auch wohl die natürliche Entfernung, in der Alter und Rang die Herzogin hielt, und welche zu verringern, sie weder die Neigung, noch das Geschick ihrer liebenswürdigen Schwiegermutter besass. Zwar vermisste sie die Abwesenheit ihrer beiden Söhne in diesem Zirkel, der sonst alle die einander befreundeten jungen Leute umschloss, mit mehr Schmerz, als sie sich eingestehen wollte. Die Erweichung indess, welche der grosse Gram um den Tod ihres Gemahls, und die folgenden uns bereits bekannten Umstände in ihr hervorzurufen vermochten, war diesem Gemüte ein zu fremder Zustand, als dass mit der anscheinenden Entfernung dieser letzten, ihr bereits so nah gerückten Sorgen nicht die stolze Sicherheit wiedergekehrt wäre. In der langen Verwöhnung des Glücks war sie ihr zu sehr eigen geworden, ja, es mochte Augenblicke geben, in denen sie das rücksichtslose Vertrauen gegen ihre Schwiegermutter bereute und voll Erstaunen des Zustandes gedachte, der sie an ihrer eigenen Kraft hatte verzagen lassen. Sie suchte sich mit ihrem Stolze, mit dem unläugbar untergrabenen Zustand ihrer Gesundheit zu entschuldigen, und in einem völlig entschlossenen und kühlen Benehmen sich selbst der ferneren Teilnahme ihrer Schwiegermutter zu entziehn. Wie schonend und wahrhaft gütig diese edle Frau auch dies Vertrauen aufgenommen hatte, so nahm doch keine Gewalt der Herzogin das verletzende Gefühl, vor ihr als eine ungeliebt gewesene Gattin dazustehn, die nur den zweiten Platz in dem Herzen des langbesessenen Gatten zu erringen gewusst. Auch lastete die Gegenwart des Wesens, dem sie eine so wichtige Beziehung geben zu müssen glaubte, auf ihr, und hinderte nicht allein für den Augenblick das Vergessen dieser schmerzlichen Stunden, sondern hielt stets eine nagende Furcht vor der Zukunft in ihrem Busen fest.
Gewiss war die strenge Rechtlichkeit, welche diesen charakter auszeichnete, nötig, das bittere Gefühl, welches sich gegen die junge Lady in ihr regte, so weit zu beherrschen, dass sie das hülflose Wesen nicht zu entfernen suchte und ihr eine Existenz geben liess, den Ansprüchen gemässer, die alle äussern Umstände ihr anzuweisen schienen.
Der Bischof von Edinburg hatte schon längst die Abwesenheit des Master Brixton angezeigt, welcher sich mit besonderen Aufträgen der schottischen Kirche seit längerer Zeit in London befand, dieser Antwort jedoch die bestimmte Erklärung hinzugefügt, dass der Graf und die Gräfin von Melville kinderlos verstorben, und ihre weitläuftigen Besitzungen in Schottland an eine entfernte Linie gefallen seien, die Verfügung über ihre kleinere Besitzung an der Grenze von Schottland befinde sich indess zu einer noch unbekannten Bestimmung unter Administration des Staates; welches alles, nächst den veranlassten kirchlichen Nachweisungen, überall das Dasein eines natürlichen Erben zu verneinen schien. So waren Maria's Ansprüche, diesen Erklärungen zufolge, vorläufig in ein trostloses Nichts zerfallen, und der Herzogin ein vollständiges Recht gegeben, eine junge person, über deren ganzer Existenz so viel Dunkel ruhte, mindestens aus dem Kreise ihrer Familie zu entfernen. Das Gegenteil musste als eine fast zu weit getriebene Grossmut erscheinen; auch fürchtete die Herzogin, diese Handlungsweise möchte sich tadeln lassen und der streng behaupteten aristokratischen Würde ihres Hauses nicht angemessen erscheinen. Aber wenn sie auch, so von äusseren Umständen unterstützt, unter dem Gedanken aufatmete, sie könne wohl diese so schmerzlich störende person in eine anständige Zurückgezogenheit von sich und ihrer Familie verbannen, dann traten wieder die geheimen, aber von ihr selbst zugestandenen Rechte dieser Unglücklichen vor ihre Seele, und das Bild dessen, dem sie im Leben aus unbegrenzter Liebe so viel vergeben, schwebte ihrem geist vor und unterstützte den rechtlichen Mut, der in ihr so oft die Regungen der leidenschaft besiegte.
Nach solchen Siegen konnte sie sogar ihren Anblick ohne Bitterkeit und mit jenen ernsten Regungen von Gefühl ertragen, die jene ihr abzugewinnen gewusst hatte; ja, es lag, ihr vielleicht unbewusst, in dieser milderen Fassung noch jetzt ein mit dem toten fortgesetzter Kampf um das Verdienst seiner alleinigen Liebe. Sie hatte vorläufig ihrem Schützlinge ohne weitere Beschränkung den Platz gelassen, auf den ein von der natur verliehenes Recht sie anzuweisen schien; und wie auch die stärksten Geister in ihrer eigenmächtigen Schicksalsführung an Grenzen geraten, die sie eine ausser sich wirkende Macht anerkennen lassen, so fühlte die Herzogin auch hier sich an einer Grenze, jenseits welcher ihr Geist keine Haltungskraft mehr fand. Sich so häufig von diesem gegenstand ermüdet fühlend, kam sie endlich zu der bis dahin ziemlich fremden Hoffnung, dem Zufall seinen Anteil an dieser Begebenheit zu gönnen, während sie sonst stets sich geschickt geglaubt hatte, seine Darbietungen zu leiten und zu benutzen.
Es war ihrem geliebten Richmond gelungen, den jungen Herzog von der Unzulässigkeit seiner Verbindung mit dem unbekannten Wesen zu überzeugen, welche wohl seine menschliche Güte in Anspruch nehmen, ihn aber nie von einer so weit gediehenen und mit seiner Ehre verflochtenen Verbindlichkeit abziehen dürfte, wie seine bereits anerkannte Verbindung mit Anna Dorset war. Glücklich hatte auch die wohl überlegte, schnelle und heimliche Abreise der alten Lady mitgewirkt, welche den Gegenstand dieser unglücklichen leidenschaft mit sich führte, ohne dass dem Herzoge Zeit zum Abschiede geblieben wäre; denn Richmond selbst hatte, ihren Anblick vermeidend, sich zum beständigen Begleiter seines trostlosen Bruders gemacht und ihn so am besten von jeder neuen Erschütterung abzuhalten gewusst.
Was auch der Himmel an mannigfachen Leiden in den Tagen der Jugend an unserem Leben versuchen mag, die eigentliche Weihe zum Schmerz empfängt das arme Herz erst in dem Kummer hoffnungsloser Liebe! Der bunte Teppich des Lebens entfärbt sich, die Schwermut ruht wie ein grosser, mächtiger Vogel mit ausgebreiteten Flügeln auf unserer Stirn. Unter seinem Drucke scheint unser Geist zu schwinden, und die klarheit