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der Gedanke auf, dass hier in einem scheinbar heimlich erhaltenen Nonnenkloster ihr Oheim unmöglich Schutz und hülfe gesucht haben könne. Diese Folgerungen wurden plötzlich durch ein ungestümes klopfen und Hämmern an der verschlossenen Eingangstür unterbrochen, dem gleich darauf ein ängstliches Rufen folgte:

O öffnet, öffnet die Tür, habt Erbarmen und kommt hervor, wenn Ihr noch hier seid! Ein kleiner Wirbel von klopfenden Fingern und das zarte weinerliche Stimmchen überzeugten Maria bald, dass es Margarit sei, welche sich einzudrängen bemühte, und da sie selbst nichts lebhafter wünschte, als diesen Zufluchtsort fremder Geheimnisse zu verlassen, so eilte sie hervor und schob mit leichter Mühe den Riegel zurück.

Margarit stürzte nun todtenblass herein, und verwildert die Blicke umherwerfend rief sie: O, teure Lady, haben sie Euch gesehen? O sagt es mir; ich bin verloren, wenn sie Euch sahen!

Sei ruhig, Kind, ich ward, sehr gegen meinen Willen, von Niemand gesehen, aber bringe mich hier fort, denn ich möchte diese, meiner so unwürdige Rolle nicht weiter spielen.

Ja, ja! ich führe Euch fort, rief Margarit, noch immer bleich und zitternd: nichts will ich Euch mehr verbergen; denn Ihr werdet mich nicht unglücklich machen, und ich muss ja doch verzweifeln! Angstvoll die hände ringend und seufzend liess sie sich jetzt von Maria zur Tür hinausdrängen, und bald hatten Beide das kleine Zimmer erreicht, aus dem sie von dem wunderlichen kind zu Anfang fast vertrieben worden war.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, als die Kleine vor Maria auf ihre Knie niederfiel, und in Tränen ausbrechend in dem flehendsten Tone kindischer Angst sie beschwor, ein ewiges Schweigen über das Erlebte zu bewahren.

Ach! Ihr wisst nicht, wie schrecklich ich bestraft werden würde, wenn man wüsste, dass ich so unbesonnen die Geheimnisse des Hauses verriet. Ich dürfte nicht frei und, wie jetzt, um meinen guten Vater bleiben; ich müsste auch in die Gewölbe beten gehen und mich einsperren in die kleinen Zimmer. Ach! Ihr würdet mich tödten, wenn Ihr Euch gegen den Vater verrietet; ach, und Euch selbst träfe auch gewiss ein trauriges los.

Du brauchst mich nicht an eigne Gefahr zu erinnern, sprach schmerzlich gerührt Lady Maria; Dein Schmerz ist mir genug, und ich werde ihn nicht durch unbesonnenes Schwatzen erhöhen. Aber bist Du auch sicher, dass Niemand weiter, als Du, um meine Anwesenheit dort weiss? Kann mich Niemand überführen, dass ich die Wahrheit verhehle?

Nein, nein! stammelte Margarit, offenbar wieder verlegen werdend; wenn Ihr es selbst nicht sagt, wird es Niemand erfahren. –

Nun so nimm mein Wort, liebes Kind, dass ich schweige, und verscheuche nun jede Furcht und sorge vor mir, denn Niemanden will ich betrüben, am wenigsten ein so liebes Kind, wie Dich. – Sie neigte sich dabei, sie sanft emporzuheben, und drückte einen leichten Kuss auf die Stirn des sich nun verklärenden lieblichen Mädchens. Bei dieser entwickelte sich jetzt erst ihre ganze natur in einer höchst anmutigen Geschäftigkeit um Lady Maria. Sie nahm ihr den Reisemantel ab, und suchte es ihr auf alle Weise leicht und angenehm zu machen. Die Flamme nagte bereits behaglich an einem reichlichen Torfaufsatze im Kamine. Margarit schob nun den grossen bequemen Lehnstuhl dahin und ein Bänkchen zu dessen Füssen, und ruhte nicht, bis Maria alle eigenen Bemühungen für ihr Reisegerät aufgegeben hatte und in dem Sessel sich der Ruhe überliess.

Hierzu fühlte sie sich auch hinreichend durch die Strapazen des Tages aufgefordert. Es machte ihr Vergnügen, während sie behaglich ruhte, die Kleine mit den Augen zu begleiten, die so anmutig und geschäftig sich umher drehte, bis sie endlich an einem kleinen Tischchen seitwärts vom Kamine Platz nahm und an einem seidenen Netze eifrig zu knöpfeln begann. Dabei schauten die klugen hellen Augen oft zur Lady lächelnd auf, und guckten dann nach dem Fenster und scheu wieder auf ihre Arbeit zurück.

Da wir nun doch in so kurzer Zeit Freunde und Vertraute geworden sind, liebes Kind, hob Lady Maria endlich an, so möchte ich wohl erfahren, warum Du mich zuerst fast aus diesem Zimmer hinausgejagt hast. Es muss Dich doch dazu ein wichtiger Grund getrieben haben, indem Du vielleicht das Ereigniss voraussehen konntest, was ich erlebt. Nun, werde nicht wieder ängstlich, fuhr sie fort, da sie sah, dass Margaritens Kopf glühend rot auf die Brust sank, und alle Qualen der Angst und Beschämung sie zu ergreifen schienen. Wenn es Dich sehr ängstigt, will ich warten, bis Du mehr Vertrauen zu mir fassest, sollte ich hier überhaupt lange verweilen.

Ach! seufzte Margarit und hielt die Hand an die Stirn, ich möchte es Euch lieber sagen, als gegen eine so gütige Dame so einfältig und undankbar erscheinen; aber Ihr werdet eine gar böse Meinung von mir bekommen, und doch sind wir Beide ganz unschuldig.

Beide, sagte Maria, was meinst Du denn? Ja, rief Margarit, schnell aufstehend, komm nur hervor, Lanci, wir wollen der lieben Dame Alles sagen.

Voll Ueberraschung wandte die Lady den Kopf, und sah nun aus der Fenstervertiefung einen Jüngling in feiner Jagdkleidung mit einem kleinen gefiederten Mützchen in der Hand hervortreten, der, gleich Margarit, in den glühendsten Purpur der Beschämung gehüllt, schüchtern neben ihr stehen blieb.

Kinder, sagte Maria, trotz der hier am Tage liegenden Intrigue, ganz bezaubert von dem Augenblicke dieser schönen