, aus jener frühern erhielt, wie ward es ihr zu teil, und wo führte sie es hin? Konnte sie übersehen, dass sie unermesslich viel gewagt, dem mann zu folgen, der damit begann, sich frech ihr zu nähern? Konnte sie sich jetzt geborgen halten, da der Empfang in diesen Mauern so gar kein Zeichen der Teilnahme zeigte, deren sie doch gewiss sein musste, im Fall ihr Oheim sie hier erwartete? und wo Schutz hoffen und suchen, wenn sie verraten war? Hier erfüllte sich ihr unschuldiges Herz mit einem tiefen Schmerze, es war das Andenken an ihre grossmütigen Wohltäter auf Godwie-Castle, welche für sie verloren waren. Sie waren für sie verloren; ihre strenge Tugend eben schied sie auf immer.
Heisse Tränen drängten sich dieser überzeugung nach, und in ihnen tauchte das Bild des edlen Richmond auf, wie er flehend an ihrer Sänfte stand und sie zurückzuführen strebte. Ach, es trat aus diesen letzten Augenblicken ein unvergesslicher Ton seiner stimme in ihre Erinnerung, ein blick seiner seelenvollen Augen. Wenn sie, in heiliger Einsamkeit mit sich, ihn jungfräulich schüchtern herauf zu rufen wagte, dann öffneten sich die Pforten ihres Herzens, von seiner sel'gegen Fülle aufgesprengt, und ihr ganzes Wesen blieb lauschend stehen und horchte den Wundern, die einen magischen Kreis, sanft betäubend, um sie zogen. Sie verhüllte schüchtern ihr Haupt. Denn eben ungerufen kam der süsse Zauber, und trocknete die bittern Tränen und liess das tief betrübte Herz erquickt zurück, aufs Neue mit sanften Hoffnungen und jugendlichem Vertrauen ausgeschmückt.
Ein leichter Fusstritt in der Nähe liess sie schliessen, dass sie nicht mehr allein sei. Sie zog den Mantel zurück und erblickte nun eine ältliche Frau, welche sich aus einem anderen Teile des Zimmers der Eingangstüre nahte und dieselbe sorgfältig mit einem Riegel verschloss. Sodann zündete sie mehrere an den Wänden hängende Lampen an, doch nur auf der Wand, die den Fenstern gegenüber, und ehe Maria, die so eben sich erheben wollte, um sich ihr kund zu geben, dazu gelangen konnte, rollte sie den hohen Lehnstuhl bei Seite und zog einen Teppich weg, worunter sich eine Falltür zeigte, die sie mit grosser Schnelligkeit öffnete und so von einander schlug, dass sie zwei Lehnen bildete, woran sie sichern Schrittes mit ihrer Leuchte in die Tiefe stieg.
Maria fühlte sogleich, dass sie hier der ungeahnte Zeuge eines Geheimnisses gewesen, und unangenehm davon bewegt, schwankte sie, ob sie sogleich das Zimmer verlassen oder die Rückkehr der Frau erwarten solle.
Sie entschied sich für das Letztere, da die verriegelte Tür ihr den Wunsch anzeigte, von Aussen jede Störung zu verhüten, und sie nicht berechnen konnte, welch grösseres Unheil sie anrichte, wenn sie durch ihre Entfernung diesen Eingang unbeschützt liesse. Die Fremde erhielt das fräulein lange in unerfülltem Harren, und bald drängte sich ihrem geist eine Möglichkeit auf, dies Ereigniss mit demjenigen in Verbindung zu denken, den sie überall anzutreffen hoffte. Aber wie schauderte sie bei dem Gedanken, dass unter der Erde seine wohnung sei; welch ein los musste ihm dann gefallen sein, wenn seine Gegenwart in solch strenges geheimnis gehüllt ward.
Sie behielt nicht lange Zeit zu Vermutungen, denn durch ein Geräusch wurden ihre Blicke der eichenen Wand zugerichtet, an der sich ausserhalb Schlösser zu rühren schienen. Plötzlich taten sich vor ihren erstaunten Blicken oberhalb der kleinen Treppe die eichenen Wände auseinander, und zeigten eine kleine Tür, welche die Einsicht nach einem hell erleuchteten niedrig gewölbten Gange zuliess.
In dem alten mann, der hier hervortrat, erkannte Lady Maria den Hausvogt, der sie empfangen hatte, und der damit beschäftigt, den Eingang durch das Ineinanderschieben der Holzwände zu erweitern, jetzt wieder in demselben Augenblicke verschwand, als sie ihn anrufen wollte. Dennoch blieb sie entschlossen, sich um jeden Preis aus der unfreiwilligen Lage einer Lauscherin zu ziehen. Eben erhob sie sich, um dem alten mann nachzugehen, als sich ihr ein so überraschender Anblick darbot, dass sie von Erstaunen gefesselt in ihren Fenstersitz zurücksank, der sie, in tiefe Schatten gehüllt, jedem Blicke entzog.
Es zeigten sich nämlich plötzlich in dem kleinen Eingange der Treppentür zwei Knaben in Chorhemden mit reich gesticktem Skapulier, welche, lange Wachskerzen tragend, die kleine Treppe hinab in den Saal schritten.
Ihnen folgte eine grosse hagere Frau, welche, in der Kleidung einer Ursuliner-Nonne, mit dem Rosenkranze in der Hand, von einem Geistlichen in der Tracht des Ordens Jesu beim Niedersteigen unterstützt ward. Als er den Saal erreicht hatte und dem hellen Scheine der Wachskerzen begegnete, erkannte Lady Maria ihren Reisegefährten, aber ihr Erstaunen fesselte jede ihrer Bewegungen und machte sie jetzt wirklich unfähig, sich zu erkennen zu geben.
Diesen Personen folgten nun mehrere Frauen, alle in vorgerücktem Alter, und alle als Ursulinerinnen gekleidet.
Sie zogen in gemessener Ordnung durch den Saal der Falltür entgegen und stiegen schweigend, ohne die Köpfe zu erheben oder eine andere Bewegung zu machen, als das langsame Fortschleppen alter schwacher Personen erfordert, die verborgene Treppe hinab.
Der Hausvogt verschloss die Wände, wie die Falltür hinter sich, so dass die Lady nach einigen Momenten, die noch der Ueberraschung gehörten, zweifelte, ob sie dies Alles wirklich gesehen oder aufs Neue von den Bildern ihrer Phantasie überwältigt worden sei. Als sie endlich gewiss war, sich nicht getäuscht zu haben, strömte damit zugleich eine Fülle von Beziehungen auf ihr eigenes Schicksal über sie ein, und ahnend stieg in ihr