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in der schmerzlichen Abspannung ihres Geistes, dahin deutete sie die überhand nehmende Schwäche ihres angegriffenen Körpers, darnach sehnte sich ihr ermüdetes Herz. Aber es ist selten der Wille des himmels, unsern Körper zur Zerstörung an unsere Seelenschmerzen zu übergeben. Nur wer zum ersten Male den Umfang einer Trostlosigkeit kennen lernt, die ihn schnell von allen gewohnten Banden des Lebens ablöst, hofft und erwartet sie durch den Tod gelöst zu sehen. Eine andere Wechselwirkung ist uns aufgegeben, ein anderer Sieg dem schmerzbeladenen geist aufgehoben! Gegen unsern befangenen Willen bleibt die zarte Körperhülle für die in ihr tobenden Stürme ausreichend, bis wir den Frieden mit allen Erscheinungen in und ausser uns schliessen, und, erstarkt im Kampfe, weder unsere Auflösung hoffen, noch sie zu wünschen wagen. Wer aber einen tiefen, umfassenden Schmerz erlebt, der ihn aus allen Freudentempeln der Vergangenheit scheuchte, der erwacht zum Weiterleben, wie ein Verbannter, der fern von dem Boden der Heimat, wo sein Glück und seine Lieben wohnen, an der fremden Stelle nichts sucht und erwartet, und als ein stiller teilnahmloser Gast, als ein neid- und freudloser Beobachter die Schätze der Erde nicht mehr für sich vorhanden glaubt. Oft geht der Unglückliche diesen Weg, ohne zu ahnen, dass es der Weg zu einer lichtvolleren Erkennung des Lebens ist.

Lady Maria stand nach einigen Stunden erschöpfenden Schmerzes von ihren Knien auf, und blickte sich kalt und gleichgültig an, als ihr blasses, leidendes Gesicht aus dem Spiegel zurücksah. Sie hätte keine Fremde gefunden, die ihr gleichgültiger geschienen hätte, als sie sich selbst. Nur eine dumpfe Vorstellung des Erlebten und der augenblicklichen Lage war ihr nach so vielen Anstrengungen und Erschütterungen geblieben, nur eine klagenlose Ergebung, eine völlige Mutlosigkeit, gegen ihr Schicksal anzukämpfen; und hätte man jetzt den Schleier der Ursulinerinnen über sie geworfen, sie würde ihn lächelnd als eine Wohltat empfangen haben. Diese Stimmung hatte Zeit um sich zu greifen, denn ob absichtlich oder zufällig, ihre Einsamkeit ward bis zur Mittagszeit nicht gestört.

Margarit meldete ernst und schüchtern, dass das Mittagessen aufgetragen sei, und sie folgte ohne Erwiderung der Meldung. Aber der alte Diener, der heute in ein festes Schweigen gehüllt sie bediente, musste voll Erstaunen die leidenden Züge des schönen Fräuleins und ihr gänzlich verändertes Wesen betrachten. Sie grüsste mit dem müden haupt, ohne dass ein Lächeln den stummen Gruss belebt hätte; unberührt blieben die speisen vor ihr stehen, und sanft wies ihre Hand den kleinen goldnen Becher zurück, dessen Inhalt sie noch gestern so wohl zu schätzen gewusst. Miklas und seine Tochter wechselten Blicke, und auch der Vater konnte die Teilnahme nicht unterdrücken, die sich in einzelnen Tropfen aus den Augen der Tochter stahl. Längst hatte man auch die letzte Schüssel unberührt hinweggenommen, und harrte, dass Maria sich erheben würde; aber in tiefes Sinnen verloren, gab sie kein Zeichen, dass sie sich ihrer Lage bewusst war. Mit der ganzen Geduld wohlerzogener Diener hielt der Alte diese probe aus; doch ehe er es verhüten konnte, kniete Margarit neben dem fräulein nieder.

Liebe, teure Lady, wollt Ihr Euch niederlegen, sprach sie weinerlich, Ihr müsst sehr krank sein.

Als ob ein Schuss an ihr Ohr gefallen, so schreckte die gebeugte Gestalt Maria's bei diesen Worten empor, und schnell aufstehend rief sie hastig und tonlos: Was willst Du? Wie? Wo soll ich hin?

Wollt Ihr nicht ruhen, liebes fräulein? sprach Margarit, noch schüchterner durch die Aufnahme ihrer ersten Worte. Ihr scheint der Ruhe zu bedürfen.

Ja, Ruhe, Ruhe! seufzte Maria, die habe ich nötig, sehr nötig; wo aber sagst Du, dass ich sie finden soll?

Auf Euerm Bette, erwiderte die Kleine ermutigt, lasst mich Euch dahin führen.

Träumerisch blickte Maria die geschäftige Dienerin an, und mit einem Seufzer, der ihre Brust zu sprengen schien, liess sie sich hinwegführen.

Der Abend breitete schon seine Schatten über das Schlafzimmer Maria's, auf dessen Bette sie unruhig atmend lag, in jenem Zustande von Fühllosigkeit, womit wir oft einen Zeitraum füllen, in dem geistige und körperliche Ermüdung uns wohltätig gegen den Schmerz abstumpfen, dessen Opfer wir wurden. Maria dachte wenig, und die tiefe Stille, die sie umgab, da Margarit, ob aus eigenem oder fremdem Antrieb, schweigend in einem Eckchen ihrer Befehle harrte, liess sie eine Abfindung mit dem Leben träumen, eine Trennung von der Welt, an die sie mit Befriedigung dachte. Sie schauderte daher erschreckt auf, als ein dunkler Schatten vor dem Fenster vorüber nach ihrem Bette glitt, denn sie fühlte Furcht vor neuen Erschütterungen, und ihr erster Gedanke war, das grauenhafte Wesen der Nacht zu sehen. Beschwichtigend drangen daher die sanften Sprachlaute der Schwester Electa zu ihr nieder.

Der Friede des Herrn sei mit Euch, Mylady, so redete die feine Gestalt sie an, indem sie, über den Fussboden hinschwebend, dem Bette nahte. Ich wollte Euch meine Dienste anbieten, fuhr sie fort, und Euern Arm verbinden.

Maria richtete sich mühsam auf, erwiderte leise den ersten Gruss und gab sich willig den Bemühungen hin, welche der weibliche Arzt mit grosser Geschicklichkeit übernahm. Als dies Geschäft beendigt, zögerte die Schweigende noch einen Augenblick und betrachtete das bleiche Gesicht ihrer Pflegebefohlenen mit Teilnahme.

Ihr seid auch im Uebrigen leidend, liebe Lady, und Eure hände haben Fieberwärme; soll ich Euch einen kühlenden Trank bereiten? –

Habt Dank, erwiderte