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mit mehr Gewandteit, als er sich noch zugetraut, bis zu ihrer Tür voranschritt, sie zu öffnen, und ihr jede Courtoisie eines alten, wohlerzogenen Dieners zu erweisen strebte.

Als Maria sich für die Nacht entkleidet hatte und ihre junge Dienerin entfernen wollte, blieb diese erstaunt stehen und zeigte ihr an, dass sie entschlossen sei, in ihrer Nähe zu bleiben.

Denkt Ihr, Lady, es sei nicht besser, zu zweien in diesem schloss zu wohnen? Nein, weiset mich nicht zurück, Ihr wisst noch nichts von diesem bösen schloss. Gott sei uns gnädig, fuhr sie fort, sich bekreuzend, ich bin nicht befugt davon zu sprechen, aber besser ist es, Ihr behaltet mich bei Euch. –

So, sagte Maria lächelnd, Du willst also mein Schutz und Schirm sein, und in Deiner Nähe hältst Du mich für sicherer vor all Deinen angedeuteten Fährlichkeiten? Sage mir doch wenigstens, ob Du Dich bei meiner Beschützung als Geisterbannerin zeigen musst, oder bewaffnet mit Degen und Pistolen, damit ich erfahre, welcher Art meine Gefahren sein werden.

Ach, teure Lady, spottet nicht, fuhr Margarit ängstlich fort; Ihr mögt wohl sehr mutig sein, aber was hier zuweilen geschieht, sträubt wohl Männern das Haar, und Ihr würdet es nicht so leicht ertragen, als Ihr glaubt. –

Wenn dem so wäre, glaubst Du, dass Dein alter Vater uns hier verlassen und uns schutzlos der Gefahr Preis geben würde? Geh, geh, Margarit, Du hast zuviel Ammenmährchen gehört, ich aber kenne törichte Furcht nicht und verlange allein zu schlafen. –

Nein, nein, liebe Lady, Ihr werdet das nicht wollen, ich müsste ja den Weg allein zurück machen, und überdiessie stockte.

Nun überdies? fragte die Lady, überdies bist Du eigensinnig und willst nicht gehorchen.

Ach Ihr zürnt, teure Lady, ich aber bin unschuldig an Euerm Unwillen, denn seht, ich kann wohl dieses und jenes Zimmer verlassen, aber weiter nicht, denndenn wir sind ja eingeschlossen.

Eingeschlossen? rief die Lady, und nie sah Margarit schneller veränderte Züge, als bei diesem Worte. Gefangene! fuhr das fräulein in höchster Ueberraschung fort, ist es möglich? Margarit, was treibt man mit mir, wer wagt es, so mich zu behandeln, mit welchem Rechte verfügt man über die Freiheit meiner person? Sprich! Ich befehle Dir, mir zu sagen, wer ist die Besitzerin des Schlosses? Wo bin ich? und was weisst Du von den Absichten auf meine person? Doch Du träumst, Mädchen, Deine abergläubische Furcht will mich einschüchtern, damit Du Deinen Willen behältst; ich selbst werde untersuchen, ob Du mich zu täuschen denkst.

Mit flüchtigem fuss eilte sie, ein Licht ergreifend, durch das angrenzende Zimmer nach dem grossen jetzt wieder völlig leeren Vorzimmer, das ohne Kerzen, von der Flamme des Kamins nicht mehr erhellt, ein ödes geisterhaftes Ansehn hatte. Aber das fräulein, voll Erwartung und erzürnt über die Möglichkeit, dass Margarit Recht haben könne, nahm wenig davon wahr; sondern froh nur, die grosse Eingangstür zu erkennen, eilte sie mit schnellen Schritten darauf zu. Doch sie drückte vergeblich an dem breiten eisernen schloss hin und her, und ihr Licht dazu erhebend, erkannte sie bald den einfachen Mechanismus eines von Aussen befestigten Riegels.

Die überzeugung von der Wahrheit dessen, was sie als eine grosse persönliche Beleidigung ansah, überwältigte ihren Geist für den Augenblick bis zu einer Art von Betäubung. Sie lehnte den Kopf gegen den Arm und an das verhängnissvolle Schloss, als müsse sie auf dieser Stelle Mittel zu ihrer Befreiung ausdenken. Das Licht hing unbeachtet in der andern niedergesunkenen Hand, und die kleine Flamme suchte an ihrem langen niederhängenden Nachtkleide eben weitere Nahrung, als seufzend und mit unterdrücktem Weinen die näher geschlichene Kleine es aus ihrer Hand zog.

Ach, Lady, kommt hier weg, schluchzte sie leise, ach, zürnt nicht länger.

Halt! rief Maria aufschreckend, ich höre Schritte, hörst Du es, Margarit?

Heiliger Gott, sei uns gnädig! stammelte Margarit und strebte die Lady mit sich zu ziehen.

Nein, sprach Maria, ich werde diesen späten Wanderer anrufen, er soll augenblicklich Deinen Vater herbei holen und sagen, dass man mich hier als Gast und nicht als Gefangene behandele!

Nein, nein! o schweigt, rief Margarit, sich vor ihr niederwerfend.

Aber Maria war aufgeregt und zürnend, und als die Fusstritte jetzt vor der Tür anzuhalten schienen, als ob das Geräusch, welches Maria absichtlich an dem schloss machte, sie festielte, rief sie:

Wendet Euch hierher! Habt die Güte, diese Tür von Aussen zu öffnen, so Ihr könnt, oder Miklas, den Hausvogt, zu rufen!

Sogleich schien Jemand von Aussen mit Ungestüm gegen die Tür zu fahren, und nach einigen ungeschickten Versuchen, sie so aufzudrücken, rasselte es heftig an dem schloss, welches zitterte und nachgab.

Maria riss der niedergesunkenen Margarit das Licht aus der Hand, und es hoch hebend blickte sie der aufgestossenen Tür entgegen. Doch voll Grauen bebte sie zurück, als ein Weib eindrang, dessen verwildertes Ansehen eine Wahnsinnige bezeichnete. Ihre grauen Haare hingen unter einem schwarzen Schleier lang hervor und in dünnen Strähnen über ihre furchtbar hohe Gestalt, welche nur von notwendiger Kleidung gedeckt, Hals, und Brust und arme in widriger Abzehrung zeigte.

Aber vor Allem furchtbar war die Grabesfarbe des Gesichts, die stieren