Emaillen war das Kunstwerk dieses Rahmens ausgeführt, und entielt in Arabesken-Form noch viele Anspielungen auf den hohen Geist der königlichen Frau. Das Ganze war umschlungen von einem emaillirten Bande, auf dem in goldner Schrift die Namen Plato, Aristoteles, Horaz, Pindar, Homer, Dante und Ariost, als der gefährten ihrer Einsamkeit, zu lesen waren, und wie vorzüglich auch das Bild zu nennen war, der Rahmen an sich blieb ein schätzbares Kunstwerk.
Aus einem tiefen, saftigen Hintergrunde, einer Tapete von grünem Damast ähnlich, trat der in wunderbarer Wahrheit aufgefasste Kopf der Königin hervor. Das hellbraune Haar war frei weggehoben und zeigte die ganze Schönheit der königlichen Stirn. Die lichtvollste Freiheit der Gedanken schien diese schöne Wölbung selbst gebildet zu haben, und das glänzende Licht, das von Innen aus diese reine Form zu durchdringen schien, hätte auch ohne den Ausspruch dreier Kronen sie zur geistigen Beherrscherin ihrer Zeit erhoben. Von den feinen leicht eingedrückten Schläfen bildete sich der Kontur des zarten Kopfes im reinsten Oval, bis zu dem vollen jugendlichen Kinn, über dem mit allen Grazien der schön gewölbte Mund die holde Mähr von ihren Scherzen, ihrem feinen Witze zu erzählen schien.
In den vollen, leicht gefärbten Wangen ruhte der feine Anfang eines zarten Grübchens, geschaffen, um ihres Lebens Liebesglück und Schmerzen zu verraten.
Ihr waren zuerst die Augen verliehen, die, seitdem ein Erbteil ihres unglücklichen Stammes, mit einem Zauber jeden zu fesseln wussten, auf wen sie einmal in Liebe sich geheftet.
Unter einer kaum merklichen Wölbung der feinen Augenbrauen ruhten weit und schön geschnitten die grossen braunen Augen, die klar und tief den hohen Geist, der ihnen inne wohnte, von Lieb' und sehnsucht halb bezwungen zeigten. Sie schienen wider Willen der hohen Abkunft von Missgeschick zu reden, und die langen schwarzen Wimpern hingen auch beim vollsten Aufblick wie ein leichter Trauerschleier um den vollen Glanz.
Dazwischen hob sich an der Stirn breit und voll die feine griechische Nase, und verstärkte mit ihrer edlen, festen Form den hohen geistigen Ausdruck ihrer Züge. Ihr wunderschönes braunes Haar war ohne Schmuck der Königin, sich selbst in seiner seltenen Fülle die Krone flechtend, doch zeigte es unverdeckt in einem hohen Spitzkragen die runde, schlanke Säule des Halses, auf welcher der Kopf so leicht und zierlich ruhte, dass beide je zu trennen, nur ein Barbar zu denken wagen konnte. Hier hörte das Bildniss auf; leicht in den Schulterlinien war ein schwarzes Sammetkleid angegeben, das unter dem Kragen mit einem in Brillanten eingelegten roten Stein befestigt war.
Ungezählt entflohn die Augenblicke vor diesem Bilde, und das innere geheimste Leben Richmonds trat hervor und liess sich nicht mehr zur Rechenschaft ziehen vor dem geist der überlegung, der fragend, ja, missbilligend es anschaute. Es war da! und hatte sich zum sichersten Bewusstsein in diesen Augenblikken aufgeschwungen; es lebte! und sein Leben ward eingestandene Wonne. Still und mit Rührung gelobte sich Richmond, der Welt, dem rohen Vertrauen der Menschen ewig verhüllt, wollte er selbst nimmer mehr mit diesem Gefühle hadern, sondern hoch es halten. Eine kleine glückselige Insel sollte es in ihm fortan bilden, worauf er landen wollte, aus der Wirklichkeit verschlagen.
So sich jugendlich überspannend, störte es ihn nicht, Gesang und Harfenton vom Altan her zu hören. Die schönen vollen Frauentöne, das kunstreich ausdrucksvolle Spiel der Harfe, es schlich sich ein in seine Träume, verwebte sich darein, als ihnen angehörend. Mit steigendem Entzücken hörte er die Worte des göttlichen Shakespeare, dieselben, welche die Frauen der Königin in Heinrich dem Achten der unglücklichen Katarina am Vorabend des Gerichts singen. Orpheus sang:
1.
Der Bäume Wipfel
Und der Berge starre Gipfel
Beugte seiner Laute Macht.
2.
Pflanz' und Blum' entspross voll Wonne,
Als hätt' Regenguss und Sonne
Ew'gegen Lenz hervorgebracht.
3.
Jedes Wesen ward Gehör,
Selbst die wilde Well' im Meer
Hing das Haupt und legte sich.
4.
Tonkunst, deine Zauberein
Hört der Gram und schlummert ein,
Hört dich fort und stirbt durch dich.
Mit feierlichen Akkorden schlossen diese rührenden Worte und weckten den glücklichen Träumer. Nein, sie war es nicht selbst, die unglückliche Königin Maria, die dies Lied gesungen! Er war nicht zu Stirling, zu Holyrood-House; er war in Burtonhall, in der Nähe seiner Familie, und nur ein paar Schritte vielleicht führten ihn in ihre Mitte.
Bewegt von der Wirklichkeit und von seinen Träumen, öffnete er die Tür und stand am Ende des Altans seinen Lieben gegenüber.
Die jungen Damen des Schlosses hatten sich hier zu einiger Musse aus dem grösseren Kreise der Gesellschaft zurückgezogen, und alle sich mit dem Wunsche um Lady Melville versammelt, sie zur Harfe singen zu hören. Dies war auf die erwähnte Weise geschehen. Sie sass jetzt ausruhend in ihrer schwarzen Kleidung auf dem Lehnstuhl der alten Herzogin. Die Harfe ruhte seitwärts geschoben noch in ihrem arme; auf dem purpurroten Sammet des hoch über ihr emporragenden Stuhles hob sich der schöne Kopf in seiner ganzen regelmässigen Zierlichkeit, und belebt vom Gesange und dem lobspendenden Zuspruch der lieblichen Gefährtinnen, leuchtete von ihm der volle Zauber ihres lebhaften Geistes. Sie hatte sich zu der ihr rechts stehenden Gruppe gewandt, welche Arabella und Anna Dorset sich im Arm haltend zeigte; zu ihren Füssen, und den Kopf in zärtlichem Schmachten zu der Sängerin aufgehoben, sass Ollonie Dorset, wärend Lucie von Hinten den Stuhl erklommen hatte und eben mit Jubelgeschrei ihren