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Welt verfolgte Unschuld gerettet haben, denen seid auch Ihr verpflichtet. Aber kümmert Euch um diese Verpflichtungen nicht, Euer Verwandter wird diese Ansprüche dereinst anerkennen und sie zu belohnen wissen. –

Und, Sir, fuhr sie fort, und Unruhe und Bekümmerniss malte sich in ihren Zügen, stehe ich nicht unter dem Einfluss der schrecklichen Frau, oder wie bin ich vor ihr zu sichern? –

Ihr werdet derselben Frau im Laufe des Tages noch vorgestellt werden und Euch dann selbst überzeugen, dass, wer nicht bei Nacht sich mutwillig ihr entgegen stellt, bei Tage nichts von einer Unglücklichen zu leiden hat, die bei uns allen den höchsten Anspruch auf Mitleiden und sogar auf achtung besitzt. Ein höchst bewegtes und der weltlichen Begierde ergebenes Leben sucht sie gut zu machen durch eine fromme Hingebung an die heilige Mutterkirche, und sie hat ihr väterliches Schloss seit dem tod ihres Gemahls, der so wirksamer Reue unzugänglich war, zu einem Aufentalt der ehrwürdigen Schwestern gemacht, in deren Kloster sie als Kind erzogen ward, und zu denen sie jetzt sich mit heiligen Gelübden wieder bekannt hat. Ihr werdet unter den Frauen dieses Hauses würdige Gesellschaft finden, und vor allen in dem Umgang mit Schwester Electa, die Ihr hier saht, ein wahrhaftes Vorbild christlicher Tugenden und weiblicher Demut erkennen. Wie auch Eure Glaubens-Meinungen abweichen mögen, zweifle ich doch nicht, Ihr werdet der frommen Einteilung des Tages Euch anschliessen, da sie Euch eine würdige Beschäftigung mit den höchsten Gegenständen menschlicher Betrachtungen sichert. Um ein mögliches Aergerniss schwacher Seelen zu verhüten, namentlich um die ängstliche Empfindlichkeit Eurer Wirtin nicht zu reizen, die sich schwer überzeugen liess, dass Ihr Euch hier nicht als Spötterin eindringen wolltet, bitte ich Euch sogar die einfache Kleidung des Hauses anzulegen und so den Frieden zu sichern, den man Euch dann ungestört wird geniessen lassen.

Wie, rief Lady Maria mit ihrer ganzen Lebhaftigkeit, ich sollte das Gewand einer Nonne anlegen? Ich, eine Protestantin, sollte, wenn auch nur in dieser Aeusserlichkeit, den Schein einer Handlung annehmen, die mich von der Kirche trennte, der ich durch Geburt und überzeugung angehöre? Nein, Sir, das ist nicht Euer Ernst, oder Ihr denkt sehr gering von dem Eifer, den wir unserer Lehre zuwenden. Ich will mich der Ordnung des Hauses, das mir Schutz verleiht, fügen, aber ohne mich Gebräuchen anzuschliessen, die man mich gelehrt hat, als unverträglich mit der reinen Lehre des Evangeliums anzusehn. Sicher verspreche ich Euch, durch ein ehrerbietiges Betragen jede Besorgniss wegen einer unwürdigen Spötterei zu verbannen; aber in dem Maasse, wie ich dies tue, soll man auch meine überzeugung ehren und sie nicht als verächtlich ansehn, dass sie sich hinter einen Schein von Lüge verbergen müsste.

Als Maria Alles gesagt hatte, was ihr aufschwellendes Herz ihr eingab, gewahrte sie erst den ernsten, vorwurfsvollen blick des Priesters, womit dieser die heftigen Worte der Gereizten begleitete. Nachdem sie sich gesammelt, schien ihr, diesem stillen Vorwurf gegenüber, ihre ganze Rede nur der Ausbruch einer Heftigkeit, die sie sonst stets in sich anfeindete.

Das Stillschweigen, welches Pater Clemens zu beobachten fortfuhr, verstärkte den Vorwurf, den sie sich aufnötigte, und schnell zu ihrer eigensten natur zurückkehrend, redete sie mit ruhiger, doch schüchterner stimme fort:

Ich fühle, was Ihr sagen wollt, ehrwürdiger Herr, und sehe ein, dass ich heftiger war, als Euer Vorschlag rechtfertigt. Wenn ich Euch tadelnswert erscheine, so verzeiht mir; der eigne Vorwurf hat mich erreicht, und Euch wollte ich nicht wehe tun.

Schweigend senkte Pater Clemens das Haupt und erhob sich langsam, indem er gesonnen schien, das fräulein über die Aufnahme ihrer Entschuldigung im Zweifel zu lassen. Sein Auge hing am Boden, er grüsste sie feierlich und verliess das Zimmer ohne die geringste Erwiderung.

Als die Tür sich hinter ihm schloss und die unglückliche Maria sich allein sah, da überwältigte sie das Gefühl ihrer trostlosen Lage, und sie sank in Tränen aufgelöst auf den Teppich hin, ihren Kopf in den Polstern des Lehnstuhls bergend. So verlassen hatte sie sich noch nie gefühlt. Das Zürnen des Paters, die Art, wie auch er sie jetzt verliess, machten ihr erst fühlbar, welch eine Stütze er ihr geworden, und wie erschreckend und trostlos sich ihr Leben gestaltet hatte, da ein blick über dasselbe ihr sagte, dass alle ihre Hoffnungen niedergesunken und sie von Allen getrennt sei, denen sie vertrauen durfte, und die es früher oder später jemals gut mit ihr gemeint.

Zum ersten Male fühlte sie in ihr sonst so gesundes Herz eine Mutlosigkeit einziehn, wovor sie bisher ihr starker charakter, ihre Jugend und alle ihr vorschwebenden Hoffnungen bewahrt hatten. Körperlich ermattet, von den Eindrücken dieses Hauses, zu dessen düstern Geheimnissen sie sobald gelangen musste, erschreckt, verfiel sie in eine bisher unbekannte Furcht, und unbestimmte Sorgen für ihre persönliche Sicherheit nahmen ihr völlig die Freiheit des Geistes, die ihr sonst eigen war.

Sie fühlte dies selbst; aber sie konnte nicht einsehn, wie viel sie ihrer Körperschwäche davon zurechnen musste. Doch alle Umstände ihrer Lage schienen ihr allein schon geeignet, sie nieder zu beugen, und diese Ansicht versenkte sie in eine widerstandlose Betrübniss.

Sie liess ihren Tränen freien Lauf, und eine Fülle von Wehmut drängte sich aus ihrem Busen. Weinend liegen zu bleiben, bis alle Schmerzen ausgeweint wären und sie sterbend sich auflöse, schien ihr das einzige, was ihr übrig geblieben. Dies hoffte sie