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dessen ganzes Benehmen sich, seitdem von der Luftverdichtungsaktienkompanie die Rede war, in die fügsamste Demut verwandelt hatte, lief beflissentlich nach der Reisetasche und holte die grüne Kapsel Nummer vierzehn, aus welcher Münchhausen einen faustgrossen Stein nahm. Er zeigte dem alten Baron den Stein und fragte ihn, was er wohl glaube zu sehen?

Der alte Baron versetzte, indem er den Stein gegen das Nachtlicht hielt und ihn blinzelnd beschaute: "Meines Erachtens ist das ein Feldquarz."

"fest gemachte, präzipitierte, kalzinierte, oxydierte und durch gewisse andere geheime Mittel versteinerte Luft ist es", sagte Münchhausen gähnend und tat den Stein wieder an seinen Ort. Er streifte den Strumpf auch vom rechten Beine und fuhr fort: "Du siehst nun mit deinen Augen; haue mit Stahl dagegen, so gibt der Luftstein Feuer, solche Festigkeit hat derselbe."

"Das ist ja eine ganz ungeheure, unermessliche, unberechenbare Erfindung!" rief der alte Baron.

"Ziemlich wichtig ist sie allerdings", sagte Münchhausen kalt. "Gebaut wird allentalben jetzt zu Friedenszeiten, Häuser, Brücken, Strassen, Paläste, Narrenhäuser, Monumente. Das Material ist nur in manchen Gegenden zu teuer. Das will ich denn für solche steinarme Landstriche liefern, nämlich versteinerte Luft. Luft ist überall zu haben. Die Bereitungskosten sind so gar gross eben nicht, es kommt hauptsächlich bei dem ganzen Prozesse auf die Beschaffenheit der Luft selbst an, und der rechten Steinluft glaube ich hier auf der Spur zu sein. Deshalb rieche ich und schnüffle ich so viel im Winde umher. Hier wollte ich die Fabrik anlegen; die Mutterfabrik, von der dann gelegenen Orts die Tochterfabriken ausgehen sollen, quantum satis. Das Unternehmen wird auf Aktien gegründet, die Bestätigung des Statuts habe ich in der tasche. Es muss, wenn das Geschäft einigermassen schwunghaft getrieben wird, schon nach einem Jahre, schlecht gerechnet, eine Dividende von einhundertsechsunddreissig drei achtel Prozent geben. Dieses ist denn die Luftverdichtungsaktienkompanie, nach welcher du fragtest. Zwei Direktoren werden angestellt mit offenem Kredit, zwölf besoldete Verwaltungsräte; die Zahl der Sekretäre und der übrigen Unterbeamten ist vorläufig auf einige und vierzig bestimmt. Karln da, meinen ehemaligen Diener, wollte ich zum technischen Mitdirektor machennun, das geht denn nun jetzt nicht mehr an, und ich muss mich nach einem andern umsehen."

Hier stiess Karl Buttervogel einen solchen Seufzer aus, dass die stube widerhallte. Der alte Baron aber blies die Backen auf, warf seine Nachtmütze gegen die Decke und tat einen Schritt, den man einen Satz nennen konnte, so dass seine Kerze wild aufflackerte. "Hast du noch Aktien?" fragte er Münchhausen, der sich gleichgültig zu Bette legte.

"Alle untergebracht", versetzte dieser, die Decke über sich ziehend, "stehen schon höher als pari. Ich will dir aber doch deine Gastfreundschaft vergelten, Schnuck. Dein Schloss ist etwas baufällig; sobald meine Fabrik und die Aktienkompanie ins Leben getreten ist, baue ich dir ein neues aus meinem Material."

Der alte Schlossherr setzte heftig sein Licht weg, schoss auf den im Bette zu, nahm ihn mit beiden Händen beim kopf und rief: "So werde ich ja künftighin gleichsam in einem Luftschlosse wohnen, du Mordkerl!"

"Meinetwegen kannst du es so nennen, alter Junge", antwortete Münchhausen. "Reisse mir nur die Ohren nicht ab. Siehst du, das ist ja eben das Grosse in der Gegenwart, dass so vieles, was lange nur als uraltes Märchen, Bild oder Gleichnis galt, aufgebracht durch die Kinderphantasie der Anfangszeiten, nunmehr durch die Forschungen der Wissenschaft sich als historische Realität ausweiset. Und so kommt denn auch das verjährte Sprichwort von Luftschlössern durch meine Aktienkompanie zur Würde wahrer Existenz. Luftbauten werden nicht mehr phraseologisch gemeint sein, sondern die Menschen werden wirklich ihr Geld hineinstecken. Aber geh zu Bette, Schatz, ich bin müde und will schlafen."

Münchhausen wendete sich um und schlief ein. Der alte Baron murmelte: "Das gewinnt denn freilich jetzt eine andere Gestalt, wir kommen ins Praktische. Er musser muss – –" der Alte ging in so tiefen Gedanken fort, dass er selbst sein Nachtlicht mitzunehmen vergass.

Von dem Scheine dieser Kerze düster beleuchtet, blieb Karl Buttervogel neben dem Bette stehen. Sein Gesicht war von Bestürzung ganz aufgelaufen, bisweilen schlich eine dicke Träne die Nase entlang, regungslos stand er da, wie eine Bildsäule, und liess die Tränen, ohne sie abzuwischen, still fliessen. Der Urheber der Betrübnis schnarchte dazu. Nachdem der traurige Diener über eine Stunde also gestanden, gab er sich daran, die Kleidungsstücke des Freiherrn, welche am Boden und auf den Stühlen zerstreut umherlagen, sacht zu erheben. Er legte sie sorgfältig geordnet an die ihnen bestimmte Stelle, nahte sich auf den Zehen dem Bette, zupfte den Freiherrn am Hemde und flüsterte: "Gnädiger Herr!"

Münchhausen fuhr auf, rieb sich die Augen und sagte: "Warum weckst du mich, Impertinenter?"

"Ich wollte Sie nicht wecken", erwiderte Karl Buttervogel schüchtern, "sondern nur fragen, wann Sie morgen früh befehlen, geweckt zu werden?"

"So!" rief Münchhausen. "Willst wieder bei mir im Dienst bleiben, du Vieh? Nein, mein Sohn, halte fest an deinem Entschlusse, geh, geh von dem Lügner, sei nicht so dumm, ihm zu glauben, ihm, dem kein wahres Wort aus dem