können, die den Frauen dieses Hauses bei den Leichenbegängnissen ihrer Gatten die harte notwendigkeit ihrer Gegenwart auferlegte.

Als die alte Herzogin ihren Platz eingenommen und die Witwe zu ihrem Sitze zurückgekehrt, begann der Geistliche nach dem Ritus der hohen bischöflichen Kirche die Einsegnung der Leiche, deren Verhüllung nun gehoben ward, um der Versammlung die wirkliche überzeugung von ihrer Identität zu geben. Von dem kräftigen Geschlecht der Vorahnen her war es hier Gebrauch geblieben, dass die Witwe sich zuerst dem Sarge nahte und, nachdem sie die Leiche angeblickt, die Hand zur Beglaubigung, dass sie wirklich gegenwärtig, empor hob; dasselbe taten dann sofort die nächsten Verwandten, und der versammelte Adel nahm dies als eine ihm getane Versicherung auf. Als dieser Moment nahte, sprang der junge Graf von seinen Knieen, auf denen er die ganze Zeit über in tiefer Andacht geblieben, auf, und ehe die Herzogin sich dem Sarge nähern konnte, lag er zu ihren Füssen und schien sie mit der grössten Heftigkeit um etwas anzuflehn. Die Anwesenden konnten leicht erraten, dass der besorgte Sohn seiner Mutter einen zu schmerzlichen Anblick ersparen wollte, da der vor vier Wochen erfolgte Tod des Herzogs und der weite Weg, den die Leiche gemacht, trotz allen Vorkehrungen jeden wohltuenden Zug und Eindruck verlöscht haben musste. Aber die Herzogin schien unerbittlich, ja, zürnend, und wie ihr Sohn, von Salisbury's Worten unterstützt, ihre Kniee umfasste, als wollte er mit Gewalt sie hindern, befahl sie ihm aufzustehn. Eine leichte Röte belebte das blasse Angesicht, und mit vernehmlicher stimme sprach sie wie unwillig: Hältst Du mich für schwächer, als die edlen Frauen, die vor mir diesen gang getan? Trostlos erhob sich der junge Mann, und sein blick richtete sich, wie nach der letzten hülfe, zu seiner Grossmutter empor. Aber diese schien dies Mal nicht sie geben zu wollen, ihr feines weibliches Gefühl sagte ihr, die Herzogin würde hier sich nicht zurück ziehen. Diese Pflicht, wozu das sehnsüchtige Herz sie trieb, diese Pflicht, die sie in der Gegenwart ihrer Verwandten, Befreundeten und Untergebenen erfüllen sollte, konnte sie nicht unterlassen, ohne eine Schwäche zu zeigen, die der Würde und Seelenstärke widersprochen hätte, die ihren charakter und ihren Ruf in der Welt bezeichnete. In ihren teilnehmenden, aber klaren Blicken lag das Vertrauen zu ihrer Schwiegertochter: auch sie würde das mit Würde vollziehen, was sie selbst und vor ihr so Viele an dieser Stelle vollzogen hatten.

Sie irrte sich auch nicht, und der zärtliche Sohn hatte, ohne es zu ahnen, durch seinen Widerstand eine neue Stütze ihr gewährt; ihr Stolz war erwacht, und ein leichter Unwille über die scheinbare Störung der so wichtig erachteten Trauerceremonien gab ihr die Kraft, ihre Erweichung zu besiegen. Sie winkte ihren Sohn und den Grafen von Salisbury zurück, und näherte sich mit langsamen, würdevollen Schritten dem Hauptende des Sarges. Der Körper, überdeckt mit einem weiten Fürstenmantel, ruhete jetzt vor ihren gespannten, angstvoll geöffneten Augen unverhüllt; das teure Haupt, einst mit allem Zauber männlicher Würde und den weichen Zügen des Gefühls und der Güte geschmückt, war jetzt zu einer unscheinbaren gelben Maske vertrocknet; und der Schauder, einer völlig fremden, kaum Menschen ähnlichen Bildung gegenüber sich zu finden, drohte sinnverwirrend den Geist der starken Frau zu ergreifen. Schon durchzuckte das wildeste Entsetzen ihre Seele, und Alles um sie her verschwand aus ihrer Erinnerung, – noch solch' ein Moment, und sie wäre entflohn und mit ihr vielleicht das Bewusstsein des Geistes, das unterzugehen drohte. Schrecklich war die Angst der sorglich auf sie Blickenden, denn in ihren Zügen und dem starren blick ihrer Augen malte sich ihr jäher Zustand. Aber Gott hielt seine segnende Hand schützend über dies schuldlose Haupt. Sehr bald minderten sich die scharfgespannten Züge, Friede kehrte zurück, sich steigernd bis zur sanftesten Rührung. Ihr blick hing mit Zärtlichkeit an diesem grauenhaften Bilde, denn sie hatte ihn wieder erkannt an dem schönen, lockigen Haar, das der Tod nicht zu zerstören vermochte, und das er in seltener Schönheit besessen hatte. Ihre Besinnung kehrte zurück, und lange Gewohnheit einer grossen Selbstbeherrschung kam ihr zu hülfe.

Das Gefühl, ihn erkannt zu haben und jetzt gewiss seine heiligen Ueberreste zu besitzen, hob sie über ihre natur mit einer Art von Entzücken, das um so mächtiger sie ergriff, als es der plötzliche Uebergang von dem trostlosesten Entsetzen war. Sie richtete sich an seinem haupt mit einer Art von Begeisterung empor, noch ein Mal blickte sie nieder, und ein Lächeln umzog die bleichen Lippen. Dann schaute sie, ihrer Pflicht gedenkend, mit dem Ausdrucke der glühendsten überzeugung umher, und während ihre Lippen wie zu Worten sich bebend öffneten, hob sie wie eine Seherin die lilienweisse Hand empor und blieb so einen Augenblick stehen, Jeden zum Zeugen ihrer überzeugung aufrufend. Unbeschreiblich war der Eindruck dieser sich folgenden Bewegungen; Bewunderung gesellte sich der tiefsten Rührung zu, und ein unartikulirtes Geräusch von vielen hundert Stimmen durchströmte die weite Halle.

Doch dies