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an diesen Platz voraussetzen musste. Doch blieb ihr keine Wahl, als dem Zufall zu vertrauen, und da die Nahenden sie jetzt erreicht hatten, drückte sie sich fest verhüllt in die Ecke des Fensters, mit starrer Erwartung des nächsten Augenblicks.

Die Herren hatten den morgenden Jagdzug geordnet und sprachen von ihren Pferden. Richmond ging mit einem der Herren voran, und als er rasch an dem Fenster vorüber streifte, sprach er: Nein, Sir Francis, wählet, welches von meinen Pferden Euch ansteht, dies Pferd gehört Lady Melville, und ich hoffe, sie wird uns begleiten. Indem strich Ormond vorüber, aber das Haupt auf die Brust gesenkt, schien die Erinnerung des hier Erlebten viel zu mächtig in ihm zu sein, um noch Sinn für ein äusseres Zeichen zu haben. – Sie waren vorüber, nur einzelne Streifen Licht glitten noch über den Boden hin. Maria entfloh nun, so schnell sie vermochte, ihrer Haft.

Die dunkeln Schatten des Parks waren erreicht. Sie näherte sich dem verabredeten platz und hörte bald die leisen, im welken Laube rauschenden Schritte ihres gefährten. Ein unbeschreibliches Entsetzen erschütterte sie, als er vor sie hintrat, sie zu begrüssen.

Seid Ihr bereit, Mylord? So eilt denn und führt mich den dornigen Pfad der Pflicht, und denkt, dass, wie ich hülflos auch scheinen möge, doch über mir Gott im Himmel wacht, wie über Euch er einst richten wird.

Eure Hülflosigkeit, teure Lady, ist eine eingebildete; im Gegenteil wird dies der erste Schritt zu der ausgezeichneten Stellung sein, wozu Euch Eure Geburt berechtigt. Der mächtige Buckingham und Euer edler Oheim werden siegreich hervorgehn aus allen ihnen von dieser stolzen Familie bereiteten Bedrängnissen, daran zweifelt nicht!

O schweigt, ich bitte Euch, von Triumphen, die mit dem Unglück meiner Wohltäter erkauft sind! Wie könnt Ihr, ein Verwandter dieser edlen Familie, an ihr Unglück mit Gleichgültigkeit denken, da ich es selbst nicht vermag, selbst um den Preis nicht, den teuern Oheim gerettet zu sehen.

In Wahrheit, ich hätte nicht Vorwürfe erwartet, rief Membrocke, dass ich Eurem Interesse lebhafter zugetan bin, als dem meinigen; aber ich sehe ein, dass Lady Melville für alle Bewohner der Erde mehr Grossmut und Gerechtigkeit hat, als für mich selbst.

Es ist jetzt nicht der Augenblick, einen Wortstreit zu führen, erwiderte Maria ernst, und ich bin nicht in der Stimmung, mir eine richtige Erwägung der Zukunft zuzutrauen. Man findet für gut, sie in ein Dunkel zu hüllen, welches mich zu sehr der Willkür eines Einzelnen hingiebt, um mich ihm nicht schärfer beurteilend gegenüber zu stellen, als unter gesicherten Verhältnissen der Fall sein würde. Ich will Euch meine Dankbarkeit aufheben, und sie soll nicht gering sein, wenn Ihr mich meinem natürlichen Schutze übergeben haben werdet. Lasst uns jetzt unsere Reise beeilen.

In einer kleinen Schlucht, die sie jetzt mit schnellen Schritten erreichten, fanden sie die Pferde und zwei gleichfalls berittene Diener. Schnell und sicher hob. sich Lady Maria in den Sattel, und die Kappe ihres Mantels tief über ihr Gesicht ziehend, überliess sie den Zügel Lord Membrocke, welcher ihr zur Seite ritt, während ein Diener den Zug anführte und der andere ihn beschloss.

So blieb Maria stumm in sich selbst verloren, nur des Einen sich bewusst, dass ein neues Leben für sie angegangen war, und dass ihre Jugend von nun an abgeschlossen hinter ihr lag.

Als der Tag anbrach, befanden sie sich bei einer einsam liegenden Meierei, wo Lord Membrocke eine Sänfte für Maria bestellt hatte und sie nötigte, einige Erfrischungen zu sich zu nehmen. Noch war es ihm nicht gelungen, sie in ein Gespräch zu ziehen, eben so wenig sagte ihm ihre ganze Haltung zu. Ruhig und gemässigt waren ihre Antworten; sie liessen eben so wenig Vertraulichkeit, als Vorwürfe zu und hielten ihn beständig in der begrenzten Zurückhaltung eines Begleiters.

Die feuchte Nacht, die Kälte des Morgens und der angestrengte Ritt hatten indessen Maria eine kleine Erholung nötig gemacht, und sie sah die Ankunft einer Sänfte nicht ungern, da sie ihr noch mehr Abgeschiedenheit zu sichern schien und ihrer grossen Ermüdung zu hülfe kam. Sie benutzte die gelegenheit, dem Lord ihren Dank für seine sorgfältigen Reiseanstalten auszudrücken, da sie sich selbst zu einer milderen Stimmung für ihn zu bewegen wünschte.

Lord Membrocke war entzückt über diese sanfteren Worte, wie er sie noch nie aus ihrem mund gehört, und leichtsinnig und töricht glaubte er sich jetzt den Hoffnungen auf ihre Gunst überlassen zu können. Er verdoppelte seine Bemühungen, welche der traurige Zustand der Meierei wenig begünstigte. Zwar brannte ein hohes Torffeuer in dem weiten Kamine, der den Hausgenossen zugleich als Heerd diente, aber der Rauch schien keinen andern Weg zu kennen, als durch die morschen Fenster und Türen der grossen Halle selbst. Ein Haufen ärmlich gekleideter Kinder, ihre düster blickende Mutter und einige sehr wild aussehende Männer teilten diesen Raum mit den Reisenden und schienen in der überzeugung, so vornehmen Leuten nichts zu ihrer Erquickung bieten zu können, auch gänzlich gleichgültig gegen ihre Erscheinung zu sein. Membrocke liess indessen Alles herbeischaffen, was seine Reiseküche vermochte, er bereitete selbst Maria's Sitz am Heerde und trocknete mit Sorgfalt ihren feuchten Mantel. Er durfte ihr aber keine lange Rast gönnen, und Maria fürchtete selbst eine Unterbrechung ihrer Reise zu sehr, um nicht sogleich bereit zu sein.

Sie bestieg nun ihre Sänfte, und Membrocke setzte sich an die Spitze