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ich Euch wohl zu vergeben? Gottes Gnade und die heil'ge Jungfrau haben uns ihren Schutz verliehen, sonst wären wir freilich unterlegen. Aber wie konntet Ihr auch das ahnen, was wir erlebt? Wer es kennt, glaubt es kaum! –

Sage mir, liebe Margarit, wenn es Deine Pflicht nicht überschreitet, unterbrach sie Maria, wer war die grässliche person, die uns erschreckt hat, und warum geniesst sie bei ihrer Geisteszerrüttung die Freiheit, hier umher zu gehen? –

Ach, teure Lady, wer möchte die ihr nehmen, da sie die Herrin des Schlosses, unsere gnädige Gebieterin ist. –

Die Herrin des Schlosses? rief Maria erschrokken. –

Ja, so ist es. Die Lady ist sehr reich, und ihr Gemahl nun schon viele Jahre im grab, obwol ich noch recht gut mich des lieben schwermütigen Herrn erinnere. Gott sei seiner Seele gnädig! Glücklich war er auch nicht, die Leute sprachen Allerlei von ihm. Er musste viel Trauriges erlebt haben; denn rührender seufzte kein Mensch. Ach, und dann hörten wir ihn eben so die Nächte durch umher wandern und tief, tief seufzen. Des Morgens fanden ihn die Bedienten oft auf den kalten Steinen der grossen Halle oder auf den Treppen eingeschlafen liegen. Alt konnte er dabei nicht werden, das könnt Ihr denken; aber er tat keinem kind was zu Leide, ja, er liebte sie zärtlich, und ich und Lanci und einige Fischerkinder, wir sassen gern um ihn her, und er schnitt uns Bilderchen und knetete uns Püppchen von Wachs.

Mit der gnädigen Frau war es damals noch nicht so weit, wie jetzt, aber lieben taten sich die Herrschaften nicht. Man sagt, der gnädige Herr sei ein Ketzer gewesen, und die gnädige Frau habe ihn gern durch die heilige Kirche von seiner Schwermut befreien wollen; aber das sei ihr nicht gelungen, und darum schrien sie oft fürchterlich gegen einander und blieben dann wieder getrennt.

So kam es auch, dass die gnädige Frau es gar nicht merkte, als Mylord eines Morgens verschwunden war; und als sie spazieren gehen wollte, fand sie die Leiche des gnädigen Herrn vor einer kleinen verschlossenen Tür dicht vor ihrem Schlafzimmer. Seitdem ist Mylady sehr unruhig, und geht häufig des Nachts umher und beabsichtigt Mylord zu suchen, von dem sie jetzt noch denkt, er schlafe irgendwo und werde sich erkälten. Aber es sind nun fast zehn Jahre, dass der arme Herr zur Ruhe ist, und Mylady weiss dies auch bei Tage und so lange sie gesund ist, aber häufig vergisst sie es wieder. –

Das Unheimliche des Eindrucks, den Maria empfangen, ward durch diese Mitteilungen nicht gemildert, und vor Allem schrecklich schien es ihr, in der Gewalt eines sinnberaubten Wesens zu sein. Sie fühlte die grösste Ungeduld, sich über die Verhältnisse, in die man sie gegen ihren Willen gezwängt, Auskunft zu verschaffen, und sich vollkommen gesund fühlend, verlangte sie das Bett zu verlassen. –

Liebe Lady, verzieht einen Augenblick, Pater Clemens will erst Euern Puls untersuchen, ehe er dies zugiebt; ich rufe ihn sogleich. –

Wer ist Pater Clemens? sprach Maria. Lass das, liebes Mädchen, ich fühle mich ganz wohl und wünsche nur, dass Du zu Deinem Vater gehst und ihn aufforderst, mir meinen Reisegefährten herzusenden, den ich notwendig sprechen muss.

Nun, liebe Lady, sagte Margarit, das ist ja eben Pater Clemens, derselbe, der Euch diese Nacht zu hülfe kam und Euch nachher zur Ader liess.

Maria war von dieser Entdeckung nicht sehr überrascht, und wünschte um so mehr das Bett zu verlassen, da sie sehnsucht trug, sich selbst in unabhängiger Tätigkeit zu fühlen, diesem unsichern, geheimnissvollen Umherschleichen gegenüber.

Ehe es daher Margarit hindern konnte, ergriff sie die seidene Decke ihres Bettes, und sich hineinhüllend, stand sie pfeilschnell auf ihren Füssen, und betrieb nun selbst mit Geschick und Schnelligkeit ihr Ankleiden, wobei sie doch bald Margarits Beistand nötig fand, da der Arm, an dem man die Ader geöffnet, noch ziemlich unbrauchbar war.

Als sie sich dann den sorgfältigen Händen der neuen Kammerjungfer entzogen, eilte sie der Nebentür zu und als sie in ihr Wohnzimmer trat, fand sie die Lehnstühle an ihrem Kamine nicht mehr leer, sondern in der einfachen Kleidung des Ordens Jesu sass ihr Reisegefährte einer Frau gegenüber, die Maria auf den ersten blick für dieselbe erkannte, in deren Armen sie erwacht war.

Beide schienen in ihr Gespräch vertieft und nicht wenig überrascht, als Maria blühend, vollständig gekleidet, und mit jenem klaren und festen Ausdruck des ganzen Wesens, der vom guten Rechte zeigt, vor sie trat.

Pater Clemens, wie wir ihn nun nennen müssen, schien auch nicht sogleich den rechten Ton finden zu können, und sein Gesicht war mehr verlegen, als ernst.

Ihr überrascht uns, Mylady, sagte er, vor sich niedersehend; ich will wünschen, dass Ihr Euch nicht zu früh für gesund erklärt habt. Ich war gesonnen, Euch Ruhe anzuraten.

Ruhe, Sir? antwortete Lady Maria, Ruhe bedarf nur noch mein Geist; über das Gefühl der Gesundheit gibt man sich selbst das richtigste zeugnis!

Die blasse Frau machte hier eine kleine Bewegung und zog Maria's Aufmerksamkeit dadurch auf sich. Ich irre mich wohl nicht, fuhr sie gegen diese gewendet fort, wenn ich mich Euch verpflichtet halte für Euern liebreichen Beistand, den Ihr mir in dieser Nacht geleistet?