ihr schönes Antlitz zeigte Licht und Farben, ihr schlanker Wuchs hob königlich sich höher, und der Ton ihrer stimme hatte die bebende Tiefe, die aus einem gekränkten Herzen kommt.
Pater Clemens übersah dies nicht und fühlte wohl, wie wenig fürs Erste diese Stimmung geeignet sei, ihrem Schicksal eine bessere Wendung zu geben; aber diese Betrachtung war zugleich mit einem warmen Gefühl der Teilnahme verbunden und machte es ihm unmöglich, ihren Vorteil ganz zu übersehen, ja, ihn beschlich sogar ein Gefühl von Furcht vor derselben Macht, der er diente, als müsste er sie davor zu schützen suchen. Vielleicht hätte ein etwas ruhigeres Nachdenken ihn dieser menschlichen Empfindung entzogen und ihn wieder zum Sklaven seiner aufgenommenen Pflicht gemacht. Häufig indess übt eine wahrhaft edle natur auf ein mühsam bezwungenes Gemüt, worin der edle Keim, überbaut von Absicht und Sophisterei, begraben liegt, die magische Gewalt, belebend zu dem halb Erstorbnen einzudringen. Es entstehen so oft Zeichen eines höhern Daseins in einem sonst leer davon befundenen Leben, wunderbarer, als die Oasen in der Wüste, und vergänglicher und leichter überschüttet von dem heissen Sande des ringsum herrschenden Bodens. Genug, der Pater zögerte nicht, ein Mensch zu sein.
Wünscht diese Zusammenkunft nicht in dieser Stimmung, sagte er leiser, und lasst Euch warnen, den Geist nicht zu zeigen, der Euch belebt. Man fürchtet eben Euer hochstrebendes Gemüt, und wenn man sich davon überzeugt hielte, würdet Ihr nie mehr diese Mauern verlassen dürfen. Erschreckt nicht so heftig, sprach er begütigend weiter, da er die blasse Stirn, den Schreck des edlen Wesens sah, Ihr sollt nicht umsonst mir Vertrauen geschenkt haben. Haltet mich nicht zurück. Ich kann Euch nützlicher sein in der Ferne, und ich will es, wenn Ihr mir dagegen feierlich gelobt, Euch hier mit Klugheit zu verhalten, durch keinen Widerspruch eine zürnende Aufmerksamkeit auf Euch zu lenken, still ehrend Electa's und der Andern Glaubenseifer zu begegnen, und ruhig den kühnen Geist in Fesseln einzuschlagen. Dann, fuhr er schwankend fort, glaubt man vielleicht, wenn ich zu Eurer Freiheit Euch das zeugnis des beschränkten Sinnes gäbe – doch genug, unterbrach er sich sichtlich beängstigt. Die Teilnahme macht mich geschwätzig; ich hoffe, Ihr werdet mich nicht missverstehn. Ich ehre jede Absicht meiner Obern und hoffe ihnen nicht zu nah damit zu treten, dass ich zu Duldung und Gehorsam Euch ermahnte.
O, bereut nicht, edler Mann, was Euer menschlich Herz Euch sagen liess, rief kindlich zärtlich hier Maria. Ihr habt genug gesagt. Kann ich auch den Grund von diesem Verfahren nicht erkennen, so weiss ich doch die Absicht und will mich wahren, mit Gottes Beistand, obwol ich niemals absichtlich zu täuschen gelernt, sondern es stets verschmäht habe. Ich will Gott bitten, dass er mir eingebe, was nötig ist, die Feinde hier zu täuschen; denn Freiheit ist so süss, und jenseits dieser Mauern lebt noch so manche heitere Hoffnung. Ach, helft mir sie erringen, und glaubt mir die schöne Welt, die Gottes Offenbarung war, sie ist nicht sündig, und Sünde nur ist, was sie von Gottes Ebenbild trennt.
Tränen flossen auf die Hand des Priesters, die Maria mit den ihrigen fest umschlossen hatte, und so lebensvoll, so überzeugt sprach sie ihm zu, dass es fast schien, als habe sie vielmehr das Werk der Bekehrung an ihm versucht und sei weiter darin vorgedrungen, als mit seinem Berufe sich vertragen wolle; denn das niedergeschlagene Auge konnte nicht ganz verbergen, was seine ausdrucksvollen Züge von innerem Widerspruch und tiefer Rührung sagten.
So lasst uns scheiden, sagte er sanft, und Gott behüte Euch und lenke Alles nach seinem Wohlgefallen.
Sanft beugte Maria das Haupt, und segnend berührte er es einen Augenblick. Leise, aber fest, verliess er das Gemach, und Maria blieb nicht so trostlos zurück, wie er sie gefunden. Ein Strahl von Hoffnung erhellte die düstern Räume ihres Herzens, in welche mit der vollen Kraft der Jugend das Vertrauen wiederkehrte und der Mut, dem Widerwärtigen zu begegnen. –
Wir wollen nicht behaupten, dass Maria's Mut derselbe blieb, als sie am nächsten Morgen die Augen aufschlug und ihre Gedanken darauf fielen, dass Pater Clemens längst aus diesen Mauern entfernt sei und sie allein Allem gegenüber stehe, was ihr fremd und besorglich erschien. Aber der gesunde Schlaf der Jugend hatte nicht umsonst ihren Körper erquickt; frei lebte er auf, und in ihm fand die Seele Ruhe.
Margarits Vater bereitete das Frühstück an dem lodernden Feuer des Kamins, während Maria sich mit hülfe der Tochter im Nebenzimmer ankleidete. Bei ihrem Eintritt empfing sie eine sehr feierliche Einladung des alten Dieners, der Herrin des Schlosses sich vorzustellen.
Ich bin bereit, erwiderte Maria mit leichtem Wechsel der Farbe; sagt Eurer Dame meine Willfährigkeit, ihr aufzuwarten. Sie wird die Stunde Euch vielleicht bestimmt haben, wann sie mich empfangen will, denn wenig kenne ich noch die Ordnung des Hauses.
ihr Gnaden bedürfen einer langen Morgenruhe, sprach der alte Diener, die Augen niederschlagend. Schwester Electa wird Euch, Mylady, abrufen, wenn ihr Gnaden dazu bereit sind.
Schön, mein guter Alter, erwiderte Maria; wir sind erst kurze Zeit Bekannte, ich habe Euch aber Dank zu sagen für die Sorgfalt und Güte, die Ihr mir bei einigen Zufälligkeiten erwieset.
Schuldigkeit, durchaus Schuldigkeit, murmelte der alte erfreute Mann und schob den Sessel zu dem Tischchen,