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Tod obwaltet. Wir wünschen zu diesem Zweck den kunstreichen und erfahrenen Anordnungen unsers Doktors durch eine passende wohnung zu hülfe zu kommen, und bestimmen dazu die Zimmer im linken Flügel, welche die Vorzimmer zur wohnung Seiner Hoheit des Prinzen von Wales ausmachen, und die durch den Kapellenturm zugleich mit den Zimmern unserer Mistress Morton verbunden sind, welcher wir, wenn Gott unser Gebet erhört und uns die Gnade gewährt, durch unsere wunderbar herbei geführte hülfe ein Menschenleben gerettet zu haben, die besondere Pflege und Aufsicht übertragen wollen. – Jepson, der erste Vogt des Schlosses, mit seinem weissen Stabe und ebenso weissen haupt, hörte, voll Ehrfurcht gebeugt, diese Befehle an, und begab sich alsdann, von der Bahre und mehreren von Morton beorderten Dienerinnen begleitet, nach der Vorhalle des Saales, von wo durch eine verschlossene Gallerie dieser Flügel für ausserordentliche Fälle zu erreichen war. Auch Doktor Stanloff wollte sich dahin entfernen, als die Herzogin ihn zurück rief und mit minder fester stimme hinzufügte: Ich kenne Euch, Doktor, Ihr werdet all' Eure so oft bewährte Kunst, die uns manches teure Haupt erhielt, – ich sage, Ihr werdet diese Kunst auch heute anwenden, so Leben noch zu erwecken ist, und ein so schreckliches, empörendes Unglück, als ein Mord in unserm Bereich sein würde, dadurch vernichten. Sobald ich meine Zimmer erreicht habe, soll Morton Euch beistehen. – Nimm die übrigen Frauen mit Dir, Morton, und sorge vor allen Dingen, dass die Unglückliche geschont, und Alles mit achtung und ohne Neugierde bei Seite gelegt wird, was sie noch an sich trägt und uns vielleicht, will's Gott, zur Kunde über ihre Angehörigen führen könnte.

Stanloff, der bejahrte treue Diener dieses Hauses, der seiner grossen Dienste und seltenen Eigenschaften halber mehr als Freund, denn als Diener angesehen wurde, fühlte wohl das Versöhnende in den Worten der Lady, womit sie schnell zu begütigen suchte, was ihr stolzer und heftiger Sinn nur zu leicht verschuldete, doch nie ungestraft von einem zarten Gewissen und einem edlen Herzen. Dies, was Allen, die sie näher kannten, wohl bewusst war, sicherte ihr einen leichten Sieg über jeden trüb' heraufgeführten Augenblick, und flösste ihren Umgebungen eine Mischung von Furcht und Liebe ein, die sie mit vielem geist zu benutzen wusste, und die sie zu einer seltenen herrschaft über die Gemüter erhob. Doch weniger als je, hatte sie Widerstand in dem sanften milden Herzen Stanloffs zu fürchten, denn er sah mit Freude in seiner geliebten Gebieterin das Gleichgewicht hergestellt, das so furchtbar noch bis vor wenigen Augenblicken zerstört war und ihn für ihr Leben fürchten liess. Die Heftigkeit, die Ungerechtigkeit ihrer ersten Worte, waren so der natürliche gang ihrer Ausserungen, dass er einsah, ihr ganzes Wesen sei mit dieser Erschütterung in seine Bahn zurückgetreten. Er küsste voll Rührung die dargebotene Hand, wagte es noch ein Mal die oft erteilten, kaum angehörten, noch weniger befolgten Verordnungen für ihre Gesundheit zu wiederholen, und ging getröstet von dannen.

Sanft wandte die Herzogin sich zu Mistress Morton und sagte ihr schmerzlich: Bringe mich hier weg, dieser Anblick scheint mich und meine Vernunft vernichten zu wollen. Sie wandte sich von dem Trauersaale ab, wollte sich so eben nach dem Ausgange begeben, als ein ferner Ton, wie ein Horn, an ihr Ohr traf, der nach einem Augenblick des bangen Harrens von einem näheren an der Torbrücke, sodann zunächst von den Castelltürmen beantwortet wurde und keinen Zweifel liess über die Ankunft der herzoglichen Leiche. Die Herzogin blieb einen Augenblick wie überwältigt, mit über die Brust gefalteten Händen und gegen die Decke gehobenen Augen stehen. Dann sank sie, wie getroffen, auf ihre Kniee nieder und beugte ihr Haupt wie zum Gebet. In einem Kreise umher kniete ihre noch immer die Halle erfüllende Dienerschaft, und die erhabene Feierlichkeit dieses Augenblicks und die tiefe Stille umher ward nur durch das sanft ausbrechende Schluchzen der Frau unterbrochen.

So fanden die beiden Töchter der Herzogin, die mit ihren Damen herbeieilten, die geliebte Mutter, die bei ihrer Ankunft das tränenbenetzte Gesicht mit schwermütigem Lächeln zu ihnen aufhob, und sie neben sich nieder winkte. Der weite Weg, den der Zug zu machen hatte, da der erste Ruf des Hornes noch vor der brücke, nach alter Sitte, Einlass begehrte, füllte eine lange Zeit. Während er den ersten Hof betrat, erschien Jepson am Eingange der äusseren Halle, um der Herzogin Meldung zu machen. Als er die hohen Gittertüren öffnete und seine erhabene Gebieterin, von ihren Töchtern und Dienerinnen umgeben, auf den Knieen sah, sank auch er stumm zur Erde und blieb so einige Augenblicke voll Andacht, dann erhob er sich, seines Amtes gedenkend, und den Arm mit dem Stabe vor sich herstreckend begann er mit feierlicher stimme: Es hat dem allmächtigen Gott in seiner Barmherzigkeit gefallen, den Weg zu beschützen, den der erhabene Sohn und Erbe dieses erlauchten Hauses in der Erfüllung seiner grossen und schweren kindlichen Pflichten aus weiter Ferne angetreten, um die sterblichen Ueberreste des durchlauchtigen Herzogs, seines erhabenen Vaters, zu den Hallen seiner Väter zurückzuführen. Vor den Toren dieses Schlosses harrt er und begehrt voll Demut gegen seine herzogliche Mutter, unsere erhabene Gebieterin, Einlass!

Von ihren Knieen sich erhebend, von ihren Töchtern unterstützt, antwortete die Herzogin mit tiefer stimme: Gott segne seinen Eintritt über die Schwelle seiner Väter!

Sogleich öffneten sich auf einen Wink die äussern Tore und liessen einen blick tun in