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Ohne die Augen zu erheben, verbeugte sich die Angeredete bloss mit dem kopf.

Pater Clemens hatte mich zu diesem Dienst ersehn, erwiderte sie leise; Ihr seid mir nicht dafür verpflichtet.

Maria konnte, trotz dieser kalten Antwort, ihre Blicke nicht sogleich von der anziehenden person abwenden, die diese Worte sprach, und deren hohe und schlanke Gestalt in der eng anschliessenden schwarzen Kleidung, die sie trug, noch sehr wohl als schön zu erkennen war. Ihr milchweisses Angesicht von der feinsten Regelmässigkeit, mit seinem demütigen und frommen Ausdruck, rief unwillkürlich das Andenken an jene rührenden Heiligenbilder zurück, die in ihrem kleinen Schrein das ganze Leben zugebracht zu haben schienen, um einem einzigen frommen Gedanken nachzuhängen, Ihr Kopfputz aber erinnerte Maria an die Nonnen, die sie zur Nacht gesehen, obgleich dieser jetzt Schleier und Skapulier fehlten, und allein die eng anliegenden weissen Binden um Stirn und Kinn geblieben waren.

Als sie aus Schicklichkeit die Augen abzog, begegnete sie den Blicken des Pater Clemens, welcher mit sichtlichem Vergnügen den Eindruck zu erwägen schien, den Maria empfing.

Sir, sprach sie hierauf mit Festigkeit, Ihr müsst begreifen, dass ich von Euch über sehr viele Dinge Aufklärung erwarte und die von Euch selbst mir gewünschte Ruhe nicht früher möglich ist, wie es überhaupt wohl scheinen mag, sie möchte vorerst eben nicht mein los sein!

Ich bin bereit dazu, erwiderte der Pater, obwol ich Euch im Voraus bitten muss, in mir nur den bevollmächtigten Vollzieher höherer Befehle zu erkennen, denen ich selbst willenlos untertan bin.

Es beliebt Euch vielleicht, hochwürdiger Herr, mich zu entlassen, sprach hier die blasse Frau, schüchternd sich dem Pater nähernd; ich würde meinen, einige andere Pflichten zu haben.

Geht, liebe Tochter, sprach Pater Clemens, haltet Euch aber gern bereit, die Einsamkeit dieser Eurer Schutzbefohlenen zu teilen!

Ich habe weder eigene Zeit, noch eigenen Willen; selig, wer gewürdigt wird zu gehorchen, antwortete sie, und ohne ihr stilles Gesicht zu verändern, beugte sie ihr Haupt, welches der Pater segnend berührte, worauf sie leicht wie ein Geist an Maria hinschwebte, ohne sie bei dem Grusse ihres Hauptes anzublicken.

Maria sah diesem ganzen Abschiede mit einem anschwellenden Gefühle zu, welches, als die Tür sich hinter der demütigen Gestalt schloss, sich Luft zu machen strebte.

Ich bin also in der Gesellschaft von Katoliken? Ihr seid ein Priester jenes Glaubens, und jene Frau gehört zu den Schwestern der heiligen Ursula?

Mit Ruhe setzte sich Pater Clemens bei diesen Worten nieder, ihr den Armstuhl anweisend, der so eben verlassen worden war, und erwiderte dann, seine Augen andächtig erhebend:

Ja, Mylady, Ihr habt es gesagt. Hierher, in diese verpönten Mauern hat sich eine kleine fromme Gemeinde geflüchtet, um, dem alten heiligen Glauben ihrer Väter treu bleibend, dem vaterländischen Boden ein Samenkorn jener ausgerotteten heiligen Frucht zu behüten, zu Gottes allmächtiger Verfügung, am Tage, der da zeigen wird, wessen Reich die Erde Englands ist!

Es ist kein Grund mehr vorhanden, Euch dies zu verbergen; denn für Verrat bürgt uns Eure Gesinnung mehr noch als die übrige erlangte Sicherheit. –

Ehrwürdiger Herr, sprach Maria, ich weiss, dass Eure Verbindungen gegen die gesetz meines Vaterlandes laufen, und es kann mir keine angenehme Entdeckung sein, mich für den Augenblick darein verwikkelt zu sehen. Indess, weit davon entfernt, die Treugesinnten Eures Glaubens zu tadeln, bedaure ich vielmehr, dass man die Würde unserer Kirche dadurch zu erhalten dachte, dass man verfolgend gegen die Eurige aufträte.

Sehr wahr, sprach Pater Clemens, sichtlich belebt, es war das Gefühl, welches jeder Verblendung der Art folgt, dass, wer einmal aus den Segnungen unserer Kirche tritt, nur durch weltliche Macht Siege erringen könne.

Dies ungerechte Mittel gegen eine tief begründete überzeugung und den Rat des Gewissens ist zu allen zeiten und von allen Parteien benutzt worden, erwiderte die Lady, und wir dürfen es sicher dem Wesen der Kirche nicht zurechnen, was nur der Despotismus der Unduldsamkeit verschuldete. Aber wenn ich bis so weit sprach, geschah es hauptsächlich, Euch zu überzeugen, wie ich von Innen heraus den Geist der Kirche, der ich angehöre, für unverträglich mit den harten Mitteln halte, die angewandt sind, die Eure zu vertilgen. Ich würde aus dieser überzeugung nie die Hand bieten, Aehnliches zu veranlassen, und darüber keinen weltlichen Richter anerkennen. Jetzt aber sagt mir, auf welche Weise hat mein Schicksal diese Wendung genommen, und was wisst Ihr mir über die Absichten zu sagen, die mich hierher leiteten?

Euch aus den Händen des schwärzesten Verrats zu befreien, erwiderte Pater Clemens mit Betonung; aus Mitleid für Eure Jugend und Unschuld, die dem Elende bestimmt war. Wer von Oben her ein so weitreichendes Interesse an Eurem Leben nimmt, weiss ich Euch jedoch nicht zu sagen; ich bin ein beglaubigter Priester des heiligen Ordens Jesu, mir ist nur das blinde Vollziehn dessen gestattet, was jederzeit das Rechte und Beste ist. –

Was meint Ihr? unterbrach ihn Lady Maria, heftig bewegt. Ich ward betrogen? Von wem? Sagt, ich bitte Euch, von wem?

Dass nur von Lord Membrocke die Rede sein kann, darüber könnt Ihr gewiss nicht im Zweifel sein, antwortete Pater Clemens, von ihm, der, um Euch aus der Obhut der Familie zu entführen, in deren Kreise Ihr lebtet, kein anderes Mittel wusste, als jenen erlogenen