regellosen Tätigkeit. Eine Gnade Gottes ist der geistliche Gehorsam, dem wir allein dann angehören, und von bevorrechteter geistlicher erkenntnis gelenkt, werden wir von der Sünde entfernt. –
Aber auf welchen Wegen glaubt Ihr, sprach Maria, dass jene Gotterfüllten, bevorrechteten Führer fähig wurden, uns Irrende zu leiten und verantwortlich für uns zu werden? Glaubt Ihr nicht, dass sie mit sich selbst erst anfingen und der Selbstberatung nicht überhoben waren, um ihren Geist zu der Höhe zu führen, die sie nun erst für Andere zu einem schützenden Vormund ihrer schwächern Seele macht?
Die heilige Kirche, erwiderte Electa, verleiht ihren Dienern, ohne sie durch die befleckenden Wege gewöhnlicher Menschennot zu führen, die Höhe und Heiligkeit, von welcher den Schwächern mitzuteilen sie berufen sind. Ein ganzes Leben, in heiliger Einsamkeit und Unschuld zugebracht, ein Leben, an das nie ein irdisches Verlangen streifte, ein Leben, dass durch die Satzungen der Kirche über uns so weit erhoben ist, soll von uns nicht mit dem Maassstabe gemessen werden, der unser eigenes irdisches, unvollkommenes Dasein uns gibt. Wenn ihnen Kämpfe aufgegeben sind, wie uns allerdings die Geschichten der Heiligen sagen, so sind diese so weit über denen, die wir zu bestehn haben, dass ihrer teilhaft zu werden, schon eine Heiligung für uns wäre. Die Not, die uns beugt, liegt als ein unbekanntes Gebiet weit ab von ihrer Bahn; und doch suchen sie den Seufzenden dort auf, doch wissen sie ihn zu finden, und die reine Atmosphäre ihrer Nähe, zu der sie uns hinziehn, ist der Anfang, womit sie uns Schauder erregen vor unserer weltlichen Gestaltung. Denn allgemach zu dem Mute zu erstarken, die Seele aufzutun, die Sünde auszusprechen, von der wir uns selbst nur ein lügenhaftes geständnis abzulegen vermögen, die Wahrheit aufgedeckt zu hören von dem geheiligten mund des Reinen, Untadeligen und uns selbst baar von jeder Täuschung zu erkennen; ferner in der Angst und Qual der Sünde, die uns dann befällt, an ihn uns festalten und uns nicht verloren halten zu dürfen, so lange wir ihm gehorchen, ja von ihm die Last unserer Sünde getragen zu fühlen, ihn verantwortlich dafür gemacht zu sehen, wenn wir bloss befolgen, was sein heiliger Mund gebietet – wie wäre damit die eitle Sucht zu verbinden, die Retter unserer Seele selbst auf eine Linie der Betrachtung mit uns zu stellen, da sie doch so hoch über uns stehen.
Es muss ein schönes los sein, das gefunden zu haben, was Ihr schildert, erwiderte Maria. An einem hochbegabten reinen Geist in unserer Nähe uns aufzuranken und in seiner klarheit leicht zu erkennen, wo in uns selbst es dunkel blieb; Wahrheit gebend und empfangend, sich auszuheilen von dem leicht gehegten Schein derselben, das ist ein seliges los; wer es gekannt, und einsam dann verbleiben muss, der welkt am Boden früher hin.
England, rief hier Electa mit heiligem Eifer, ist arm geworden an dem heil'gegen Troste, den ich meine, und darum verwirrt ein irres Suchen dies arme Land. Der Sünder will vom Sünder Schutz, der von derselben irdischen Not belastet seufzt, und der für den Leidenden an seiner Seite nur dieselbe Qual zum Austausch der Empfindung, nicht aber die Kraft zu entsündigen erhalten hat. Alle, die dem neuen geist fröhnen, alle die, gleich Euch, Mylady, wie mir däucht, an weltliche Bande denken bei dem, was ich auf jene höhern Geistlichen bezog, die werden welk werden vor der Zeit. Denn es ist zwar noch die Wurzel, die ihrer inneren natur gemäss Zweige und Ranken treibt, aber die Hand des Gärtners fehlt, die sonst empor das strebende Gewächs gezogen hätte; sich selbst überlassen, überwächst sich der Keim, erstickt in eigener ungeregelter Fülle und welkt am Boden hin. –
Dies Gleichniss scheint Ihr, gute Schwester, auf unsere Kirche zu beziehen, und fragen möchte ich Euch dagegen, ob Ihr denn die Eure noch auf dem Standpunkte glaubt, den Ihr so eben schildertet, und der sich allerdings in ihrer früheren entwicklung vorfand. Nie habe ich ohne achtung und Verehrung der frommen Männer denken können, welche zuerst die Inbrunst ihrer Liebe und Anbetung unter jenen Formen darzustellen strebten, worin nach ihnen so viele Tausende mit gleicher Inbrunst ihr heisses Andachtsgefühl versenkten, und es heiligten und heilig übertrugen, durch das unschuldige Verlangen, das Höchste, was uns gegeben ward, zu ehren. Sie hatten sicher einen göttlichen Ruf empfangen, und erstaunenswürdig bleibt, was ihnen in einer Welterrschaft gelungen, welche ohne Beispiel in der geschichte steht, und deren Segensfülle in allen Richtungen nachzuweisen ist. Doch eben sie, die geschichte, lehrt uns auch die ganze Stiftung als ein Menschenwerk betrachten, das der Welt seine grossen Dienste tat, und, des Inhalts entledigt, den das Bedürfniss erheischte, nun leer geworden ist und den gang alles Irdischen, allmäligem Verfall entgegen geht. Noch sind einzelne Seelen mit ihrer frommen reinen Liebe vermögend, einen Sinn hinein zu legen, dem ihrer ersten Stifter ähnlich. Aber dies ist individuell, es ist nicht mehr das Werk, der Geist der Kirche! Haltbar ist nicht, was Basis einer Weltentwickelung war, die, erreicht, nun ein anderes Bedürfniss sucht und findet; und so, erlaubt es mir zu denken, ist die Reformation entstanden, nicht Menschenwerk dem Menschenwerk entgegen, sondern notwendige entwicklung der Menschheit in sich, das Bedürfniss eines höheren Lebens im geist, unabhängig von dem