1836_Paalzow_083_13.txt

Doggen des Königreiches, von ungewöhnlicher Grösse und Schönheit des Körpers, und von einem rührend treuen charakter. Seit die Herzogin in Schmerz und Trauer gehüllt war, hatte er seinen Platz in der Vorhalle verlassen und war nicht mehr von ihr zu entfernen.

Ernst und gravitätisch schritt er jetzt dicht neben ihr, mit so traurig gesenkten Ohren, so ohne allen Anteil für seine sonstige Lust in Garten und Wald, dass der Gedanke nicht abzuweisen war, er wisse, was auch ihn betroffen.

Es hatte etwas tief Rührendes, ihn zu sehen, wie zur Wache seiner trauernden Herrin bestellt. Am Ende der Terrasse, und so oft die Leidtragende still stand, setzte auch er sich dicht vor sie hin und blickte sie an, als wollten die ehrlichen traurigen Augen Tränen weinen; schritt sie weiter, ohne ihn zu sehen, raffte er sich sogleich auf und schritt ihr in gleicher Ordnung nach. Um so auffallender war sein Betragen, als die Herzogin sich jetzt noch ein Mal dem Ende der Terrasse nach der Waldseite zu näherte und ruhend einen Augenblick an einen Sitz gelehnt blieb. Plötzlich unruhig werdend und die Herzogin verlassend schien er irgend etwas zu suchen, was ihm sein feiner Instinkt andeutete, jeden Platz um seine Gebieterin durchsuchend verschwand er plötzlich hinter der Brüstung der Terrasse nach der Treppe zu, welche in den Waldgrund führte. Bald hörte man sein wohlbekanntes lautes Anschlagen und darauf ein langes Geheul. Er sprang mit solcher Gewalt über die Terrasse zurück, dass die Herzogin, selbst davon erschreckt, aus ihrem starren Nachdenken gerissen ward. Er stürzte auf sie hin, bellte heftig, und indem er ein lautes Geheul ausstiess und mehrere Mal an ihr in die Höhe sprang, kehrte er eben so schnell zurück, um wieder an der Treppe zu verschwinden. Einen Augenblick nur hatte der Ungestüm dieses geliebten Tieres ihre traurigen Gedanken unterbrechen können. Langsam wandte sie sich zurück, als Gaston aufs Neue herbeistürzte, ihr fast den Weg vertrat, immer wieder mit lautem Geheul der Treppe zu fliegend, immer wieder umkehrend, und, als die Herzogin dennoch weiter gehen wollte, dies zu verhindern fest entschlossen schien, indem er ihr Gewand zwischen die Zähne nahm, um sie nach der Treppe hinzuziehen. So ungestüm aus sich herausgerissen, und von einem so treuen gefährten ihres Gemahls, ward die Herzogin jetzt aufmerksam und bemerkte, dass Gaston am ganzen leib zitterte und den Wunsch zu erkennen gab, dass sie ihn begleiten möge. Dies erkennen und ihm sanft folgen, war eins, und nun erhob Gaston ein Freudengebell, stürzte nach der Treppe zu, stellte sich ruhig harrend hin, bis sie sich näherte, und schritt vor ihr her die Stufen hinab. Eben blieb die Herzogin zweifelnd stehen, ungewiss, ob sie ihm weiter folgen solle, als mit dem ersten Schritt auf der Treppe sich ein Anblick ihr zeigte, der augenblicklich die ganze Stimmung der edlen Frau veränderte und ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm. In dem Ausrufe: O Gaston! verriet sich das ganze Gefühl, welches die jetzt unverkennbare gute Absicht des klugen Tieres ihr einflösste. Sie schritt schnell einige Stufen weiter und befand sich jetzt vor einer weiblichen Gestalt, die, auf dem Gesicht liegend, die arme weit vor sich hingestreckt, entweder tot oder ohnmächtig war.

Schnell überblickte sie, ob äussere Zeichen der Verletzung sich zeigten, und gewahrte, wie Gaston angstvoll um den Gegenstand seiner sorge hertrat und sich nach dem kopf zu, unter das lange dichte braune Haar, drängte, dann zurück sprang und den mit Blut überzogenen Kopf zur Herzogin aufhob. Dies entriss der erschütterten Frau den ersten Schreckensruf, und ihre Diener, die nicht gewagt hatten, ungerufen herbei zu kommen, obwohl Gastons Betragen und das Verschwinden der Herzogin von der Terrasse sie besorgt näher geführt hatte, stürzten jetzt schnell herbei. Sie fanden die Herzogin, dem Umsinken nahe, an die Wand der Terrasse gelehnt und vor ihr Gaston mit dem Gegenstand seiner sorge.

Die ehrerbietige Scheu zügelte das Erstaunen der Herbeigeeilten, und als die Herzogin mit der Kraft eines schönen Gefühls für Menschlichkeit sich erhob, eilten sie bloss stumm ihre Befehle zu erfüllen. Die Unglückliche lag nämlich, durch ihren wahrscheinlichen Fall beim Erklimmen der Stufen, so am rand des tiefen und steilen Waldgrundes, an dem die Treppe hinaufführte, dass die leiseste Bewegung sie hinabstürzen konnte, ja, es war zu glauben, dass Gaston durch Versuche, die Gestalt hinaufzuziehen, die Lage noch verschlimmert hatte, da der Boden am Waldabhange frisch von seinen Pfoten unterwühlt schien, und das Gewand von dem linken Oberarm zurückgerissen und mit frischer Erde bedeckt war. Als aber die Diener sich näherten, die Gestalt vom Boden zu erheben, ergriff die Herzogin ein unaussprechliches Gefühl von Abneigung, die weibliche, offenbar junge und zarte Gestalt von Männern berühren zu lassen, sie winkte sie zurück und befahl, nach Mistress Morton und ihren Frauen zu senden, den Doktor Stanloff zu rufen und eine bequeme Bahre an den Fuss der Terrasse zu bringen. Sie selbst blieb wie gefesselt vor dem Wesen stehen, von dem es zweifelhaft blieb, ob es noch zu den lebenden gehöre. Einige bange einsame Augenblicke liessen die Herzogin Entdeckungen machen, die ihr Interesse erhöhten. Obwohl nichts von der Gestalt zu sehen war, als arme und hände und eine Fülle des schönsten braunen Haares, das wie ein Mantel über sie ausgebreitet war, so liessen sich doch darunter lange schwarze Trauerkleider in dem Schnitt der vornehmeren Stände wahrnehmen, und die arme und hände, die