des Zuges, welcher mit doppelter Eile vorwärts ging, und noch um zwei Diener vermehrt war.
Es war Maria aber nicht vergönnt, zu grösserer Ruhe zu gelangen. Sie fühlte ein ungemein heftiges Brennen ihres Kopfes und ein so ängstliches klopfen des Herzens, dass ihr Atem zu stocken begann. Die Ruhe ihres Geistes verwandelte sich in eine qualvolle Erregung von Angst und Furcht. Sie bebte bei jedem Geräusch zusammen und wünschte zuletzt nur noch, das neue ungekannte Uebel möchte sie erreichen, da sie das Härteste besser ertragen zu können glaubte, als diese Furcht, für die sie keinen Namen hatte. Es machte ihr daher keinen stärkeren Eindruck, als sie um die Mitte des Tages den nachfolgenden Diener herbei sprengen hörte, worauf sogleich Membrocke, nachdem er seinen Bericht angehört, den Zug zur grössten Eile antrieb. Sie glaubte an den Bewegungen ihrer Sänfte erraten zu können, dass man Seitenwege einschlug, und zweifelte nun nicht länger, dass sie verfolgt würden. Doch wer verfolgte sie? dieser eine Gedanke löschte alle übrigen Betrachtungen aus. Sie wagte nicht, Membrocke zu fragen, der, wie sie hörte, unruhig hin und her sprengte. Auch blieb ihr wenig Zeit zu Schlüssen übrig, denn das wilde Heranjagen von Pferden überzeugte sie, dass sie eingeholt wären. Nach einigen Versuchen, die Eile zu verdoppeln, hielt plötzlich die Sänfte, von einem verworrenen Stimmengeräusch umgeben.
Halt! Halt! schrie eine wohlbekannte stimme, und sogleich hörte sie Membrocke in einem heftigen Wortwechsel mit Lord Richmond und Ormond. Mit entsetzlicher Ruhe beantwortete Membrocke die Vorwürfe seiner Verfolger. Er fragte sie mit kaltem Hohne, welches Recht sie hätten, ihn und die Lady zu verfolgen, und sie von ihm zurück zu fordern, da es ihm doch wohl ohne den Willen der Lady selbst nicht hätte gelingen können, sie zu entführen.
Haltet ein mit dieser Verläumdung, rief Richmond,
ausser sich; sie ist Euch nicht freiwillig gefolgt. Geraubt habt Ihr sie, mit Gewalt entführt, und ich fordere sie von Euch zurück im Namen der Herzogin von Nottingham, deren Haus Ihr durch solche Tat zu beschimpfen wagtet! Augenblicklich übergebt das fräulein uns und steht uns dann Rede über die Beleidigung, die Ihr derselben anzutun gewagt.
Ueberlasst die Wahl dem fräulein selbst, lachte
Membrocke; sie mag bestimmen, wem sie folgen will; sie mag sagen, ob sie mir freiwillig gefolgt, oder ich sie entführt habe. Wahrlich, Mylords, wir ereifern uns sehr unnütz, da ein Wort aus dem mund des schönen Fräuleins Euch besser aufklären wird, als meine eifrigsten Bemühungen, und glaubt mir, ich bin ganz bereit, Euch die Lady zu überlassen, wenn sie Euch nur folgen will!
Es lag eine Sicherheit in Membrockes Betragen,
die Ormonds Herz mit den entsetzlichsten Zweifeln erschreckte, während sie Richmonds Zorn nur erhöhte.
Haltet ein mit Euern Schmähungen, rief er, Euer
Mund kann die reinste Tugend nicht beschimpfen! Er stürzte zu der Sänfte hin und riss die Tür derselben auf.
Maria hatte jedes Wort der schrecklichen Unterhandlungen gehört und, empört über Membrockes boshafte Benutzung ihrer Lage, nur zu wohl erkannt, dass ihr keine Rettung von dem schmählichen Verdachte blieb. Als sie Richmond erblickte, glühend und ausser sich, mit Seelenangst auf ihre Entscheidung harrend, da verliess sie ihre Besinnung, und ihre erste Bewegung war, sich aus der Sänfte zu stürzen.
Bleibt, Mylady, sagte Membrocke kalt, und beantwortet die fragen dieser gestrengen Richter! Sagt, folgt Ihr mir aus eignem Antriebe, habt Ihr mich zum Begleiter dieser Reise angenommen, oder habe ich Gewalt gebraucht und Euch entführt?
Entführt? wiederholte mit Abscheu Maria, nein! nein! Er entführt mich nicht, o eher den Tod!
Und doch, schrie Richmond, doch seid Ihr mit ihm! Nun seht Ihr wohl, lachte Membrocke, mit Gewalt erlangt man nichts über das stolze Kind.
Lady, sprach Richmond, indem er erblassend sich an den Schlag der Sänfte hielt, wie kamt Ihr in seine Gewalt? Nicht um meinetwillen frage ich, mir steht kein Recht zu; sondern um meiner Mutter willen, die um Euch trauert, wie um ihr eigenes Kind. Ich beschwöre Euch, antwortet mir, warum verliesst Ihr uns, warum finde ich Euch in der Gewalt des Lord Membrocke? – Er schwieg, sichtlich erschöpft; seine abgebrochenen Reden, seine am Boden ruhenden Augen zeigten nur zu deutlich die tiefe Bewegung seiner Seele.
Maria fühlte jedes seiner rührenden Worte als eine neue Wunde ihrer Brust. Auf seine achtung verzichten zu müssen, gegen ihn nicht die Rechtfertigung erwähnen zu dürfen, die ihr Andenken bei ihm rein von Schuld erhalten musste, – sie glaubte diesen Gedanken in seiner ganzen Qual schon früher erschöpft zu haben; aber wie ganz anders war es jetzt, ihm gegenüber, von seinen rührenden Worten, von dem viel rührendern Ausdruck seiner stimme und Mienen begleitet. Noch ein Mal fragte sie sich, ob es hier keinen Ausweg gebe, noch ein Mal seufzte sie nach Rettung; aber die Antwort, die ihr klarer gegenwärtiger Verstand ihr gab, blieb dieselbe. Alsbald kam ihr die Kraft zurück, die schon halb entschwunden geschienen.
Sagt Eurer ehrwürdigen Mutter, teurer Lord, sprach sie dumpf, aber fest, mein Leben würde ein Dankgebet bleiben für meine Wohltäter; sagt ihr, ich verdiene noch immer den Segen, den sie auf mein Haupt niedergelegt, noch ein Mal flehe ich sie an, ihn nicht zu widerrufen. Ein Mehreres