als früher, und nur, ob sie das Rechte zu tun vorhabe, das nur flösste ihr Bedenken oder sorge ein, nicht mehr die damit verknüpften Opfer. Nur der Brief, der die teuren Schriftzüge trug, konnte immer wieder aufs Neue die Bedenklichkeiten besiegen, die in jeder andern Beziehung ihr der bevorstehende Schritt einflösste. Aber ihren Widerwillen, sich auch nur in vorübergehende Gemeinschaft mit diesem Mann zu setzen, diesen zu überwinden, fühlte sie sich ausser stand. und liess darin endlich ihr Herz gewähren.
Seltsam traf sie Richmonds Anblick, als sie ihn bei der Tafel zuerst wieder sah, und sie würde ihn schwerlich ohne den Tribut der Weiblichkeit ertragen haben, hätte ihre wahrhaft feste und vollständige Resignation ihn nicht ohne alle Beziehungen zu sich, bloss als das schöne Urbild ihrer Liebe ihr erscheinen lassen.
Als er sie anblickte, drang das unaussprechlichste Gefühl der Befriedigung durch ihr Herz, und sie gewahrte den tiefen schwermütigen Ausdruck seines Blickes mit der schmerzlichen überzeugung, dass er dem Mitleiden angehöre, womit er sie in Bezug zu Membrocke sah. Bald, sagte sie sich, wird der Schritt geschehen, der mich fürs Leben aus Deiner reinen Nähe treibt und meinen Namen den Verworfenen beigesellen wird; Du wirst erröten, mich unter diesem dach einst gesehen zu haben. Ein Seufzer bezeichnete die Schwere des Opfers, das ihr auferlegt war, und sie fühlte sich fast getröstet, dass ihr Gefühl nie in seinem Herzen Wiederklang gefunden, und so ihm der Schmerz erspart blieb, an ihr sich scheinbar geirrt zu haben.
Fast war es ein Glück, dass Ollonie's Zustand ihre Sorgfalt erforderte. Maria besass vollkommen die Eigenschaft der Frauen, das eigene Interesse zurück zu drängen, und frei und hingebend sich einem fremden aufzuschliessen. Ihr war mit der gütigen Empfindung zugleich der Takt verliehen, unscheinbar und ohne den Leidenden ausser eigne Tätigkeit zu setzen, bloss ergänzend oder stützend einzutreten, und namentlich war sie, schnell Olloniens Wesen überschauend, sie zur Kraft zu wecken bemüht.
Eine lange Unterredung, in der sie doch, die eigentliche Vertraute zu werden, vorsichtig vermied, hatte Ollonie nicht allein überzeugt, dass Maria sich ihrem teuern Oheim nicht vermählen wolle, sondern auch in ihr jene jungfräuliche Empfindung geweckt, die sie fürs Erste zur Selbstbeherrschung zwingen konnte.
So hoffte Maria sie aus dem leidenschaftlichen Zustand zu erlösen, den ihr die Eifersucht gegeben, und für Ormond Zeit zu gewinnen, von der sie das Glück Beider hoffen zu dürfen glaubte.
So dem fremden Interesse hingegeben, hatte die junge Heldin fast keinen blick für ihre eigene Zukunft übrig, fiel er aber darauf, dann schaute sie in ein undurchdringliches Dunkel, worin sie nur das eine Bild ihres teuern verfolgten Oheims als Ziel und Lichtpunkt erblickte. Dahin wandten sich dann alle Kräfte ihrer edlen Seele, und verliehen ihr den ruhigen Ernst, der zwar alle Blüten des Glückes verschliesst, aber desto freier und stärker jede Tugend der Seele zur Reife bringt. Sie schien sich seit diesem Morgen weit über die Zeit der Jugend hinaus entrückt, und wie jede Bewegung ihrer Seele sich ihrem Aeusseren mitteilte, so trug ihr ganzes Wesen jene ernste und ruhige Würde, welche die Abfindung mit dem Leben bezeichnet.
Membrocke konnte dies nicht übersehen, und es gehörte nicht zu seinen angenehmen Beobachtungen; er hätte sie lieber hinfällig und ausser sich erblickt. Diese feste Haltung schien ihm wenig Rechte über sie lassen zu wollen, und er verwünschte dies ihm stets neue Aufgaben bereitende Mädchen.
Als die Tafel aufgehoben war und die jüngeren Personen sich dem fröhlichen Beisammensein überlassen wollten, fühlte Maria sich unfähig, daran teil zu nehmen. Ihr Herz sehnte sich mit kindlicher Innigkeit nach dem Beisammensein mit der Herzogin von Nottingham. In ihrer Nähe wollte sie die letzten Stunden durchleben und sich stärken zu dem grossen Schritt, der ihr bevorstand.
Schaudernd sah sie, wie Membrocke sich nach der Tafel von Allen beurlaubte. Indem er sich auch ihr ehrerbietig zum Abschiede näherte, warf er ihr einen vertraulichen blick zu und flüsterte: Um neun Uhr bin ich zurück.
Maria vergass, tief beleidigt, ihr ganzes verhältnis zu ihm und antwortete ihm bloss durch einen blick voll Verachtung. Aber ihr Gesicht war, Allen sichtbar, mit Blut übergossen, und Richmond wendete sich von ihr ab und verliess die Gesellschaft.
Als die beiden Herzoginnen sich entfernt hatten, blieb Maria in dem schmerzlichen Gefühl, alle hier Versammelten zum letzten Male zu sehen, wie gefangen zurück. Von Allen nahm sie im geist Abschied; ach, Keiner schien ihr mehr unbedeutend oder unliebenswürdig. Selbst die Pagen, die Diener, die noch mit dem Dienste beschäftigt hin und wieder gingen, Alle flössten ihrer Seele das schmerzlichste Interesse des nahen Abschieds ein. Lucie hing sich in ihre arme und begehrte morgen früh den Spaziergang mit ihr, und nun ward sie von allen Mädchen umgeben, die sie liebevoll drängten, den Jagdzug mitzumachen, den Richmond für morgen vorgeschlagen und Maria, unfähig ihn zu belügen, abgelehnt hatte. – Da entschlüpfte sie rasch den ungestümen Liebesbeweisen, die ihre Brust zerrissen, und eben so wenig fähig, allein zu bleiben, führte sie ihren Vorsatz aus, zur jüngeren Herzogin sich zu begeben, in deren ernster, gemässigter Nähe sie gegen neue Erschütterung der Art sich gesichert hielt.
Als sie, von dem meldenden Pagen geführt, in das lange gotische Zimmer eintrat, in dessen Fenstervertiefung die Herzogin sass, gewahrte sie zu ihrer Ueberraschung Lord Richmond vor ihren Füssen auf einem niedern Fensterbänkchen sitzen.
Willkommen, Lady