mit ihren Erscheinungen uns so nah gerückt ist, dass wir uns jeden Augenblick als selbst tätig erwarten können. Wir schliessen dann im Gegenteil uns wie eine Knospe zusammen, um der Wirklichkeit die gesammelten Kräfte darbieten zu können, und das ablockende Spiel der Phantasie erbleicht mit seinen bunten Bildern an der Erwartung des nächsten Augenblicks.
So kam es, dass es Maria unmöglich ward, ein Bild hervor zu heben für ihre eigene Lage, und unbestimmt angeregt, sank ihr müdes Haupt zurück, und sanfter Schlummer wiegte sie bei dem leisen Geflüster der jungen Leute ein.
Aus einem farblosen Traum erweckte sie der Strahl eines Lichtes, der ihre Augen traf. Vor dem Tischchen der Tochter, an dem die letztere wieder sass, stand der alte Vogt, einen Armleuchter mit Kerzen haltend, und sprach leise in die freundlich aufmerkende Tochter hinein.
Gern, bester Vater, beantwortete das gute Kind die Anrede des Alten, gern will ich für die arme Dame sorgen, und viel lieber, wenn sie nicht jenen alten Damen anheimfällt, und die freundlichen Zimmer bezieht; denn ich hoffe doch, da wird sie nicht auch geplagt werden.
Schweig, unterbrach sie der Alte, strenger blickend; tue, was vor Dir liegt, sei dankbar für das Vertrauen Ihrer Gnaden und lass Deine unschicklichen Bemerkungen. Die gnädige Frau hat dem ehrwürdigen Herrn erlaubt, Alles nach seinem Gutdünken einzurichten, und wir waren bis jetzt damit beschäftigt, und ...
Halt, lieber Alter, unterbrach ihn hier Lady Maria, unfähig, durch anscheinenden Schlaf sich hinter die geheimen Verhältnisse des Hauses zu stehlen, wenn Deine Worte nicht für mich sind, so fahre nicht fort, denn ich habe, wie Du siehst, ausgeschlafen.
Ueberrascht, aber mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit, wandte sich der Alte schnell zur Lady, und sich bis zur Erde beugend, sagte er in der angemessenen Haltung eines Schlossvogts:
Meine gnädigste Frau, die Besitzerin dieses Schlosses, beehrt mich, Euch, Mylady, hierselbst willkommen zu heissen, und da der vorgerückte Abend der gnädigen Dame nicht mehr erlaubt, Euch eine Audienz zu erteilen, ersucht sie Euch, die Zimmer in Besitz zu nehmen, die sie zu Euerm Empfang hat einrichten lassen, und über Dero Diener zu befehlen, die alles Mangelnde zu ersetzen bemüht sein werden.
In Wahrheit, guter Alter, erwiderte Maria, indem sie sich mit ihrer eigentümlichen Hoheit erhob, das Willkommen der Dame, deren Gast ich wider Willen bin, kommt so spät und nach so unziemlicher Vernachlässigung, dass ich so einladende Worte mehr auf Eure gute Sitte, als auf die Eurer Herrin beziehen möchte. Doch sei es darum, ich sehe mich nicht ungern bloss an Euch und Eure Tochter gewiesen, und bin bereit Euch zu folgen.
Der alte Herr sah mit einigem Erstaunen auf diesen stolzen Anspruch an seine Gebieterin. Aber Domestiken, die alt geworden im Dienste, sehen nicht ungern an denen, die sie bedienen sollen, einen hohen Anspruch auf äussere achtung hervortreten; sie fühlen sich selbst dadurch gehoben und glauben sich weniger zu vergeben gegen Personen, die sich selbst zu ehren wissen.
Der Alte mochte noch ausserdem Gründe haben, unserer jungen Heldin Ehrfurcht zu bezeigen, denn es schien, er fühle sich nun ganz an seinem platz. Er erwiderte mit stummer Verbeugung die Worte der Lady und schritt dann mit dem hoch gehobenen Leuchter voran, als sie, in ihren Mantel sich hüllend, bereit schien ihm zu folgen.
Auf dem entgegengesetzten Flügel im Erdgeschoss des Schlosses öffnete Miklas jetzt eine Tür, welche die Lady einlud, in ein grosses Vorzimmer zu treten, das an seinen leeren weissen Wänden die kostbarsten Stuckaturen, von einem grossen Feuer in dem weiten Kamin erleuchtet, zeigte.
Der Alte durchschritt dies Zimmer und bat die Folgenden, in ein daran stossendes Kabinet zu treten, wohin nur Margarit die Lady begleitete. Auf das Angenehmste fühlte sich Maria von dem ersten Anblicke desselben überrascht. Es gehörte zu den Zimmern, die uns sogleich einladen zu bleiben und uns Alles darzubieten scheinen, was ein sinniges Leben erfordert. Es war angenehm erwärmt, und nur ein mildes Kohlenfeuer glühte noch in dem Marmor-Kamin, der den ganzen Hintergrund des schmalen Zimmers einnahm. Davor standen auf einem schönen Teppiche mehrere bequeme Sessel, ganz, wie die Wände und Vorhänge des Zimmers, mit grünem Damast und goldenen Borten bedeckt. Es schien, als hätten Freunde so eben von traulicher Zwiesprache sich erhoben, und Maria konnte sich nicht entalten, voll Hoffnung und sehnsucht nach ihren leeren Sitzen zu blicken.
Gegenüber zeigte sich das breite hohe Fenster, das in seine tiefen Wände eine kleine Biblotek aufgenommen hatte, wovor ein schön geformtes Lesepult stand, mit allen Einrichtungen zum Schreiben versehn, und an ein kleines Ruhebett war zu ihrer freudigen Ueberraschung eine Harfe gelehnt. Mehrere Bilder, an den Wänden passend verteilt, schienen alte Portraits und Heiligenbilder, und entgingen vorerst ihrer Betrachtung, da der Schein der Kerzen ihre finsteren Tafeln nur schwach erhellte. Auch drängte Margarit, begierig die Lady mit ihrer wohnung bekannt zu machen, sie in das Nebenzimmer, das eben so hoch und schmal, als das erstere, durch ein grosses damast-behangenes Bett sich als Schlafzimmer ankündigte.
In der Fensternische war hier eine schwerfällige, aber reich besetzte Toilette angebracht, und ein ungeheurer venetianischer Spiegel vorteilhaft gegen das Fenster aufgestellt. Was aber sogleich Maria's Aufmerksamkeit anzog, war eine der Tür gegenüber eingelegte Nische von schwarzem Marmor, worin, von zwei Wandleuchtern, auf