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sie umgebenden Gegenstände zu erkennen, und mit gebeugtem kopf an der Tür stehen blieb. Als ihre Augen sich von dem schnellen Wechsel erholt hatten, sah sie sich in einem etwas grösseren, runden und gewölbten Zimmer, an dessen getäfelten Wänden und Fussboden das Licht des Feuers zu erblinden schien, da das dunkle Eichenholz mit noch dunklern Tafeln behangen war, welche gefühlverletzende Darstellungen von Märtyrergeschichten entielten, die eben keinen vorteilhaften Begriff von dem Sinn und Geschmack der Bewohnerin erwecken konnten. Eine Nische von kunstreich durchbrochenem Holze umschloss ein besser gelungenes Bild des Erlösers, vor dem zugleich ein Altar und ein Betschemmel standen. Einige hohe Sitze, welche gleich Chorstühlen zwischen den Fenstern hinliefen und ein eben so verzierter Schreibtisch waren der zunächst zu übersehende Inhalt des Gemaches, wovon Maria's Aufmerksamkeit indess abgelenkt wurde, da Electa sie ermutigte vorzuschreiten. Zunächst dem Kamin, doch so, dass sein Schatten sie deckte, gewahrte sie nun in einem der hohen Chorstühle eine weibliche Gestalt, welche mit hohler trockener stimme sie nötigte, näher zu treten. Kein Ton erinnerte Maria an die schrecklichen Laute des Wahnsinns, die sie gefürchtet hatte zu vernehmen, und der Anblick der person, so traurig und abschreckend er war, passte zu keiner der furchtbaren Erinnerungen. Sie war ohne alle Abweichung von Schnitt und Farbe in ein prachtvolles Nonnengewand gehüllt, dessen kostbare Stoffe aus ihrer höhern Würde sich erklären liessen, welches übrigens bloss ihr schlaffes, gelbes Angesicht und ihre hagern, langen hände sehen liess, die von einem Rosenkranz umschlossen, müde vor ihr niederhingen.

Maria, die eine Anrede erwartete, sah sich den prüfenden, stechenden Blicken der düstern Erscheinung ausgesetzt, die, ohne alle Rücksicht auf Gastfreundlichkeit, bloss das helle Licht des Kamins, in dessen Beleuchtung Maria stand, zu benutzen schien, um die Persönlichkeit ihres Gastes vollständig zu erforschen.

So beleidigend dies auch war, so fühlte Maria doch eine Beklemmung und Bangigkeit, die es ihr unmöglich machten, selbst diesen kränkenden Empfang zu unterbrechen; ja, ihr Auge hing fast mit derselben Achtsamkeit an dieser unheimlichen Gestalt, als müsste sie ihre Bewegungen bewachen, um sich vor ihr zu schützen.

Dies lange Examen ihrer Augen kündigte sich als beendigt an durch ein verächtliches Lächeln, welches plötzlich das leblose Gesicht der alten Lady überschlich. Halb sich seitwärts wendend, redete sie sodann einen Mann an, der hinter ihrem Stuhl bis auf den Kopf verborgen sass:

Es ist dieselbe eitle Schönheit, die ich an ihr wahrnehme, und die ihre Herkunft mehr bestätigt als die Versicherungen der Beteiligten. Eine gute Aufgabe, wenn der Sinn ihrer Ahnenfrau sich auf sie übergetragen hat! Ihr könnt dann Eure Weisheit zusammen nehmen, denn zur Zeit reichten alle festen Schlösser von Schottland und England nicht hin, das zu hüten, was unter so einer weltlichen Haube hockte. – Ein kurzes heiseres lachen vollendete die unverständliche Rede.

Wir vertrauen auch keiner weltlichen hülfe, erwiderte der Angeredete, sondern dem Einfluss und der Fürbitte unserer gebenedeiten Mutter Gottes, welche Vorsorge trägt für die Verirrten ihres Geschlechts, wie Ihr in Demut anerkennen werdet.

Ein ziemlich misslauniges Gesicht bog sich von dem Antwortenden weg, während die hände ohne Säumniss ein paar Kreuze schlugen und einige Kügelchen des Rosenkranzes abzählten.

So ist es, hochwürdiger Herr, sprach sie sodann sehr gleichgültig; die Heiligen haben das Vollbringen, und wer dies Geschlecht kennt, wie ich, der muss hoffen, dass sie sich alle vereinigen werden, es zu vertilgen. Bei den letzten Worten zuckte ein wildes Feuer aus ihren Blicken, und sie schleuderte sie wie einen Blitz auf Maria hin.

Es ist zwar nicht meine Wahl, dass Ihr hier seid, begann sie jetzt, zu dieser gewendet; denn dies Haus geniesst eine Heiligung, die durch profanen Besuch nicht verletzt werden sollte. Da man mich aber versichert, Ihr würdet durch das Beispiel der hier waltenden heiligen Kirche bald von Euern Irrtümern zurückgebracht werden, so darf ich die Hand zu einem Werke nicht verweigern, dessen Verdienstlichkeit ich in Demut erkenne. Ich habe Euch demnach vor mich gefordert, um Euch die erlaubnis zu erteilen, unter uns zu erscheinen und durch das, was Ihr sehen werdet, Euern Geist in die Stimmung zu bringen, die Euch mit Eurem Gewissen versöhnen wird.

Maria kämpfte während dieser trocknen, unfreundlichen Rede mit aller Macht gegen ihr beleidigtes Gefühl; ihre Wangen röteten sich, und ihre Augen füllten sich von diesem schmerzlichen Kampfe.

Ihr werdet ohne Zweifel wissen, erwiderte sie jetzt mit bewegter stimme, wie ich hierher gekommen, und wie wenig es in meine Willkür gestellt worden ist, Euer Haus zu suchen oder zu vermeiden; wenn Ihr aber Gründe habt, den Anordnungen derer, die mich hierher führten, zu folgen, so rechnet es mir nicht an, wenn ich Euch lästig bin. Ich werde Eure Gastfreundlichkeit, wenn Ihr mir sie gewähren wollt, nicht durch ein störendes Betragen vergelten und, so lange ich hier bleiben muss, ehren, was Andern ehrenwert erscheint, wenn meine Erziehung mir auch eine andere Richtung gab. –

Ihr macht vor allen Dingen zu viel Worte. Lange Erwiderungen sind überall unpassend, wo strenger Gehorsam das einzige ist, was verlangt wird, und man Eurer Versicherungen nicht bedarf, da sich von selbst versteht, dass Ihr keinen Einwand zu machen habt. – Ich muss bekennen, ehrwürdiger Herr, fuhr sie fort, mit demselben kalten, verächtlichen Tone sich wieder rückwärts wendend, ich finde mich bloss aus achtung für Eure und des Pater Clemens höhere