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" – "Ich darf nicht", versetzte Münchhausen, schmerzlich gegen Himmel blickend, "weil – –"

"Dass? – – Weil? – – Was für ein Dass? Was für ein Weil?" murmelte der alte Baron.

An einem andern Tage hatte Münchhausen im Zorn wirklich den rücken des Widerspenstigen bestrichen. Karl Buttervogel lief fort, schimpfte wie ein Rohrsperling und wiederholte unaufhörlich: "Mich prügeln? So ein Munkel?"

"Munkel?" fragte der alte Baron. "Was ist ein Munkel?" – Es lag am Tage, dieser Bediente wusste etwas von seinem Herrn, was nicht für jedermanns Ohr taugte.

Die Geheimnisse Münchhausens fanden ihren Gipfel in seinen heimlichen Experimenten. Er schickte nämlich wöchentlich Karln in die Apoteke der nächsten Stadt, darauf nahm er ihm die Spezies ab, verschloss sich in seiner stube, verhing die Fenster, und dort hinter Schloss und Riegel und nesseltuchnen Vorhängen tat er Dinge, welche nur das Auge Gottes sah. Es verbreitete sich, wenn er so experimentierte, durch das Schlüsselloch ein feiner mineralischer Dunst im haus; dass Münchhausen selbst hernach wie eine starke Schwefelquelle duftete, haben wir schon aus dem mund des alten baron gehört. Einst hatten die Bewohner des Schlosses während eines solchen geheimen Experiments einen grossen Schrecken. Es geschah nämlich in der stube ein starker Knall, Münchhausen stiess heftig die tür auf, Dampf quoll heraus, Dampf erfüllte die stube, im Dampfe aber stand Münchhausen bleich und entsetzt. Allerhand Flaschen- und sonstiges Geräte, mit seltsam schillernden Feuchtigkeiten erfüllt, stand auf dem Tische umher. Münchhausen räumte es eilig und verstört hinweg, als er nach einigen Augenblicken sich wieder zu sammeln wusste.

Dieser Auftritt vollendete die Spannung des alten baron. Alles Interesse, welches er früher an den Erzählungen seines Gastes gehabt hatte, übertrug sich nun auf dessen person. Und so gewann der Held durch die Grobheit seines Bedienten, durch mineralischen Geruch, durch Dampf und Knall den Anteil, welchen er auf dem einen feld eingebüsst hatte, auf dem andern sich zurück. "Ein langweiliger Erzähler, aber eine merkwürdige historische person, vielleicht das einzige Exemplar seiner Gattung!" sagte der alte Schlossherr.

Leider blieb seine brennende Neugier ohne Befriedigung, denn niemand konnte ihm ein Licht über den Mann anzünden, der unter den Menschen kaum seinesgleichen zu haben schien. Münchhausen wich mit siegreicher Gewandteit allen Versuchen, ihn bis über einen gewissen Punkt hin zu erforschen, aus. Den Bedienten aber über den Herrn zu verhörendiesen Gedanken hatte er, als er flüchtig in ihm einstmals emporgestiegen war, weit von sich hinweggewiesen. Trotz aller seiner Narrheiten war der Baron von Schnuck ein Mann von altdeutscher Sitte und Höflichkeit. Noch niemals hatte er vergessen, was er seinem gast schuldig war. So, zwischen Verlangen und Unmöglichkeit, den Schleier zu heben, umgetrieben, wurde sein Herz bis zum rand voll von Unruhe und Verdriesslichkeit.

Der Schulmeister endlich war in den Zustand ernster Selbstbetrachtung hineingeraten. Er begann sich noch mehr, als früher, von den Zusammenkünften der Schlossbewohner fernzuhalten, und sass tagelang einsam auf dem Gebirge Taygetus, wie ein indischer Büsser seine Nasenspitze betrachtend.

Kam er dann doch wieder einmal zu den übrigen, so zog er sich immer bald wieder zurück, denn niemand achtete seiner, Münchhausen nicht, weil er den Abkömmling des Königs Agesilaus nicht bedurfte, das fräulein nicht, weil sie, wie wir wissen, allem Irdischen überhaupt bereits entrückt war, der alte Baron nicht, weil er über den Munkel nachsann.

Was Münchhausen betrifft, so erhielt sich dieser wunderbare Charakter zwar äusserlich die Fassung, in welcher er so stark war; durch seinen Busen aber stürmten auch manche Sorgen. Dass er den alten Schlossherrn mit seinen Erzählungen langweile, hatte er schon seit geraumer Zeit bemerkt, dass sich ein gefährliches Grübeln an seine person zu heften beginne, musste er nun gewahr werden. Dieses war ihm unangenehm. Ihm lag daran, noch eine Zeitlang als ruhiger, wenn auch höchst geistreicher und vielerfahrener Privatmann das Obdach und die Speise des Schlosses zu geniessen. – Er nahm sich daher vor, einen wahren Heroismus im Erzählen zu entfalten und den Baron dadurch womöglich abzulenken, solchergestalt aber dem Schicksal die freie und männliche Stirn zu weisen, welche von keinem Schlage bisher zu zerschmettern gewesen war.

Während auf diese Weise die Bewohner des Schlosses sich entscheidenden begebenheiten näherten und ihre Charaktere zu reifen begannen, war Karl Buttervogel der einzige glückliche. Er ass Rindfleisch, Bratwurst und Eier, soviel ihm das fräulein von diesen Nahrungsmitteln zustecken konnte, bediente seinen Herrn mit der Überzeugung, dass es nur von ihm abhange, denselben zu stürzen, und empfand alle Zauber einer geheimen, hohen Liebe.

Sechstes Kapitel

Die Ereignisse eines Abends und einer Nacht

An jenem Abende, an welchem Münchhausen und der Schlossherr gegenseitig offen geworden waren, liess sich Karl Buttervogel fünfmal rufen, bevor er zu seinem Herrn kam, der sich entkleiden wollte. Als er endlich erschien, holte der Herr mit den Worten: "Du Gauch! Du Bestie!" nach ihm aus, der Diener aber ergriff einen Stuhl, hielt ihn zu seiner Verteidigung vor sich hin und schrie, als ob er am Spiess stäke. Auf dieses Geschrei eilte der alte Baron im Nachtkleide die Treppe hinauf, Emerentia aber, tief in ihre Welt versunken, hörte davon nichts, sondern fuhr in ihren Eröffnungen gegen die Wand fort, in welchen sie noch begriffen war. Der alte Baron, das Nachtlicht in