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Brief.

grosser Gott! seufzte hier das unglückliche Mädchen, in ihren Sitz zurückfallend, so hätte ich recht geahnet? Doch wie könnt Ihr den Brief erlogen nennen, rief sie alsbald, sich erhebend, der seine Handschrift zeigt, mit seinem Siegelring gesiegelt, den ich so oft an seiner Hand gesehen? –

Armes Kind, es war leicht, Euch zu betrügen, denn die Höllenkünste ahnet ihr nicht, womit gewandte Schreiber eine jede Handschrift nachzuahmen wissen, und dass man Siegelringe stehlen könne, war Euch auch wohl kein vertrauter Gedanke.

Schaudernd verhüllte Maria ihr erblasstes Angesicht und ein Gefühl von Trostlosigkeit, eine Verlassenheit, ein Elend nötigte sich ihrem geist mit dieser Entdeckung auf, wie sie es nie empfunden, und ihre erste Flucht, ihr Alleinsein auf der Landstrasse, an Hunger und Müdigkeit erliegend, schien ihr nun ein glücklicher Zustand, da sie damals die Hoffnung trug, ihr lebe der Oheim und in ihm aller Schutz, alle Liebe, aller Trost.

Nach einigen Augenblicken tiefster Erschütterung, die der Pater Clemens, in ernstes Sinnen verloren, nicht zu unterbrechen suchte, rang sich ihr Geist mit neuer Anstrengung empor, sie zog die hände weg, und den Verkündiger dieser trostlosen Nachrichten schmerzlich anblickend, rief sie mit dem Tone der wahrsten Seelenangst:

Vergebt mir, wenn ich, so grausam betrogen, wie Ihr sagt, und verlassen von Allen, die mir die natur zum Schutze bestimmte, jetzt die Qual des Misstrauens kennen lerne und sie auch gegen Euch, von dem ich um so viel lieber Gutes dächte, da ich nur Gutes von Euch erfahren, nicht ganz zu bemeistern vermag.

Beweiset mir, edler Sir, was Ihr sagtet, denkt mit Nachsicht, dass, wenn ich annehmen dürfte, Ihr allein betrügt mich jetzt, dadurch mein Leben minder hoffnungslos würde und eine Aussicht mir bliebe, den Schutz zu erreichen, nach dem ich mich sehne. Denkt, setzte sie mit hervorbrechenden Tränen hinzu, dass, wenn Lord Membrocke mich betrogen hat und mein Oheim nichts von mir weiss, mir fast jede Hoffnung schwindet, ihn aufzufinden.

Und nun sprecht, ich beschwöre Euch, sprecht die Wahrheit. – Haltet ein, rief sie angstvoll, als Pater Clemens die Lippen öffnete, hört mich weiter! Man sagt, die Teilhaber Eurer Kirche halten Alle meines Glaubens für ausgeschlossen aus dem Verbande christlicher Pflichten. Ich kann es nicht denken, ich will es namentlich von Euch nicht denken; aber es könnte sich doch in Euerm geist eine Geringschätzung gegen das Schicksal eines Wesens einstellen, das Ihr Ketzerin nennt. Ich verlange nicht, dass Ihr gegen mich wärmer fühlen sollt, als Euer Glaube zulässig hält; aber bedenkt, Sir, dass wir die Wahrheit zu sagen uns selbst schuldig sind, dass jede Seele sich selbst vergiftet, die zu Gunsten irgend eines Planes den heiligen Pfad der Wahrheit verlässt. O Sir, also um Euer selbst willen, um des heiligen Namens willen, den der Orden trägt, zu dem Ihr Euch bekennt, redet die Wahrheit, denkt, dass ich an diesen Namen glaube, gleich Euch, und dass wir durch ihn Strafe oder Vergebung empfangen werden. –

Der Pater hatte sie nicht ohne Teilnahme gehört, und vielleicht hatte manche Mahnung ihn nicht ohne Verlegenheit gelassen, aber die Erinnerung an den Orden, dem er verpflichtet war, heilte schnell alle Verletzungen des Gewissens und führte ihn zu seinen Verpflichtungen zurück, die, auf Gott gefällige Zwekke gerichtet, über die Mittel keinen Zweifel gestatten.

Könntet Ihr übersehen, hob er mit Würde an, wie vorsorglich diejenigen gegen Euch gehandelt, die Euch meiner Obhut vertrauten, wie würdet Ihr dadurch am besten jenes traurige Vorurteil widerlegt fühlen, welches die Feinde unserer heiligen Kirche verbreitet haben, um die Seelen zu verscheuchen, die ohne Befriedigung jener abgefallenen Kaste angehören und nach dem Mutterschoosse unsrer Kirche sich zurücksehnen.

Die Diener und Dienerinnen dieser vom Heilande stammenden Lehre gehen verfolgt, beleidigt und im Elende schmachtend noch immer, gleich den Jüngern des Herrn, über die vom falschen Wahn ergriffene Erde, und suchen, wie der Hirt im Evangelium, das verirrte Schaf. Wer Euer beklagenswertes los meinen Obern entdeckt habe, kommt mir zu wissen nicht zu. Eure Unschuld indess rührte die erhabenen Männer Jesu, und da ihr Einfluss eine noch unsichtbare, aber nicht geringe Macht ist, erhielt ich das Zauberwort, welches Lord Membrocke von Euch abzustehen zwang. Ihr selbst mögt durch unbefangene Aeusserungen und die daran geknüpften Nachforschungen Eurer Freunde Lord Membrocke zu dem Plane Veranlassung gegeben haben, der ihm Eure Entführung gelingen liess. Glücklicher, als Eure Freunde, hatte er den entdeckt, den Ihr zu finden strebtet, seine Handschrift ward von einem geschickten Bösewicht nachgemacht, der Siegelring ihm entwendet, und Beides in des Lords hände geliefert. Ihr liesset Euch täuschen, obwol keine Zeile dieses Briefes die Gesinnungen des Mannes verriet, dessen Handschrift man wohl nachzuahmen vermochte, aber nicht den Ton seiner Liebe. –

O, Ihr sprecht wahr! rief hier Maria, überwältigt von der fremden Bestätigung ihrer eigenen Empfindungen. –

Und so triumphirte das Böse, und Ihr folgtet dem elenden Verführer, der Euch verkauft hatte an einen vornehmen Wüstling, dem er Euch zuführte. –

Und jetzt, rief Maria, alles Andere übergehend, wie werde ich es jetzt anfangen, um mich so bald als möglich unter den Schutz meines Verwandten zu begeben? Soll gegen Euch, Sir, der Ihr so viel für mich getan, und gegen diese geheimen Freunde,