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lächelte bei ihrem erscheinen und sah ihr durch die langen Reihen nach. Man vermutete, er hätte sie gern angeredet, hätte er je verstanden, einer Frau sich zu nähern; aber er freute sich unter seltsamen Bewegungen des Gesichts und der hände, wenn man sie rühmte, und rief oft, sein inneres Vergnügen dem Liebling zuwendend: Stenie macht mir immer Freude! Sie gleicht ihm, setzte er hinzu; doch schnell sich besinnend sagte er: Nein, nein, sie gleicht einer Andern! Er meinte damit unfehlbar das Bild seiner Mutter, vor welches er den Herzog von Buckingham geführt hatte, in der Absicht etwas zu sagen, aber sein geheimer und grosser Stolz hielt ihn doch ab, diese Aehnlichkeit auszusprechen, und so schwieg der ganze Hof.

Um diese Zeit fing Heinrich, Prinz von Wales, an zu kränkeln. Graf Archimbald verliess sein Lager nicht; Carl, der seinen Bruder zärtlich liebte, erschien nicht mehr bei hof, und Robert, von Freund und Bruder verlassen, kannte keinen andern Platz, als den an der Seite der jungen Gräfin. Für alle übrige Beobachtung verloren, gewahrte er doch mit dem klaren blick der Liebe ihre zunehmende Schwermut, unter der sie fast zu erliegen schien, und das ängstlich sorgsame Betragen der alten Gräfin, die mit den holdesten Worten mütterlicher Liebe die offenbar Leidende zu erhalten bemüht war. Da trat der Augenblick ein, der England seiner stolzesten Hoffnungen beraubte. Heinrich, Prinz von Wales, endete sein schönes, viel versprechendes Leben in den Armen seines verzweifelnden Bruders. Robert hatte in dieser schrecklichen Nacht zu den Füssen seines Carls gewacht, der in halbem Wahnsinne das Leben seines Bruders erhalten wissen wollte. Männlich fest, obwohl vom Schmerz und der langen Pflege geisterbleich, stand Archimbald in diesem Sturme. Er bereitete Jakob auf den Augenblick vor, er rief die Königin an das Sterbebette seines königlichen Freundes, und als Heinrichs letzter Seufzer sanft seinen edlen Geist entfesselte, sank er an seinem Lager nieder, verhüllte sein Gesicht in die kalte geliebte Hand und stand bald auf, Andere zu unterstützen. Den unglücklichen Carl trug man leblos von der Leiche seines Bruders. Sein zerstörender Schmerz zog den Jammer der königlichen Eltern von ihrem Verluste zu ihrem jetzt einzigen Sohne, den sie in ähnlicher Gefahr wähnten. Doch Carl hatte sich erholt, er riss sich von seinem Lager auf, als seine königlichen Eltern eintraten, er sank von Tränen überströmt zu ihren Füssen, und als sie ihn laut jammernd segneten, rief er gepresst, als ob ihm das Leben mit diesen Worten entströmte: Ja, ich weihe mich zu dem fürchterlich erkauften Range Eures einzigen Sohnes! Hier sank sein Kopf auf den Boden, und nur der Angstruf Jakobs: Rettet meinen Sohn, rettet meinen letzten Prinzen! – Er stirbt! – riss ihn vom Boden empor und gab ihm Kraft, so lange zu stehen, bis der Arzt das bekümmerte Paar entfernte, dem Prinzen Ruhe empfehlend. Ohne Widerstand liess sich Carl auf sein Lager zurückführen, er schien die Lippen öffnen zu wollen, aber vergeblich, er schloss sie wieder. So lag er halb träumend, halb wachend eine qualvolle lange Nacht; so öffnete er die Augen, unruhig suchend erreichte sein blick den Grafen von Derbery, der an seinem Lager mit zärtlicher Angst ihn hütete. Er winkte ihn näher und wies mit einer Bewegung die Uebrigen an, zurück zu treten. Lange blickte er den Liebling an, prüfend, denkend, und endlich sagte er ihm leise einige Worte, die ihn bald darauf aus dem Krankenzimmer führten. Doch wer den jungen Grafen durch die Vorsäle gehen sah, bleich wie der Tod, mit geisterstieren Augen, weder Grusserwiedernd, noch gebend, der glaubte, der Tod habe mit riesiger Kraft auch diese blühende Jünglingsgestalt ergriffen.

Der nunmehrige Prinz von Wales, der nachmals so unglückliche Carl der Erste, hatte sich bald erholt; er fühlte, dass er um seiner Eltern willen seinem Schmerze gebieten musste. Zwar schien Jugend und Heiterkeit von ihm gewichen, aber er stand wie ein Mann nunmehr dem Könige, seinem Vater, zur Seite. Das einzige, was seine innere Erweichung verriet, war seine erhöhte Liebe zu den Eltern, zu den Freunden. Niemals schien seine Seele inniger an Robert zu hängen, als jetzt; aber der Graf blieb Allen ein Rätsel. Nachdem die tiefste Trauer vorüber war, bat er den Grafen von Bristol feierlich um die Hand seiner Tochter. Zurückgekehrt zu der festen Ruhe und Sicherheit, die ihn früher über Alle erhoben, schien die Zeit seiner Leidenschaftlichkeit vorüber. Er bat den Grafen um eine Unterredung mit seiner Tochter. Zu ihren Füssen und mit heissen Tränen hatte er lange zu ihr gesprochen; er brachte den entzückten Eltern ihr Jawort, und blieb von dem Augenblicke der aufmerksamste und freundlichste Verlobte der stolzen, so schnell versöhnten Gräfin. In wenigen Stunden eilten die Väter zum Könige, um seine erlaubnis bittend. Verlegen und erstaunt rief Jakob: Meine Lords, was tut Ihr, ich glaubte, Stenie wollte Eure Gräfin heiraten! Der Herzog hatte sich nicht erklärt, und als dies Jakob hörte, ward er heiter, gab sein Wort, rühmte die Verlobten und überliess sich seiner ganzen Gutmütigkeit.

So einfach die Sache sich gelöst, so wunderlich lauteten doch manche nicht zu verhehlende Nebenumstände. Robert hatte an seinem Verlobungstage eine heftige Scene mit dem Prinzen von Wales. Der Prinz war von den flehendsten Bitten zur höchsten Wut übergegangen; man hatte von Befehlen, von Arrestgeben gehört