bewahrt! Ich kenne die Pläne, die Berechnungen ihrer Erzieher nicht, darum kann ich nur sagen, es scheint, sie ist zu einer grossen Bestimmung auferzogen, und ihrer natur eine völlig freie und eigentümliche entwicklung gegönnt. Sie hat die Formen, die wir an Frauen lieben, die von der feinsten Sitte der vornehmen Welt erzogen wurden, und dennoch ist es, als ob sie nichts von allem diesen wüsste, als ob ihr hohes weibliches Gefühl sie jedes Mal die Formen erfinden liesse, die dann dem strengsten Richter genügen müssen. Sie geht ruhig, arglos wie ein Kind, unter all diesen verschiedenen Gestalten hier umher und weiss sich überall zu finden; aber ein unedles Wort reizt schnell dies sorglose Kind, sie hat ein kräftiges Herz, des edlen Zornes fähig, und wunderbar tritt dann ein ächter Stolz aus ihr hervor. Dann fühlt man erst, wie völlig wahr und natürlich sie gebildet ist, und denkt mit Freuden der schönen natur, die sie so mässig, klar und ruhig in allen Verhältnissen bleiben lässt. Nein, ich kann den Glauben an ihre reine Abkunft nicht aufgeben; es wird noch Licht über sie kommen; diese Ungerechtigkeit, sie der Missdeutung preis zu geben, begeht der Himmel nicht an seinem Liebling!
Richmond drückte, bewegt von dem warmen Eifer des edlen Freundes, seine Hand, er hatte das schöne Bild, welches aus seinen beredten Worten vor ihm aufgestiegen, mit einem unaussprechlichen Gefühl als ein bekanntes, zum Leben auferstandenes in seinem tiefsten Gemüte aufgefasst und fühlte sich davon zu sehr gerührt, um ruhig plaudernd, wie es die Absicht dieses Beisammenseins verlangte, auszuharren.
Auch schien Lord Ormond davon wie von etwas Ausgesprochenem überzeugt. Freundlich, innig pressten sie sich, Abschied nehmend, an einander und Jeder eilte, reich mit eigenen Gedanken ausgestattet, zur willkommenen Einsamkeit.
Erst als Ormonds Blicke hier in seinem Zimmer auf eine kleine Zeichnung von Ollonie's Hand fielen, gedachte er, wie so ganz er bei jenem Zusammensein mit Richmond seine Absicht ausser Acht gelassen, ihn aufmerksam auf Ollonie zu machen. Er blieb betroffen stehen, dann schien ihn plötzlich Schreck und Schmerz zu überwältigen, er hob die hände gepresst gegen die Stirn, und wir verlassen ihn, um Richmond zu belauschen, der, sein Zimmer durchmessend, seufzend mehr als ein Mal zu sich sprach: Du armer Bruder! Längst war das Ereigniss, das ihrer Feindin und ihren Freunden so auffallend ward, aus den Gedanken Maria's entschwunden; wir finden sie in ihrem Zimmer, halb entkleidet, auf einem Tabouret, vor dem mit ihrem Schmuck belegten Nachttisch sitzen, und die alte, ihr zugeteilte und sie zärtlich liebende Kammerfrau beschäftigt, das schöne braune Haar, das wie ein seidner Mantel um ihre Schultern hing, zur Nacht zu kämmen und in Flechten aufzubinden. Doch immer zog sie kopfschüttelnd den Kamm zurück; denn immer berührte er fünf weisse, schlanke Finger, die trotz der wiederholten Verletzung stets bemüht waren, das zarte Haupt zu stützen, das, schwer von Gedanken, einem unergründlichen geheimnis nachzusinnen schien.
Vergeblich hatte die gute alte Errol gehustet, bei Berührung des Kammes um Verzeihung gebeten, ihre sonst stets heitere, auf die alte Pflegerin aufmerksame Gebieterin blieb heute den kleinen, sonst so leicht verstandenen Bemühungen, eine Unterredung anzuknüpfen, unzugänglich.
Ihr seid müde, teure Lady, hob sie nun endlich lauter an, und wenn Ihr Eure liebe Hand zurückziehn wollt, will ich Euch bald zur Ruhe helfen, aber ich muss doch Eure Haare aufbinden. Ein holdes, aber stummes Lächeln war die ganze Antwort, aber die schöne Hand ruhte nun friedlich neben der andern im Schooss und die alte Errol eilte ungestört ihr Werk zu vollenden.
Kein Wunder, fuhr sie fort, noch immer bemüht, ihr Rede abzugewinnen, dass Ihr so müde seid; habt Ihr doch heute Nachmittag gar viel Bewegung Euch gemacht. Wahrlich, Euch kann Niemand übertreffen. Die jungen Damen, so zierlich sie sind, keine weiss bei allen Spielen das zu leisten, was Ihr vermögt, und wäre Lord Richmond nicht gekommen, auch die Kavaliere hättet Ihr besiegt, aber der, das liebe Kind, von Jugend auf war er der Klügste, Beste und Geschickteste!
Lord Richmond, so tönte es jetzt über die Lippen der schweigsamen Lady, Lord Richmond, ja wohl, Du musst ihn kennen, Du warst ja von Jugend auf in Godwie-Castle. –
Ja, Mylady, zu Befehl; und Anne, meine liebe jüngste Schwester, die an den Master Jepson verheiratet ist, die war seine Amme. Es war von Geburt an ein schönes begabtes Kind, und heute, wie er mit Euch um die Wette durch das seidne Tau lief, da war es mir, als sähe ich ihn wieder als Knaben vor mir. –
Aber wo warst Du, Errol, ich sah Dich nicht, als wir heute spielten? –
Euer Gnaden, der Master Lovelace hatte uns er
laubt, die obere Gallerie, die an den Speisesaal stösst und gerade auf den Platz sieht, zu besuchen, denn Alle wollten gern den jungen Herrn sehen. –
Während dem war die alte Errol mit ihrer Arbeit zu
Ende gekommen. Sie küsste jetzt die schönen hände, da die junge Dame stets ohne hülfe ihr Bett bestieg, und entfernte sich, froh, dass sie ganz so freundlich, wie gewöhnlich, von ihrer jungen herrschaft entlassen worden war.
Maria fand sich nun allein. Sie dachte, dass