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Es ward ihr leicht, zu erkennen, wie fern Richmond jeder Gedanke an die Pläne seiner Familie liege, da er von der heranblühenden Jungfrau wie von einem lieben Schoosskinde sprach und in jener gleichgültigen Laune, die weder Lob noch Tadel widerlegen mag, den Versicherungen seiner Mutter zuhörte, dass sie von ausgezeichneten Tugenden des Geistes und Herzens sei. Auch schwieg die Herzogin gar bald, denn sie sah in dieser Vernachlässigung eines Mädchens, der sie im Geheim die Ehre zugestanden, ihre Schwiegertochter zu werden, eine Beleidigung sowohl für sich, als für Ollonie's jungfräuliches Gefühl; und sie konnte das selbst ihrem Sohne nicht schnell genug vergeben, um ihn so freundlich zu entlassen, als er es erwarten durfte. Doch auch dieser Wink sollte dies Mal verloren sein, denn Richmond ging in Gedanken vertieft von dannen, er fragte sich nur, wie die Erwähnung der Lady Melville, die doch jetzt aufgehört habe, seiner Mutter Besorgniss zu erregen, sie so auffallend habe verstimmen können? Die alte Herzogin wünschte die Gesellschaft um sich fest zu halten, bis sie selbst mit ihrer Familie nach Godwie-Castle zurückkehren würde, und sie war daher unermüdlich, in den Vergnügungen und Beschäftigungen um sich her die angenehmste Abwechselung zu erhalten.

Es konnte ihr das nicht fehlschlagen, da ihr die reichsten Mittel nach Aussen zu Gebote standen, da ihre stets gleiche Laune und ihre heitere Milde überall belebend eingriff, und Jeder durch ihren Beifall sich belohnt sah, wenn er zur Heiterkeit des Ganzen die Hand geboten hatte. Trotz diesem über alle wehenden Panier der Freude kann wohl Niemand bezweifeln, dass nicht allen das Herz zu dieser einen Losung schlug und Viele, von eignen Betrachtungen beschwert, nur jene schickliche Haltung beobachteten, die nirgends das eigene Interesse geltend zu machen sucht.

Lord Ormond befand sich vornehmlich unter diesen letzteren, denn er war sich seiner bewusst geworden, und hatte sich mit einer unbeschreiblichen Erschütterung eingestehen müssen, durch Lady Melville aufs Neue mit einem Gefühl bekannt geworden zu sein, dem er sich nicht mehr zugänglich gewähnt hatte. Ja, er musste diese Empfindung dies Mal in sich von einer Hochachtung und einer Teilnahme unterstützt fühlen, wie bei seiner früheren, so unglückselig leidenschaftlichen Liebe niemals der Fall gewesen. Er hatte anfänglich noch die Schwierigkeiten erwogen, die bei seiner Stellung und seinem Range in der Verbindung mit einem unbekannten Wesen, über dessen Leben noch so viel Dunkel und Zweideutigkeit lag, ihm zu besiegen oblagen. Aber er erkannte jetzt nur eine Schwierigkeit, nur die eine Furcht, ob er, der so viel ältere Mann, das Herz dieses Engels je gewinnen könne, und war zu jedem andern Opfer bereit, wenn er dies eine erlangt haben würde. Er wollte, im Fall man etwa Bedenken trüge, seine Gemahlin bei hof zu empfangen, seinen Abschied nehmen, und seine Güter durch allen Zauber von Kunst und Kultur zu einem würdigen Boden für sie umschaffen. Aber diesen wichtigen Augenblick, der darüber entscheiden sollte, wagte er nicht herbei zu führen ja, tausend Bedenklichkeiten liessen ihn vielmehr denselben stets weiter hinaus schieben. Er hörte indess nicht auf, sie mit der zärtlichsten Aufmerksamkeit zu bewachen, und erkannte nur zu bald mit sorge, wie die kindliche Ruhe und das herrliche Gleichgewicht ihres ganzen Wesens von ihr zu weichen begann, und bald einer schwermütigen Stimmung, bald einer überreizten Lebhaftigkeit Platz machte, was auf einen innerlich leidenden Gemütszustand schliessen liess. Er suchte sie stets zu unterstützen, seinen Worten ohne Beziehung einen allgemein beruhigenden charakter zu geben, sie vor der neugierigen Zudringlichkeit Anderer zu bewahren und ihre eigenen Aeusserungen, die immer mehr den Ausdruck des Leidens trugen, vor Missdeutungen zu schützen.

Sie schien die Nähe eines sorgsamen Freundes in ihm zu ahnen, und es war ihm, als ob sie ihn stets unter allen ihren Umgebungen suche und in seiner Nähe allein zu der harmlosen Ruhe zurückzukehren vermöge, die sonst ihr eigenstes Element war. Wie konnte Ormond sich entalten, auf diese ihm so süsse Wahrnehmung die Erfüllung der Hoffnungen zu bauen, die ihn jetzt einzig belebten. Und dennoch wagte er das entscheidende Gespräch noch nicht mit ihr einzuleiten. Jeden Versuch, tiefer in ihr Vertrauen einzudringen und namentlich sie über ihr, ihm stets unbegreiflicher werdendes verhältnis zu Lord Membrocke zum Vertrauen zu wecken, blieb nicht nur ohne Erfolg, sondern schien sogar jedes Mal so viel Unruhe, ja, Schmerz ihr zu verursachen, dass er nicht oft sich überwinden konnte, dazu erneute Veranlassung zu geben.

Wie nahe aber auch dieses Interesse seinem Herzen lag, Ormond hatte sich zu lange gewöhnt, seinen Umgebungen eine grössere Teilnahme, als sich selbst, zu schenken, um auch nicht jetzt noch für Alle teilnehmend zu bleiben, und so lag ihm zunächst ob, Ollonie zu beobachten, welche ihn in die schmerzlichste Unruhe versetzte.

Das holde leidenschaftliche Kind schien jetzt über alle Grenzen erregt, in einem beständigen krampfhaften Zustande zwischen lachen und Weinen zu schweben. Auch hier, wo sonst Ormond das unbedingteste Vertrauen fand, ward er jetzt zurück gewiesen, und seine väterlich ernsten Vorstellungen, ihr sonderbar übertriebenes Wesen mehr zu beherrschen, hatten sie laut weinend, wie in einem Zustande von Verzweiflung, zu seinen Füssen geführt; ja, viele Tage später durfte nur sein blick sie aufmerkend erreichen, um neue Tränen aus ihren Augen zu locken.

Immer von der einen idee erfüllt, in Richmond und Ollonie dereinst ein Paar zu sehen, begann Ormond ihren Zustand auf ihr erwachtes Gefühl für Richmond zu beziehen. Dass dies Gefühl bei dem