1836_Paalzow_083_108.txt

des himmels verhüllt sich in seinem weichen Flügelschlag. Je wunderbarer die Erhöhung des ganzen Daseins durch eine wahrhafte Liebe wird, und die Kraft und den Mut der Jugend zu den idealsten Bestrebungen reift, desto tiefer greift alsdann das Absterben dieses Antriebes in das innerste Leben ein. Wir begreifen nicht, wie wir weiter leben können, und was überhaupt noch in der Welt für uns zu tun sein könnte, und es ist ein dürrer, öder Pfad, der von da an uns zu wandeln angewiesen wird, und der nur langsam endlich in die breiten, heiteren Wege des Lebens wieder einlenkt.

In dieser Stimmung folgte der junge Herzog seinem Bruder und dem Grafen Archimbald nach London, wohin diese sich eilig zu begeben hatten, da die Lage des Grafen von Bristol in Spanien die Tätigkeit seiner Verwandten in England allerdings nötig zu machen schien.

Es war kein geheimnis mehr, dass Buckinghams Wille die wohl eingeleitete Verbindung des Prinzen von Wales mit der Infantin getrennt hatte. Keinen Zweifel hatten die Freunde des Grafen Bristol, dass dies hauptsächlich zu seiner Kränkung geschah, und eben so wenig zweifelten sie an den weiteren Schritten des durch Bristols Tugenden beleidigten Buckingham.

Noch war Spanien nicht gesonnen, um der PrivatSache dieser englischen Lords willen die Beleidigung weniger zu empfinden, die, nach dem auffallenden Schritt des Prinzen von Wales, eine allzu grosse Kränkung für die Infantin war, um nicht eine ernste und drohende Stellung dort zu rechtfertigen. Schon waren gegenseitige Demonstrationen erfolgt, die Bristols Weisheit nicht mehr hoffen durfte gegen den persönlich beleidigten Herzog von Olivarez zu friedlicher Ausgleichung zu bringen. Doch mit Schmerz musste er gewahren, dass ihm dies unverschuldete Unvermögen durch Buckinghams Einfluss zum Verbrechen gemacht wurde, und er den Ausbruch eines Krieges, dessen Wahrscheinlichkeit vor Augen lag, mit seiner Zurückberufung und Anklage würde bezahlen müssen, von deren Ausgang er unter den obwaltenden Umständen wenig zu hoffen hatte.

Die bedrohte Lage des hochverehrten Vaters blieb der Herzogin von Nottingham bis dahin noch ein geheimnis, und die politischen Beziehungen, die durch die Auflösung der Verbindung beider Höfe ganz England beschäftigten, motivirten auch die Gegenwart ihrer Verwandten in London hinreichend, und waren ihr in einem Augenblick willkommen, wo es ihr um die Entfernung und Zerstreuung des jungen Herzogs zu tun war, die nicht füglicher, als im Interesse für den geliebten Prinzen von Wales, zu erreichen standen. Sie war daher überrascht, in einem spätern Briefe die baldige Ankunft Richmonds angezeigt zu finden, da sie ihn fast lieber in der Nähe seines Bruders gewusst hätte, obwol ihr der Gemütszustand des letzten als gemässigt und ergeben geschildert ward.

Der Schlag war indessen geschehen. Bristol war zurück gerufen, und Richmond war nur von seinen Anverwandten bestimmt, im Fall die Nachricht sich verbreitete, die unglückliche Tochter auf das vorzubereiten, was alsdann nicht ganz mehr zu verhehlen war. Es war um eine spätere Stunde des Nachmittags, als Lord Richmond mit seinem Gefolge sich dem schloss der geliebten Grossmutter nahte.

Das blühende Küstenland, das er den letzten Tag durchzogen, die Schönheit der Gegend, in der er sich eben befand, und woran sich so teure Erinnerungen seiner Jugend knüpften, endlich der Anblick des Schlosses selbst, das von den höchsten Zinnen seines altväterlichen Baues bis in die kleinsten Winkel seiner inneren Räume die heiteren Bilder einer glücklichen Kindheit ihm darbot, Alles wirkte vereint, sein Herz zu erheitern und es mit der ungeduldigen sehnsucht zu erfüllen, womit wir einem gewissen Glück entgegen eilen. In fröhlicher Hast versuchte er die Schnelligkeit seines Rosses, welches, gleich seinem Herrn die behagliche Stelle ahnend, ihn im flüchtigen Lauf vor die Tore des Schlosses trug.

Ein eisgrauer Pförtner ruhte an dem geöffneten Eingange und liess sich von den rötlichen Strahlen der herbstlichen Sonne bescheinen. Ein Bild des tiefen Friedens, der hier zu walten schien, statt der Tore und Fallgatter und geschickten Bogenschützen, die früher in dem Haushalte eines mächtigen Herrn nicht fehlen durften, um den Eingang zu behüten. Doch alsbald weckte den friedlich Träumenden der Hufschlag der Rosse, und lustig schwenkte er sein Mützchen, als er in dem Nahenden den Enkel seiner geliebten Herrin erkannte, der stets jedem Diener ein willkommener Gast war, von welchem jeder seinen Anteil freundlicher Worte und Blicke gewiss hatte. Geschäftig eilte er alsdann ihm in den inneren Hof voran, seine Ankunft laut verkündend.

Hier war das bunte, heitere Leben der Geselligkeit auch unter den Dienern der Gäste, welche das Schloss erfüllten, verbreitet, und die noch teilweis gedeckten Tische, die vollen Kannen und Becher und die heitere Stimmung Aller bekundete hinreichend die freigebige Haushaltung der alten Dame. Die neuen Gäste erhöhten nur die allgemeine Freude, und Richmond drängte sich, langsam und freundlich die herzlichen Begrüssungen erwiedernd, bis zu der grossen Halle hin, in der er voll Ehrfurcht von dem ehrenwerten Master Lovelace bewillkommt ward, der, in das Innere des Schlosses ihn führend, für die Meldung seiner Ankunft sich kurzen Verzug erbat, weil die beiden Herzoginnen sich für einige Stunden zurückgezogen hatten, einer kleinen Ermüdung nachgebend.

Richmond liess sich von dem verlegenen Diener, der fast in Versuchung geraten wäre, das Gebot bei einer solchen Veranlassung zu umgehen, seine Zimmer anweisen, und ermahnte ihn, die bestimmte Zeit der Ruhe für beide Damen nicht zu unterbrechen.

Bald hatte er dann seine Reisekleider abgeworfen, und eilte nun, mit steigendem Vergnügen, in einem Gange durch die wohlbekannten Räume des alten Wohnsitzes, ganz in der Stille das fest der Erinnerung zu feiern. Die Stunde des Tages war ihm günstig,