welch' ein Morgen schien ihr der heutige. Welch' ein Licht, welch' ein Farbenglanz und welch' eine leichte balsamische Luft, von der sie sich wie getragen fühlte! Welch' ein Gefühl von Glück und Mut und Hoffnung schien ihr von ihm auszugehen. Ihre Seele war befreit von dem Kummer, der seine schwere Hand nach ihr in der Einsamkeit auszustrecken pflegte, die Bilder der verlorenen Lieben ihr vorführend und ihr eigenes vereinsamtes los.
Ach! wohl gedachte sie ihrer Lieben; aber heute mehrten sie nur die unschuldige Seligkeit des Herzens, und statt ihrer sonst in Tränen gehüllten Bilder verklärten sie sich jetzt in heiter blickende Engel, die aus dem glühenden Morgenhimmel sich schützend und segnend über sie herab neigten.
Ja, ich muss glücklich sein! rief sie sich zu, denn dies wollten sie ja von mir; und zum ersten Male fiel es ihr ein, wie sie ihr das Glück, das aus einer wahrhaft harmonischen entwicklung des Menschen hervorgehen müsse, und das sie jetzt empfand, als die Aufgabe des ganzen Lebens gestellt hatten.
Sie fühlte, dass sie an diese Aufgabe zu wenig gedacht, aber heute wollte sie dieselbe zugleich lösen. Sie hielt den Schmerz für besiegt in sich oder doch für aufgelöst in kindlicher Ergebung, und dankte im ausgesprochenen Gebete Gott für das Glück, zu leben. Zu leben! setzten ihre Gedanken das Gespräch des kindlichen Herzens fort, und zu leben unter den edelsten und besten Menschen.
Sie sandte ihnen allen tausend zärtliche Grüsse zu, als sie so eben, eine Höhe ersteigend, das in der Ferne über den Bäumen des Parkes sich erhebende Schloss gewahrte. Ach, mit jenen vereint den Tag zu verleben, schien ihr ein nun erst von ihr verstandenes, geschätztes, unnennbares Glück zu sein.
An dem fuss einer grossen Eiche, die noch vollbelaubt mit ihren weit ausgebreiteten Zweigen die Anhöhe beschattete, befand sich ein kleiner Sitz, den Lady Maria am liebsten bei ihren frühen Spaziergängen einnahm. Von hier aus hatte sie einen weiten blick in die reizende Gegend, die für sie einen besonderen Zauber trug, denn hier konnte sie mit ihren scharfen Augen die fernen Gebirgslinien des Cheriot und die Grenzen Schottlands erspähen. Der Solway, an dessen Ufern sie als Kind gespielt, war zwar verdeckt von dem Gebirge des Peek; aber diese fernen malerischen Linien, diese ersten Grenzwarten des schönen Landes, das sie als ihr Vaterland ansehen musste, gaben ihrer Phantasie stets die Bilder der Heimat, und es war ihr eine Pflicht geworden, täglich hinüber zu schauen, und sie wie liebe Verwandte zu begrüssen.
Sie musste sich heute, wie manchen Morgen damit trösten, die Himmelsgegend aufzusuchen; denn so fern hin ruhten noch dichte Nebelschleier um den Horizont. Aber auch dies gab ihrem lebhaften Sinne Genuss, denn gleich einem ungeheuern Oceane breitete sich der Nebel-Hintergrund aus, während der Punkt, wo sie stand, in seiner saftigen Frische wie eine Oase daraus hervor leuchtete.
Voll atmete sie dem schönen Naturbilde entgegen, und Alles ward ihr heute zum Troste oder zur Freude, und jeder Schatten versank, denn ihr Busen war ausgefüllt von einem einzigen, unendlichen Wohllaut!
Gaston, an das Ziel der Wanderung seit lange gewöhnt, hatte voranstürmend sie hier erwartet, und sass nun aufgerichtet gleich einer Schildwache zu ihren Füssen und schaute mit seinen klugen Augen, wie verständig, in die Gegend hinein.
Doch jetzt zog er die Ohren horchend an, wandte unruhig und knurrend den Kopf, und ohne sich von der schmeichelnden Hand seines Schützlings beruhigen zu lassen, schlug er plötzlich hell an und fuhr, seinen grossen Körper rasch erhebend, pfeilschnell nach dem Waldwege hin, der von dort aus gleichfalls zu der Höhe führte.
Lady Marie folgte seinem Laufe mit den Augen und sah, wie Gaston sich in seiner ganzen Länge aufgerichtet gegen einen Mann gedrängt hatte, dem er auf diese Weise verwehrte weiter zu schreiten, da sein wildes Gesicht, gegen das seinige gehalten, ihm jede Bewegung mit einem drohenden Knurren erwiderte.
Gaston, Gaston! rief Lady Marie, furchtlos für sich und erschreckend über des Tieres Wildheit, komm zurück, komm zu mir!
Gaston wandte den Kopf nach ihr zurück, und schnell dem Rufe der lieben stimme gehorchend, stiess er den Mann, ihn eben so heftig loslassend, fast rücklings über und war im selben Augenblicke liebkosend zu ihren Füssen. Noch mit ihm beschäftigt, blickte Lady Marie erst auf, als ste den Schatten des nahenden Mannes vor sich am Boden sah, und jetzt erkannte sie zu ihrem lebhaften Missvergnügen Lord Membrocke.
Wer die schnelle Verwandlung ihrer Züge und ihrer ganzen Gestalt jetzt betrachtete, musste der Worte des Lord Ormond gedenken, denn mit gerötetem Antlitze hob sie sich so stolz empor, dass ihr leuchtender blick den Mann vor ihr zu bedrohen schien.
Je mehr sie in einer traumähnlichen Bewusstlosigkeit sich den süssesten Gefühlen hingegeben und die Wirklichkeit nur in dem schmückenden Gewande dieser Stimmung erblickt hatte, desto ferner war ihr das Andenken an einen Mann getreten, der ihr so viel Veranlassung zum Zürnen gegeben hatte, und ihren Argwohn und ihre Ungeduld unablässig erregte.
Doch der Lord schien nicht geneigt, den Zorn des schönen Fräuleins bemerken zu wollen, sondern näherte sich ihr mit der schlauen Ehrfurcht und Unterwürfigkeit, die ihm allein übrig blieb, um sich in der Nähe dieses stolzen und klugen Kindes erhalten zu können.
Mylady, sprach er, sie ehrfurchtsvoll grüssend, ich muss Euch sehr für Eure Befreiung von meinem Feinde danken, da ich