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Ich verstehe nicht, sagte die Herzogin und wandte sich, wollt Ihr nicht mit nach Godwie-Castle, Lady Maria?
Ich habe keinen freien Willen, erwiderte jetzt Maria mit dem Ausdrucke der Ergebung.
Gewiss! sagte die Herzogin, welche Kleinmütigkeit! Was ist Euch? Womit haben wir es versehen, und worin haben wir Euch Zwang aufgelegt? Bestimmt ganz nach Gefallen, ob Ihr uns begleiten oder später mit meiner Schwiegermutter folgen wollt? –
Ich empfinde tief Eure Güte und habe Euch nur aus voller Seele zu danken für die unendliche Grossmut, die Ihr mir unablässig beweist. Seid sicher, dass ich nirgends lieber bin, als wo Ihr seid, dass es die süsseste Empfindung meines Herzens wäre, Euch zu dienen, um nur Eure Nähe nicht zu entbehren. –
Die Herzogin fühlte sich geschmeichelt, vor ihrem Sohne der Gegenstand von so vieler Liebe zu sein, und ungewöhnlich freundlich zog sie Maria zu sich und küsste ihre Stirn.
Ihr seid ein liebes gefühlvolles Kind, sprach sie dabei, ich lege gleichfalls Wert auf Euern Umgang und sehe es gern, wenn Ihr mit uns geht.
Maria's Herz unterlag hier. Sie sank vor ihr nieder, und ihre hände ergreifend, rief sie flehend: O, in dieser glücklichen Stunde gebt mir Euern Segen, dass er auf meinem haupt unwiderruflich ruhen möge! Was auch mein dunkles Schicksal über mich verhängen möge, widerruft ihn nie! Dann werde ich hoffen, dass ein guter Engel mir zur Seite bleibe. – Ihre Augen vergossen Tränen, und sie hatte etwas so unwiderstehlich Dringendes, dass die Herzogin ohne Widerstand die hände auf ihr Haupt legte. Gott segne Euch, liebes Kind! sprach sie dabei mit sichtlicher Ueberraschung. Aber lasst das, steht auf und seid nicht so heftig! Ihr seid ohne Ursache so feierlich, als ob uns das jüngste Gericht bevorstände; wir sollen stets über unsere Gefühle strenge Disziplin halten, gar leicht werden wir sonst bei geringen Veranlassungen davon überrascht.
Maria stand auf und trocknete ihre Augen, sie fühlte die Ruhe des Todes. Mit dieser letzten Erschütterung schien ihre Seele ausgekämpft zu haben; sie kam sich wie eine Sterbende diesen geliebten Menschen gegenüber vor; sie konnte keinen Schatten von Hoffnung haben, je wieder mit ihnen vereint zu werden; ihre Trennung schien ihr vollständig und unwiderruflich, wie durch den Tod. Aber dieses Ueberdenken ihres traurigen Geschicks gab ihr für den nächsten Augenblick alle Fassung wieder. Sie blickte auf zu Richmond, als er sich jetzt entfernte, und begleitete ihn mit ihren Augen, bis er in der Tür verschwand. Ich habe ihn zuletzt gesehen, sagte sie dann zu ihrem getödteten Herzen.
Sie blieb, bis die alte Herzogin erschien, um ihre Schwiegertochter zur Abendgesellschaft abzurufen. Beide waren von Maria's Blässe überrascht und gönnten ihr, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehn. Still küsste diese Beiden zum letzten Mal die Hand und ging dann langsam an der Versammlungshalle vorüber, aus der eine Heiterkeit schallte, die für sie nicht mehr vorhanden war.
Als sie in ihr Zimmer trat, verabschiedete sie die gute getreue Errol und blieb dann allein, sich zu ihrem grossen Unternehmen vorzubereiten. Sie hatte nur wenig Anordnung zu treffen; alle gingen darauf hin, sie so unabhängig, wie möglich, von Membrocke zu machen. Sie legte ihre Juwelen und eine bedeutende Summe Geldes, die ihr aus den Wechseln ihres Taschenbuches mitgeteilt war, nebst einem zweiten vollständigen Anzug zusammen, kleidete sich selbst in ein festes Reisekleid und harrte dann, bis die Glokken des Schlossturmes Neun schlugen. Dann stand sie auf und warf sich vor dem Betpult nieder, an dem sie nie wieder knien sollte; aber fern von ihr war jede Erweichung. Ihre Züge schienen von Marmor, hoher Ernst ruhte auf ihrer Stirn, und die Freiheit der Seele, die aus einer klaren und unabänderlichen Anschauung des Pfades, den uns die Pflicht führt, entsteht, selbst wenn wir ihn mit Gefahren umstellt erblicken, diese ward ihr zu teil und liess sie erkennen, dass nach der Trennung von den ihr so teuren Menschen nichts mehr der Rührung wert sei.
Sie flehte Gott um Schutz an: Meine Seele behüte und nimm sie in Deine Obhut; gieb mir Kraft, dass ich zu Deiner Ehre vollende, was mir obliegt. Herr, Dein Wille geschehe!
Nach diesem kurzen Gebet stand sie auf, hüllte um Kopf und Schultern ihren weiten Mantel, ergriff ihr kleines zusammen gepacktes Eigentum und eilte aus ihren Zimmern.
Sie wusste die Gesellschaft noch beisammen und musste jeden Augenblick ihr Auseinandergehen erwarten; aber sie war fest entschlossen, es mit furchtloser Gleichgültigkeit zu wagen.
Als sie, um die Gesellschaftshalle zu vermeiden, an welcher vorüber sie den Park auf kürzerem Wege erreichen konnte, durch die Gallerie ging, in der sie am Morgen die entscheidensten Augenblicke ihres Lebens durchkämpft hatte, dachte sie noch ein Mal mit tiefer Wehmut an Ormond, und als sie an die Stelle gekommen, wo sie die Ergiessungen seines edlen Herzens empfangen, blieb sie einen Augenblick gefesselt stehen. Da hörte sie vom Park her deutlich nahende Schritte und bald mehrere Stimmen. Ihre Lage ward schrecklich, den Nahenden wurden Windlichter vorgetragen, und der Fensterbogen, in den sie treten konnte, war so gross und vom mond erleuchtet, dass ihre schwarze Gestalt bei dem flüchtigen Blicke erkannt werden musste. Wie durfte sie aber an diesem Aufblick nach diesem Fensterbogen zweifeln, da sie unter mehreren Stimmen die des Lord Ormond erkannte, bei dem sie dasselbe Andenken