nur zogen die müden Tiere über den immer ungleicher werdenden Boden. An Maria's Ohr drangen von Zeit zu Zeit dumpfe Töne, die sie zwar bei dem Fortbewegen des Zuges, dem Anrufen der Pferde und Diener untereinander, nicht verfolgen konnte, die ihr aber zu wohlbekannte Jugenderinnerungen wiedergaben, um sie nicht endlich zu überzeugen, dass sie in die Nähe der Küste gekommen, und dass es das Meer sei, das sein majestätisches Wellengeräusch zu ihr herüber trug. Diese überzeugung versetzte sie in eine unbeschreibliche Aufregung. Es schien ihr gewiss, dass sich jetzt ihre nächste Zukunft entscheiden musste. An die Küste hatte man sie geführt und also Wort gehalten, denn hier durfte sie auch ihren Oheim erwarten. Dies geliebte Bild trat mit einem Male, mit dem ganzen Zauber kindlicher Liebe ausgestattet, vor ihre Seele und unterdrückte darin jedes andere Bild, jede andere Beziehung zum Leben. Mit Entusiasmus ward sie sich der süssen Pflicht bewusst, für ihn zu leben und sein Schicksal mit ihm zu teilen. Indem sie in dem kleinen Raum der Sänfte niederkniete, stieg ein Gebet aus ihrer Seele, welches Gott Dank sagte für den heiligen Beruf, den er ihr verliehen, und worin sie ihn anflehte, ihre Seele zu kräftigen, um Alles zu vollenden zu seiner Ehre.
Sehr überrascht war daher ihr Begleiter, als er den Zug ausruhen liess und, zur Sänfte mit einer Fackel zurückkehrend, die Lady ohne alle Spuren der Ermüdung fand, und mit so leuchtenden Augen, mit so heiterer Stirn, in so fester Stellung überhaupt, dass die Worte der Teilnahme, die in Bezug auf die Beschwerden des Weges ihm auf den Lippen schwebten, erstarben und er, von Erstaunen überwältigt, eine Frage nach der Ursache wagte.
Denkt Ihr, Sir, antwortete ihm entzückt lächelnd das schöne Mädchen, ich höre die stimme des Meeres nicht? Es hat mich in der Wiege zur Ruhe gesungen, es war der Takt zu meinen Jugendträumen; wo ich es höre, scheint mir die Heimat! Verwandte, Glück und Sicherheit ahne ich, wo ich seinen Gruss vernehme, und mit der Zuversicht, die ich jetzt empfinde, will ich Euch danken, ehrwürdiger Mann, dass Ihr Wort hieltet, dass Ihr mich mit rastloser Güte und Grossmut beschütztet und mich jetzt meinem grossen Beruf entgegen führt. O sagt offen, wann werde ich zu ihm gelangen? Ist er mir schon nah? Werde ich bald seinen Segen empfangen?
Wer den gang ihrer Gedanken so wohl zu erforschen gewusst, wie ihr Begleiter, konnte nicht lange missverstehen, was sie jetzt bewegte, und sein augenblickliches Erstaunen wich einem sehr milden Gefühl von Teilnahme und Wehmut, welches in sich wahrzunehmen, ihn vielleicht selbst überraschte.
Er musste unwillkürlich daran denken, wozu die natur sie berufen habe, und wozu der Wille der Menschen sie jetzt bestimme, und er sah trübe zu Boden, als der fragende blick aus diesen klaren Augen seine Antwort ihm abzufordern trachtete.
Habt Geduld, liebe Lady! sagte er mit verlegenem Ausdruck, Ihr habt recht geraten, wenn Ihr am Ziel Eurer Reise Euch glaubt. Das Fernere werdet Ihr dort durch Andere, als mich, hören; mir selbst ist nicht bekannt, ob Euern Hoffnungen die Erfüllung nah oder fern liegt.
Nun so lasst uns weiter reisen, rief das fräulein, damit mir endlich Sicherheit werde, und ich handeln darf, oder erfahren, wer für mich so uneingeschränkt zu handeln strebt; mein Geist sehnt sich hinaus, ich fühle Kräfte und den Willen, sie meiner Pflicht zu weihn.
Die schnell gegebenen Befehle zur Fortsetzung der Reise unterbrachen diese kurze Unterredung, und bald erreichte der Zug einen Weg, der geebneter schien und, jetzt durch das Hervorbrechen des Mondes sicher erhellt, keine weitern Schwierigkeiten darbot.
Alsbald durchzog man noch ein kleines Waldgehege von dürftigem Fichtenholze, und unmittelbar dahinter erkannte die scharf aufmerkende Reisende das Felsenufer des Meeres und die oberen Dächer und Turmspitzen eines Bauwerks, welches, zwischen die Felsspalten hineingedrängt, unterhalb den Blicken noch entzogen war.
Maria drückte die bebende Hand auf ihr Herz. Sie schien sich zu entsetzen bei diesem Anblick, der sie mit der Ahnung einer grossen Lebensentscheidung erfasste. Aber tief blau ruhte jetzt der aufgehellte Himmel über den weissen Kreidefelsen, und unzählige freundliche Sterne blickten mit ihren wohlbekannten Namen und Bildern wie alte Bekannte. Ein süsser Trost zog in ihr bewegtes Herz, und als sie gerade über der höchsten Turmspitze das Zeichen des Himmelswagens stehen sah, der so auch über den Zinnen von Burtonhall und dem Waldschlosse der Tante stand, lächelte sie, wie Kinder, die geliebte Spielkameraden wieder sehen.
Es zeigte sich jetzt bei dem Einzug in die felsigen Küstenschluchten ein bequemer Weg, der fast unmerklich ansteigend bis zum schloss fort lief, welches nun auf einer Plattform grossartig und geräumig sichtbar ward. Auf der einen Seite mit seinem Unterbau in das Meer reichend, von der andern Seite genugsam von dem Felsen entfernt, um eine freie Stellung und einige Anlagen von Gärten zu erlauben, die, so gut es die Rauheit der Küste zuliess, Versuche der Kultur zu beabsichtigen schienen, hatte das Ganze ein wohlerhaltenes und festes Ansehn. Für Lady Maria, welche an die rauhe Lage solcher Besitzungen gewöhnt war, zeigte sich darin nichts Abschreckendes. Im Gegenteil schweifte ihr Auge mit Entzücken über das Schloss hinweg, nach dem dunkeln Spiegel des Meeres, das in majestätischer Ruhe, nur seinen eigenen ebenmässigen Bewegungen gehorchend, wie erzürnt von dem Widerstand der kreidigen Ufer, seine dumpfe, gebieterische