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worauf ein Frühmahl bereitet stand, das der Schlossküche Ehre machte und nichts vergebens aufgestellt war für Maria's angeregte Esslust.

Sie beschäftigte sich alsdann damit, die Einrichtung ihrer Zimmer zu mustern, und untersuchte besonders ihre Bibliotek, die, allerdings von einseitiger Auswahl, Maria aufs Neue die unheimliche überzeugung gab, dass man auf alle Weise ihrem geist jene Richtung zu geben trachte, welche in diesem haus die allein geduldete war.

Eine kleine Ausgabe des italienischen Homers war hinter andern Büchern verborgen, offenbar eine Abweichung vom vorgeschriebenen Plan, die Pater Clemens sich erlaubt. Es erfreute sie dies um so mehr, da sie eine tröstliche Zusage seiner milden, wohlwollenden Gesinnungen darin wahrnahm, das einzige Unterpfand aller Hoffnung für ihre Zukunft.

Diese Beschäftigungen wurden von der Schwester Electa unterbrochen, welche erschien, sie zu dem bevorstehenden Besuche abzurufen. Maria empfing sie mit der ihr eignen huldvollen Güte, und fest entschlossen, den Rat des Pater Clemens nicht zu vergessen, so lange es sich mit ihrer Würde vereinigen liesse, eilte sie mit Margarits hülfe, ihre Kleidung in eine ernste Form zu bringen, was ihr leicht gelingen konnte, da sie, zum Wechsel ihrer Reisekleider, nur die bei sich führte, die sie als Trauer für ihre Verwandte getragen. Ihre Juwelen liess sie zurück, und die Fülle ihrer schönen Locken verbarg sie unter einer schwarz sammetnen Haube, die, an der Stirn mit einer Spitze anliegend, in zwei kleinen Bogen bis zu den Wangen sie umschloss, und wenn auch allerdings zur herrschenden Welttracht gehörend, doch ein ungemein einfaches und ernstes Ansehn verlieh. Sie suchte während dieser Anordnungen ihr Gemüt zu sammeln und den Schauer zu überwinden, der jeden Augenblick, bei dem Andenken an das Erlebte, ihre Fassung zu überwältigen drohte; ja, sie ermahnte sich, höchst vorsichtig in ihren Aeusserungen zu sein und Alles genau zu beobachten, was um sie her vorgehe.

Als sie bereit war, folgte sie der in grossen Ernst versenkten Gefährtin, welche sie zu dem Hausflur führte, von wo breit geschwungene, schwerfällig verzierte eichene Treppen in die obern Zimmer des Schlosses gingen. Ueberall zeigte sich der prachtliebende Sinn der Erbauer oder Bewohner, und die polirten Stufen stimmten vollkommen mit den dunkeln eichenen Wänden überein, an denen in goldenen Rahmen eine Reihe Bilder hingen, unterbrochen von künstlich verzierten Wandleuchtern, welche doch schwerlich mit ihren dicken gelben Kerzen die dunkeln Räume erhellen mochten, die keinen lichten Gegenstand zum Reflex ihrer Strahlen darboten. Der trübe Morgen erhellte nur sparsam diese Gegenstände, denn sein an und für sich schwaches Licht fand keine Unterstützung in den Scheiben von gemaltem Glase, die keinen blick nach der Gegend gestatteten, wohin sie führten. Auf der breiten saalartigen Brüstung, wo sich beide Treppen oben vereinigten, brannten ein paar schwache Kaminfeuer, und hier fand sich ein Diener, der, dem leisen Befehl der Schwester Electa folgend, hinter einem grossen, sehr roh gezeichneten Gobelin verschwand, welcher den Haupteingang zu den inneren Gemächern zu verbergen schien.

Mit einem schrillenden Ton fuhr alsbald diese Vorwand zurück, und von dem stummen Diener angewiesen, traten Beide in das Innere ein.

Der grosse Saal, der sie aufnahm, schien gänzlich unbenutzt, denn der weisse Marmor seiner Wände zeigte sichtlich die trübe Farbe des Staubes und der Feuchtigkeit, wovon die Luft durchdrungen war, und die fast erschreckend die Eintretenden anfiel.

Es folgte auf der rechten Seite, wohin sie sich wendeten, eine Reihe von Zimmern, die reich mit Sammet, seidenen und goldenen Tapeten behängt und ausgestattet waren, zugleich aber, unfehlbar aus einer neuern Zeit herstammend, eine Reihe Gemälde aus der Heiligen- und Legenden-geschichte entielten, die jedes feiner ausgebildete Gefühl für Kunst empören mussten. Vor der letzten Tür blieb Electa, welche alle diese Räume mit gesenktem haupt durchwandert und bei ihrem raschen Vorschreiten Maria nur wenig Zeit gelassen hatte, Beobachtungen zu machen, einen Augenblick stehen, und Maria's Näherkommen erwartend, sagte sie leise: Ehrwürdige Frau wird sie genannt.

Sie drückte die Tür auf, und Maria stand in einem kleinen leeren Raum, der, von oben Licht empfangend, einen Flur bildete, von wo eine schmale Wendeltreppe aus den untern Räumen in die Höhe führte. Augenblicklich rief dieser Anblick ihr die Erzählung Margarits von jener Treppe zurück, wo der unglückliche, wahnsinnige Herr des Schlosses seinen verzweifelnden Geist ausgehaucht hatte, und die kleine spitze Tür, der sie sich näherten, schien mit ihrer breiten Schwelle und tiefen Nische das Sterbelager des Unglücklichen zu sein, auf dem seine Gemahlin ihn am Morgen vergeblich zu erwecken suchte. Schaudernd blieb Maria stehen, und nahm wahr, wie Electa's Schritte gleichfalls zögernd inne hielten, und sie erst nach einem kurzen Gebet, einer Bekreuzigung und Besprengung aus dem an der Tür aufgehängten Weihkessel sich zum Vorschreiten anschickte.

Fast wider Willen folgte ihr mechanisch Maria, und sie standen nun wirklich in einem düstern Schlafgemach, mit dunkeln grün-damastenen Tapeten und einem ungeheuern Himmelbett versehn. Das Zimmer, in enger, halbrunder Form, durch einige schmale, hohe Fenster matt erleuchtet, war das Innere eines Turms, zu dessen anderer Hälfte eine etwas grössere Tür führte, der sie sich jetzt näherten.

Dies zweite Gemach war von einem hellen Kaminfeuer sowohl erwärmt, als erleuchtet, denn der Tag blickte auch hier nur sparsam, kaum eingelassen, durch die hohen, aber schmalen gotischen Fenster. Das hell vorspringende Feuer bewirkte aber, dass Maria, im ersten Augenblick geblendet, ausser Stand war, die