zu steigern schien. Nein, Lady, brach sie endlich mit gejagter stimme los, hier könnt Ihr nicht bleiben, es ist hier – kalt, es ist hier so unwürdig für vornehme Leute, ich werde Euch hinführen, wo es besser ist.
Wie Du willst, mein Kind, sagte Maria sanft und stand sogleich auf, der Kleinen folgend, die nun zur selben Tür hinaus, fast fliegend vor ihr her in einen Eingang trat, der einen erleuchteten gang verschloss, an dessen Seite sie eine hohe Tür öffnete, die Lady einzutreten nötigte und dann eben so schnell davon lief, als sie vorangeeilt war.
Maria sah sich jetzt in einem ziemlich langen, aber nicht breiten Gemache, welches an der einen Seite der Länge nach vier hohe Fenster zeigte, die so in der Mauer verloren waren, dass sie schmale Kabinette bildeten. Das Zimmer war gewölbt und mit reicher Architektur versehen. Vom Gebälk hing eine grosse, schön gearbeitete Lampe herab und verbreitete über die nächsten Gegenstände ein klares Licht. Zwei lange Tafeln standen in einiger Entfernung von einander, um den ledernen daran geschobenen Sitzen Raum zu lassen. Die Tische waren mit feinen weissen Tüchern bedeckt, und in schicklichen Zwischenräumen mit leeren silbernen Gerätschaften zum Gebrauch der Tafel bestellt.
Am obern Ende, wo die Tafeln zusammen liefen, stand ein hoher Lehnstuhl von Eichenholz, der, ein wenig erhöht, fast einem kleinen Tron ähnlich sah. Ein rotes Sammetkissen lag auf dem Sitze und zu den Füssen, und davor stand ein kleines Tischchen, ebenfalls mit Tafel-Geräten besetzt.
Lady Maria konnte daher nicht zweifelhaft sein, dass sie sich in dem Esszimmer des Hauses befand, und zählte zwölf Lehnstühle, woraus sie auf die Zahl der täglichen Hausgenossen schloss, und den übrig bleibenden Patz an den Tafeln auf öftern grösseren Zuspruch beziehen konnte.
Sie ging am Ende des Saales einer Fensternische zu, in der sie ermüdet auf einen Sitz niedersank und von hier aus noch ein Mal den Raum überblickte. Ach, dachte ihr kindliches Herz mit Zärtlichkeit, ist dies auch Dein Wohnort, geliebter Mann, den ich vergeblich zu erreichen strebe? Ist an dieser Tafel Dein Platz, und in welcher Beziehung lebst Du hier? Von da hinweg fiel jetzt ihr blick gegenüber auf eine sonderbare Einrichtung. In dem ganz steinernen Zimmer sah sie am Ende des Saales, dem erhöhten platz gegenüber, eine Wand von geschnittenem Eichenholz, noch ein Mal so hoch und breit, als die Eingangstür, aber für einen solchen Zweck gewiss nicht bestimmt; denn es war eine flache Wand, vor der eine kleine Treppe vom selben Holze bis zur Hälfte des Ganzen in die Höhe lief. Oben bildete sie einen Absatz, der einen Balkon mit einer Brustlehne hatte, und darüber hing eine silberne Lampe, welche nicht brannte.
So sonderbar diese Einrichtung war, konnte sie die junge Lady doch nur vorüber gehend fesseln; denn das Fenster, woran sie ruhte, ging nach der Seite des Meeres hinaus. Die tiefen regelmässigen Töne, womit dieses sich am fuss des Schlosses brach, drangen zu ihr hinauf und zogen ihre Blicke nach. Der Mond leuchtete hell, und Maria sah nun, wie schön das Schloss in einer Art Bucht gelegen war, an beiden Seiten von vorspringenden Felsufern gegen das Ungestüm des Meeres geschützt. Unter den Fenstern, fast dicht daran grenzend, lief eine Terrasse, die von vergeblichen Versuchen zeugte, den Stürmen des Ozeans gegenüber dem Boden etwas Vegetation zu entlocken. Ach, welche weit abziehenden Erinnerungen traten damit vor ihren Geist! Wie gedachte sie der Kindheit, wo sie selbst als eifrige Blumistin so unermüdlich mit den rauhen Elementen ihres Wohnorts gekämpft hatte, ihm einige Blüten zu erziehen. Voll Teilnahme blickte sie nieder, um zu prüfen, wie weit man hier damit gelangt sei, und so von Bild zu Bild geführt, versank sie in ein tiefes Sinnen über die wunderbare Gestaltung ihres Lebens. Das erste Bedürfniss zarter Jugend, sich vertrauend anzuschliessen und die zweifelhaften Schritte ins Leben nach der gereiften Ansicht schützender Freunde lenken zu können, dies musste sie in den schwierigsten Augenblicken ihres Lebens entbehren, und ihren eigenen Geist aufrufen, ihr Stütze und hülfe zu sein.
Wenn sie einen blick auf ihre Erziehung warf, musste sie oft glauben, ihre Erzieher hätten ein solches Schicksal für sie geahnet, da sie mit besonderer Sorgfalt sie über das Leben aufzuklären bemüht gewesen waren, und ihren Geist auf Selbstständigkeit und eigene Erkennung der Wahrheit gerichtet hatten. Ach, und doch wie wenig mochten sie ihr Schicksal voraus gesehen haben. Wie war sie aus dem Kreise gerissen worden, in dem sie so sicher sie geborgen glaubten! Wie musste sie sich sagen, dass die Umstände hier alle Berechnungen vernichtet hatten, weil sonst ihre Lage nicht so bis auf das Letzte hilflos hätte sein können. – Mit ihrer inneren Freiheit des Geistes hatten sie ihr Hülfsmittel für das Leben geben wollen, aber alle andern Mittel, sich ehrenvoll zu behaupten, waren ihr durch dieselbe Liebe entzogen.
Der Name, den sie beibehielt, er sogar war ihr in Zweifel gestellt. Sie durfte es nicht wagen, sich irgend Jemandem verwandt zu nennen, ohne auf schlecht verhehlte Bedenklichkeiten zu stossen, und oft hätte sie die Stirn berühren mögen und sich fragen, ob ihre ganze Jugend ein spurlos verschwundener Traum gewesen, oder ob jetzt sie ein solcher Zustand quäle, aus dem sie vergeblich zu erwachen strebe.
Das erste Zeichen, das sie in der fremden Welt, in die sie so jäh gestossen war