kindliche Liebe, ihr Pflichtgefühl, alles, was einen Augenblick früher sie über jede Rücksicht erhoben hatte, reichte nicht mehr zu, wenn sie nun zugleich der Vertraulichkeit und Gewalt gedachte, die sie diesem mann einräumte, und des schmählichen Verdachtes, den sie in dem Kreise ihrer bisherigen Beschützer über sich zurück liess. Die teuern Gestalten in all ihrer ernsten Tugend gingen mahnend an ihr vorüber. Ach, wie schwer war es, auf ihre achtung zu verzichten! Wie erschwerte es die Trennung von ihnen, die auch ohne diese Zugabe ihr Herz zu zerreissen drohte, so grausam! Sie erwog die Möglichkeit, sich rechtfertigen zu können, sie wollte einen Brief zurücklassen, der ihre Unschuld beteuern sollte, aber auch dazu sank ihr der Mut, da sie fühlte, dass nur Angabe der Gründe ihres Schrittes sie rechtfertigen konnte, indem die Flucht mit diesem mann eine Handlung war, die jede allgemeine Versicherung ihrer Unschuld entkräften musste.
So blieb ihr denn nichts, als völlige Ergebung, und ihr reines Herz hob sich voll Vertrauen zu dem empor, der ihre Unschuld kannte, und in dessen Hand es lag, sie von jeglichem Verdachte zu retten. Sie gedachte mit tiefer Wehmut der Worte Richmonds, dass das mutige Ertragen des bösen Verdachts, im Gefühl einer höheren Absicht, in einzelnen Fällen als eine allgemein Jedem gestellte Aufgabe anzusehen sei, und dass sich daran die Würde des inneren Bewusstseins stärke. Diese Aufgabe nun war ihr so bald zu teil geworden, und ach, ihm nicht einmal durfte sie es sagen, dass sie sich der Prüfung unterzog. Sie fühlte die ganze Bitterkeit dieses Schmerzes, und ihre junge Brust ergriff ihn mit aller Kraft eines neuen Gefühls. Aber der Schmerz verleiht auch Kraft, und ihn mutig in seiner ganzen drohenden Gestaltung anblicken, bewaffnet uns unwillkürlich gegen ihn. Maria fühlte etwas dem Aehnliches. Sie hatte, wähnte sie, das Schmerzlichste durchgefühlt; jetzt trat das Bild ihres leidenden Verwandten wieder vor ihre Seele, und mit edelm Mute beschloss sie, auch um so hohen Preis ihm Alles zu sein.
Es mag so bleiben, wie Ihr sagtet, sprach sie zu Lord Membrocke, der, noch immer ohne Antwort, in dem schnellen Wechsel ihrer Züge ihre Entschliessungen zu lesen versucht hatte.
Ich bitte Euch überdies um Verzeihung wegen meines Betragens; Ihr müsst mich mit den Fehlern entschuldigen, die Ihr ohne Zweifel bei der Art gemacht habt, wie Ihr mich von Eurer Sendung unterrichten wolltet. Ich habe jetzt den besten Willen, Euch zu vertrauen, sorget durch Euer Betragen dafür, dass es mir möglich bleibe, wozu der einzige Wunsch sein kann, dass ich nie etwas Anderes, als den Gesandten meines Oheims, in Euch wahrnehme. – Er kniete nieder, um sein spöttisches Gesicht zu verbergen, und ihre Hoheit persiflirend, küsste er den Saum ihres Kleides, indem er rief, eine gekrönte Königin solle ihm nicht heiliger sein!
Ein kurzer Schrei Maria's schreckte ihn auf. Sprachlos vor Schreck, deutete sie seitwärts, wo eben eine weibliche Gestalt, der Marquise Danville nicht unähnlich, nach den inneren Gemächern zu verschwand, während am Ende des Kreuzganges Lord Ormond an Richmonds Arm gelehnt sich zeigte.
Steht auf, rief sie heftig, und entehrt mich nicht vor der Zeit durch Euer Betragen! Lord Membrocke erfüllte dies so beleidigende Gebot gerade mit so viel Musse, wie nötig war, um gewiss zu sein, dass beide Lords ihn zu ihren Füssen gesehen hatten, und entfernte sich dann, sie vertraulich grüssend. Dies entging der unglücklichen Maria, denn bei dem Anblick dieser beiden Männer und der Stellung Membrocke's war sie einer Ohnmacht nahe, und überwältigt von der schrecklichen überzeugung, dass ihre Verurteilung schon jetzt und eben damit angefangen habe. Sie fühlte aufs Neue ihre Kraft sinken, noch ein Mal fragte sie angstvoll ihr Gewissen, ob es nötig sei, sich selbst so grausam anzuklagen; ja, es fiel ihr sogar der bis dahin nicht möglich geachtete Zweifel an der Forderung ihres Verwandten ein. Sie fühlte, dass Kummer und Unglück diesen edlen Mann etwas aus seiner Höhe herabgezogen haben müssten, da er nicht anstand, sie einer so zweideutigen Lage hinzugeben. Aber, rief ihr edles Herz, eben darum muss ich zu ihm; heilen muss meine Liebe dies edle Wesen! Abermals war sie entschlossen, und ein lauter, tiefer Seufzer beendigte diesen schrecklichen Kampf.
Und warum teilt Lady Maria mit Niemand den tiefen Gram, dem sie zu unterliegen scheint, sprach hier eine sanfte, gerührte stimme, und Maria, die den Nahenden nicht bemerkt hatte, blickte in Lord Ormonds teilnehmendes Antlitz. Maria schüttelte nur langsam das Haupt, ihre Lippen blieben verschlossen.
O, teure Maria! rief er jetzt lebhafter, warum hat nur ein Einziger das Recht, Euer Vertrauen zu geniessen, ein Einziger, ach, und ein so Unwürdiger! während Lady Maria von den treusten und redlichsten Freunden umgeben ist, die keine Aufgabe zu schwer halten würden, ihr Ruhe und Heiterkeit wiederzugeben. O Mylady, habt Erbarmen mit Euern Freunden, mit Euch selbst! Die Bürde, die Ihr tragt, ist für Euch allein zu schwer, wählt einen von uns, dass er so glücklich werde, sie mit Euch tragen zu können!
Das steht in Gottes Hand! seufzte Maria und schlug die Augen in trostvollem Glauben zum Himmel auf; dann wandte sie sich, überwältigt von der innigen Sprache des edlen Mannes, zu Lord Ormond und reichte ihm sanft die Hand