Anblick nicht verringert werden konnte.
Er hatte sich trotz dem, was ihm über ihren Wert reichlich von allen Seiten mitgeteilt ward, nicht zu ihrem Vorteil einnehmen lassen; denn die Angaben, welche sie über ihre Geburt und ihr Leben gemacht, waren von keiner Seite bestätigt und mussten gar leicht dem Argwohn gegen die Glaubwürdigkeit ihrer person Raum geben. Dabei fühlten sich sein Herz und seine strengen Grundsätze von Ehre und Pflicht unbeschreiblich verletzt durch den Zustand, worin er seinen zärtlich geliebten Bruder fand. Die Leidenschaftlichkeit, worin dies schöne, geregelte Gemüt aufgelöst schien, und die Entschlüsse, die daraus entstanden, und die zum Nachteil aller seiner bisher beobachteten Grundsätze einzig über dies fremde, namenlose Wesen Glück verbreiten sollten, steigerten sein Misstrauen, und liessen ihn an ihrer Unwissenheit und Absichtslosigkeit einigen Zweifel hegen, welches ihm um so leichter ward, da hiermit die schmerzlich von ihm empfundene Schuld des Bruders sich merklich verringerte und ihn mehr als einen Verführten erscheinen liess.
Das einzige, woran er unbezweifelt glaubte, war ihre Schönheit, aber auch diese nahm ihn gegen sie ein, denn nur mittelst dieser konnte sie seinen Bruder verführt haben. Nichts aber hasste er mehr, als wo diese göttliche Gabe des himmels von Frauen benutzt ward, das Herz der Männer zu bestricken, und obwol seine Gerechtigkeit ihn hinderte, diesen Fall hier bestimmt anzunehmen, war er doch entschlossen, ihn für möglich zu halten und sie einer scharfen Beobachtung zu unterwerfen.
Er fand sich nun von ihrem Anblick selbst überrascht und hatte in wenigen Stunden viel von dem, was er früher über sie gedacht, innerlich widerrufen. Ihre Schönheit war auffallend und musste die Bewunderung eines Jeden erregen; aber ihr Auge hatte nichts von der eitlen Verschämteit, womit die ihrer Schönheit sich Bewussten den Blicken der Männer begegnen. Ruhig, klar und offen ertrug sie jedes Auge, und schaute wie ein Kind fest zu Jedem auf. Sie hatte keinen Begriff von der angelernten Sitte der Frauen, gegen Männer sich anders zu betragen, als gegen Frauen; ihre Freundlichkeit trat ohne die traurige Verkrüppelung der Gefühle hervor, die mit der unbestimmten Furcht vor einem ungekannten Uebel die Unschuld des Herzens bedroht, ehe noch die Schuld selbst es zu berühren vermochte. Die unschuldige Neugier, womit sie Richmond fast aufsuchte, um mit ihm zu sprechen, hatte zwar etwas Abweichendes von dem Bilde, welches er sich von der zarten Zurückhaltung einer Jungfrau geschaffen, aber es ward ihm bei ihr nicht zur Störung, ja, es setzte ihn in Nachdenken, ob er nicht sein Ideal nach dieser einfachen natur korrigiren müsse.
Dessen unerachtet erfüllte ihn das fräulein mit Erstaunen, welches noch denselben Abend sich steigern sollte, als die Gesellschaft nach dem schnellen Ausbruch eines Gewitters in die erwähnten Prachtzimmer des Schlosses sich zurückgezogen hatte. Die jungen Leute nahmen plaudernd von dem Gemälde-Kabinet Besitz, und Lady Melville lehnte sich an die Glastür, dem Bilde der Königin von Schottland gegenüber. Lord Richmond konnte sich hier eines vergleichenden Blickes nicht entalten, und zu Lord Ormond gewendet, sprach er sein Erstaunen über die unbezweifelt grosse Aehnlichkeit dieses Bildes mit der Lady aus.
Es ist uns allen aufgefallen, erwiderte der Lord, sich zum Bilde der Königin wendend, und wenn Ihr es bestätigt, der Ihr dies Bild so lange studirtet, dann dürfen wir unserm Urteil wohl vertrauen.
Marie ward dadurch aufmerksam.
Erlaubt, sprach Richmond, Euch meine Ueberraschung über die genaue Aehnlichkeit dieses schönen Bildes mit Euch selbst, auszudrücken.
Es ist mir nicht neu zu hören, ich weiss es, entgegnete sie ruhig und blickte dabei mit einem wehmütigen ernsten Ausdruck zu dem Bilde hin, welches die höchste Schönheit repräsentirte, und wobei die Anerkennung der eignen Aehnlichkeit damit ein ziemliches Bewusstsein ihrer Schönheit auszudrücken schien.
Dies fühlte Richmond mit der gehässigen Laune der Männer, die zwar nie unterlassen mögen, dies Bewusstsein mit verführerischen Worten zu wecken, doch die daran verloren gehende Unbefangenheit der Frauen bitter tadelnd dann vermissen.
Es schien ihm so schwer, diesem Bilde zu ähneln. Er hatte es vor wenigen Stunden noch für unmöglich gehalten. Zwar hatte er es nun selbst ausgesprochen; aber es verletzte ihn dennoch, es als etwas Gewisses und lang Bekanntes angenommen zu sehen. Er hätte es in diesem Augenblick gern sich und dem gegenstand verläugnet, und die Kälte, die seine Züge sogleich ausdrückten, wäre nicht schwer zu erkennen gewesen; aber die Lady merkte nicht darauf, ihre Gedanken hatten eine weit andere Wendung genommen. Sie verliess ihren Platz und setzte sich auf ein Tabouret seitwärts dem Bilde nieder.
Diese Bewegung war offenbar der Aehnlichkeit noch vorteilhafter; aber Richmond, unangenehm aufgeregt, hielt dies für beabsichtigt und war im Begriff sich wegzuwenden, als die Gräfin, ganz in das Anschaun des Bildes versunken, mit einem wehmütigen Ausdruck der stimme fortfuhr: Wie oft hat der glückliche Zufall dieser Aehnlichkeit meine teuern Verwandten beschäftigt und erfreut. Man schmückte mein Haar, wie es die Königin zu tragen pflegte, mit der kleinen Spitzenhaube, man kleidete mich nach der Sitte jener Zeit, und liess mich gehen und stehen und niedersetzen, wie von ihr gesehen zu haben die Freunde und Anhänger sich noch genau erinnerten, obwol unter meinen Verwandten nur mein Vater, der Graf Melville, sie gekannt hatte. Er wusste Stundenlang von ihr zu sprechen, denn er war Edelknabe bei ihr zu der Zeit, da diese drei unglückseligen Kronen noch mit vollem Rechte ihr unschuldiges Haupt schmückten.
Gewiss, sprach Lord Ormond dazwischen, ist und bleibt diese unglückliche Frau