geliebten kind für ihr ganzes Leben bedeutend sein würde, hatte der zärtliche Freund stets erwartet, und nur den Himmel angerufen, sie glücklich in ihrer Liebe sein zu lassen, da ihm die Leiden einer unglücklichen Liebe für dies Gemüt höchst gefährlich erschienen. Welches aber ihr los bei Richmond sein würde, das blieb ihm immer, je länger, je mehr ungewiss, denn Richmond hatte ein vorherrschend ernstes Betragen angenommen und hielt sich mehr, als gewöhnlich, von dem nähern Umgange der Dame zurück. Selbst eine frühere Vermutung, dass Richmond, von den Reizen der Lady Melville hingerissen, sein Herz an diese verloren habe, bestätigte sich nicht, indem er auch sie zu vermeiden schien, und, sich auf seinem Zimmer in Bücher und Schriften vergrabend, den melancholischen Ernst seiner Züge hinreichend vor ihm durch die sorge um Lord Bristol rechtfertigte, dessen Lage immer bedrohlicher sich zu gestalten schien.
Ein auffallendes Ereigniss bestimmte endlich Ormond, den letzten, ihm so gewagt erscheinenden Schritt bei Lady Melville zu versuchen.
Der jüngere teil der Gesellschaft hatte sich durch eine Morgen-Promenade zu Pferde erheitert, und man hatte so eben den Schlosshof erreicht, als Lord Membrocke seinem Pferde die Sporen gab und pfeilschnell auf einen Jüngling in Reisekleidern zusprengte, der im hof harrend unter den übrigen Dienern stand und, sogleich dem Lord den Steigbügel haltend, ihm beim Absteigen ein Packet überreichte.
Zwischen Ormond und Lady Arabella ritt Lady Melville still und gedankenvoll zunächst in den Schlosshof ein. Als sie sich so eben aus dem Sattel gehoben hatte, nahte ihr Lord Membrocke mit triumphirender Miene, hob das Briefpacket in die Höhe und rief, bedeutungsvoll sich neigend: Ich habe die Ehre, Mylady, Euch anzuzeigen, dass mein Page so eben von seiner Reise zurückgekehrt ist.
Sogleich legte sich Todtenblässe über Maria's Angesicht; aber als Membrocke noch einen Schritt näher trat, stiess sie einen herzzerreissenden Schrei des Entsetzens aus und sank, ohne dass die überraschten Anwesenden es hätten verhindern können, auf den Boden nieder. Sogleich ward Alles tätig. Mit einer wütenden Heftigkeit stiess Richmond Lord Membrocke, der ihr zunächst stand und sie berühren wollte, zurück und richtete sie selbst auf, indem er mit lauter stimme nach einem Sessel rief. Denn obwol sie vom Boden aufgehoben worden, so zeigte sie dennoch, dass ihre Besinnung noch nicht vollständig genug war, um sich auf den Füssen halten zu können.
Sie öffnete jetzt die Augen und blickte Richmond an; dann schlossen sich diese wieder, und sie schien aufs Neue ihrer Sinne beraubt. Richmond eilte, die Lady auf den herbeigetragenen Stuhl sanft aus seinen Armen niederzulassen, dann übergab er sie der Sorgfalt der Frauen, bestieg sogleich sein Pferd und ritt, die Herren flüchtig grüssend, langsam über den Hof, in der Richtung des eben zurückgelegten Weges.
Von der heftigsten Bewegung ergriffen, brachte Ormond mehrere Stunden einsam in seinen Zimmern zu. Nein, er durfte dies geliebte Wesen nicht länger schutzlos den Verfolgungen des Mannes hingeben, der über sie ein unbekanntes Recht auszuüben schien, das sie mit Entsetzen erfüllte, und das sie doch anzuerkennen gezwungen schien. Noch heute wollte er ihr den Schutz anbieten, den seine ehrerbietige Liebe ihr gewähren konnte; als ihr Verlobter hatte er das Recht, ihre Sorgen zu teilen und jeden ihr Ueberlästigen zu entfernen. Länger damit zurückzuhalten, schien ihm feigherzige Schwäche, und er eilte hinweg, um über ihr Befinden Erkundigung einzuziehn.
Lord Membrocke begab sich indessen mit seinem wichtigen Paket nach seinem Zimmer, wohin ihm sein gewandter Page folgte. Er hob aus einem Briefe Bukkinghams, zu seiner unsäglichen Freude, einen zweiten hervor, der, mit dem Siegelring des Prinzen von Wales verschlossen, die Aufschrift: An Lady Maria Melville, zeigte. Dies schien ihn so vollständig zu befriedigen, dass er fast Buckinghams Brief zu lesen übersah, indem er seinem Pagen unaufhörlich Aufträge gab, die, von dem listigen Knaben wohl verstanden, auf eine schnelle Abreise hindeuteten. – Wir wollen uns indessen mit dem Inhalte des ungelesenen Briefes bekannt machen, wie es der Lord, wenn auch später, doch wohl schwerlich unterlassen haben wird.
"Du hast aufs Neue gezeigt," schrieb Buckingham, "dass Du eigentlich zu nichts taugst, was über den Gesichtskreis einer kopflosen Weiberintrigue reicht, und könnte ich in dem alten Eulennest bei diesen lächerlichen Tugendhelden, diesen Nottinghams, einen andern meiner Geschäftsleute brauchen, so würde ich Dir befehlen, angesichts dieses das Feld zu räumen. Denn wie Du auch die Sache einhüllst, es ist nur zu klar, Du hast wie der jämmerlichste Stümper das Mädchen verschüchtert, ehe Du sie sicher hattest. Du hattest vergessen, dass ich Dir befohlen, sie zwar zu entführen, aber dabei eingedenk zu bleiben, dass Du meine Nichte entführtest, die etwas zu weit über Deine person erhaben ist, als dass Du mit Deinen gewöhnlichen Plänen an ihr nicht Deinen Hals wagen würdest. Genug, Dir bleibt nur das eine Verdienst, dass Du, als ein ausgearteter Verwandter dieser Familie Nottingham, auf eine Zeitlang unter ihnen geduldet werden kannst, und ich entsetze Dich Deines Amtes nicht, damit es Dir vergönnt bleibe, durch Dein ferneres Betragen mir noch einige Proben von Deinem bis jetzt nicht verspürten Witze abzulegen.
Dein Einfall mit dem Briefe ist nicht übel, und wenn sie Dir darauf freiwillig folgt, so bist Du im Fall der Verfolgung gedeckt; und erkenne ich sie später an, möchte es wenig darauf ankommen, ob auch die ganze Welt wüsste, sie