ihm nicht dieselben, da ihre Geburt ihn zwei Mal in der Hoffnung eines Erben getäuscht hatte, herzlich gleichgültig gewesen.
Seine Gemahlin schien ihm, ausser dem Fehler, keinen Sohn geboren zu haben, die leidlichste Gefährtin, die ein vornehmer Mann sich nur zur Gattin wünschen könnte. Er folgerte, unter ihrer Leitung müssten die beiden Töchter sich ihr ähnlich bilden, und so war er fertig und ausserdem überzeugt, dass Lord Ormond für einen etwa abweichenden Fall schon Alles berichtigen würde.
Er war dessen ungeachtet nicht blöde, es ganz seinem Verdienste um die Erziehung seiner Töchter zuzurechnen, als der Herzog von Nottingham seinen ältesten Sohn für Lady Anna vorschlug. Den Zusatz, im Falle die jungen Leute Neigung zu einander gewönnen, acceptirte er mit dem mitleidigen Lächeln des überlegenen Mannes, denn er schien ihm nur auf das richtige Schicklichkeitsgefühl Beider zu deuten. Es freute ihn, Beide gleich gut auf diese Weise versorgt zu wissen, ohne übrigens in Bezug auf seine Tochter über die blinde Voraussetzung hinaus zu gehen, dass sie eine eben so stille Kreatur, als ihre Mutter sei. Von ihrem künftigen Gemahl Genaueres zu wissen, als seine dereinstigen Titel und Einkünfte oder seine jetzige vorteilhafte Aufnahme bei hof, würde ihm sogar unschicklich erschienen sein.
Lord Ormond fand um so nötiger, die lückenhafte Stellung seines Schwagers in dessen Familie zu ergänzen, da es ihm in der Kinderstube seiner Nichten schon klar ward, dass sie Beide nicht umsonst die Töchter dieses stolzen und heftigen Mannes waren, und seine sanfte Schwester eine eben so schwache Beurteilung der Karaktere ihrer Kinder besass, als ihr Gemahl.
Lord Ormond war durch eine bittere Täuschung in der Liebe von dieser zerstreuenden und abziehenden Tätigkeit der Seele früher, als seine Jahre es natürlich machten, auf das ernstere Leben innerlicher Reflexionen verwiesen worden. Er erschien dadurch älter, ja, er war es; denn die leidenschaft hatte anscheinend ihr Recht zu einer Zeit über ihn verloren, wo gewöhnlich dieser Streit noch längst nicht abgetan zu nennen ist.
Er hatte sich bemüht, aus der trostlosen Verödung des Schmerzes sich durch eine mutige und vollständige Resignation empor zu heben. Er hatte dem Leben erklärt, dass es ihm für sich nichts mehr zu gewähren vermöchte; er hoffte so ein Bollwerk aufgeführt zu haben zwischen sich und einer möglichen Wiederholung so leidenschaftlicher Zustände, an die er nach Jahren nur mit Schaudern denken konnte, in dem Bewusstsein, unter ihrem Einflusse, dem Himmel, sich selbst und dem Leben auf das Trostloseste entfremdet gewesen zu sein.
Seine schöne, vom Himmel so reich begabte natur folgte willig der Anweisung, sich einem allgemeinen Interesse wohlwollend hinzugeben, und er erkannte die Welt als vollständiger und reichhaltiger in dieser uneigennützigen, bezuglosen Ansicht.
Wer aufgehört hat, sich selbst in den Beziehungen des Lebens zu suchen, der gewinnt bald einen feinen und scharfen blick für das Bedürfniss Anderer, und die kleinsten Anforderungen üben über ihn dasselbe Recht der Teilnahme, als die breit in das Leben einschreitenden begebenheiten, die Jeder erkennt.
Die Kinder seiner Schwester erfüllten ihn mit einer Zärtlichkeit, die durch das Gefühl, ihnen nützlich sein zu können, erhöht ward. Als er seine Nichten zuerst wiedersah, war Anna vierzehn und Ollonie zehn Jahr.
Er musste sich bald überzeugen, dass, wenn auch Anna ihm eben so innig anhing, als Ollonie, doch sein Einfluss auf sie ein bedingter sein würde, da sie, so alt geworden, ohne von irgend wem in der Bildung ihres Karakters geleitet zu sein, jetzt ihn schwerlich noch in die Grenzen zurückzuführen vermochte, die doch, ihrer gefährlichen Anlage nach, nötig schienen. Ihr Herz gehörte zu den stillen Organen ihres Wesens, denen man zwar das Leben nicht absprechen kann, die aber nicht stark genug wirken, um der übermütigen Verstandestätigkeit das Gleichgewicht zu halten. Die Folge davon war ein jäh aufwachsender Egoismus, ein stets vorherrschender Stolz und ein zu allen Leidenschaften vorbereitetes Wesen, das nur der gelegenheit bedurfte, um in ungezügelter Lebendigkeit ins Leben zu treten.
Ihr Oheim, gerührt durch den gefahrvollen Zustand des schönen Wesens, wollte ihre Fehler unter einander sich bekämpfen lassen, und nachdem er bald durch Teilnahme ihre Liebe erworben, behandelte er sie mit einer schonenden achtung, die stets das Gute, das er ihr wünschte, als schon vorhanden annahm und die Erreichung des Besten als in ihrer natur liegend voraussetzte.
Ihr Stolz hatte ihre Wahrhaftigkeit behütet, und ihr Verstand war ein unbestechlicher und scharfer Beobachter. Sie unterlag der nicht zu läugnenden Betrachtung, dass sie das nicht war, was dieser geliebte Oheim ihr zugestand, aber indem sie ihn selbst höher achten musste, als alles bisher Bekannte, rief ihr Stolz den Entschluss ins Leben, sein ehrendes Urteil wirklich zu verdienen.
Das hatte der Menschenfreundliche gewollt. Jetzt sah er bald, dass sie zur Selbstbeobachtung geführt war und zur Wahrnehmung ihrer Fehler gelangte, womit er Alles eingeleitet zu haben glaubte, wodurch diesem lang verwöhnten Gemüt aufzuhelfen war. Auch hatte er später die Freude, bei dem Entstehen ihrer Liebe zum jungen Herzog von Nottingham die ungemein wohltätige hülfe zu sehen, die dies wärmere und lebhaftere Dasein ihres Herzens ihrer ganzen natur verlieh. Ihre Fehler waren zusammengesunken, der Atem des Wohlwollens hob die Brust, und die Sicherheit ihres Blicks tauchte unter in dem scheuen Glanz einer sehnsüchtigen Hoffnung. Also, seufzte ihr Oheim, die Liebe, die so Vielen zum Verderben wird und die Leidenschaften aus ihrem Bande reisst, legt diesem ungezähmten kind wohltätige Fesseln an. Sie war wohl noch dieselbe, aber