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ein Mensch sich für einen Pinsel halte, da so viele Pinsel überzeugt seien, Menschen zu bedeuten. Er habe einmal gesehen – – –

Münchhausen sagte, wenn ihm diese geschichte keine Verwunderung abzwinge, so werde ihn doch ein Beweis seines eigenen Genies in Erstaunen setzen. Er habe nämlich bei dem jetzigen Aufschwunge künstlerischer Begabung auch in sich das plastische Element gefühlt und sei deshalb Diszipel einer berühmten Akademie geworden. Die Metode und Influenz habe sich zum Erstaunen an ihm bewährt, denn er sei in der ersten Woche schon Leonardo da Vinci, in der zweiten Michelangelo, in der dritten Raffael gewesenöffentlichen gedruckten Nachrichten zufolge. In der vierten sei aus ihm eine Komplikation von Vinci-Angelo-Raffael geworden. Späterhin habe er sich auf das Niederländische geworfen und nach vierundzwanzig Stunden der kleine Rembrandt geheissen.

"Mich ennuyierte aber die Malerei", fuhr Münchhausen fort, "beschloss Bildhauer zu werden und zwar fürs erste Phidias. natürlich auch durch höhere Richtung, Vorsatz und Erleuchtung von oben. Ich schlief eines Abends mit diesem Gedanken in einem Butterkeller ein. Wie ich hinein gekommen, gehört nicht zur Sache; genug, ich schlief im Butterkeller. In der Nacht hatte ich Träume von Götter- und Heldengeschichten, merkte wohl, dass ich mit den Fäusten umherhantierte, wusste aber doch nicht, was ich eigentlich machte, weil ich immer halb im Schlaf blieb. Am andern Morgen kam der Butterhändler in den Keller, mit der Lampe, leuchtete umher und schrie: 'Herrjemine, was ist aus der Butter geworden!' – Ich wachte nun auf, sah mich um und erstaunt' ein wenig, denn siehe da, ich hatte im Schlaf, bloss mit der Hand die Gruppe der Zentauren und Lapiten gebildet aus Butter, im ersten, strengen, erhabenen Stil. Die Töpfe waren alle leer, so hatte ich in der Butter gewirtschaftet. Mein Butterhändler wollt' anfangs keifen, nachher beruhigte er sich, weil er merkte, dass mit dem Werke ein gut Stück Geld zu verdienen sei. Wir trugen die Buttergruppe vorsichtig die Treppe hinauf und setzten sie in die Sonne, um ihr die rechte Beleuchtung zu geben. Das war aber nicht wohl bedacht, denn in der Sonne schmolzen die Figuren, erst die Lapiten und dann die Zentauren. War das nicht wundersam?"

"Was? Dass Sie Zentauren und Lapiten aus Butter machten, oder dass dieses Gebilde, als Sie ihm die rechte Beleuchtung gaben, schmolz?" fragte der alte Baron. – "Letzteres", erwiderte Münchhausen. "Um ein solches Kunstwerk hätte der Himmel schon einmal den gang der Naturgesetze unterbrechen können. Dass die Butter in der Sonne zerging, dass kein Wunder geschah, finde ich wundersam."

Der alte Baron versetzte: "Das ist vollends nichts, denn es lautet zu subtil."

So wollte keine Erzählung vor dem Sinne des Schlossherrn mehr Stich halten. Münchhausens Genie hatte sich in der Meinung seines Wirtes rascher abgebraucht, als ein Ministerium des Julitrons verwittert. "Kann er mir denn nicht echte Merkwürdigkeiten erzählen?" rief der alte Mann oft bitterböse, wenn ihn sein Gast verlassen hatte, "so etwasso etwas – – was sich gar nicht erzählen lässt?"

Nur zwei Abenteuer waren es, auf welche die Wissbegierde des alten baron sich noch einigermassen gespannt hielt: Münchhausens Fata unter dem Vieh, insbesondere unter einer Ziegenherde am Helikon, und dann, wie er unlängst in Schwaben Poltergeister und Dämonen kennengelernt. Auf beide hatte der Freiherr zu öfterem im voraus hingewiesen, immer aber war die Erzählung durch zufällige Ereignisse verschoben worden, wie denn noch jüngst das erste Kapitel dieses Buches nicht halten konnte, was seine ersten Worte versprachen.

In seiner gelangweilten Stimmung warf der alte Baron ein Auge forschender Verdriesslichkeit, oder verdriesslichen Forschens auf die person des Freiherrn, und da wurde ihm nun so manches Gegenstand der Verwunderung. Die ergrünenden Wangen und die doppelfarbigen Augen mussten freilich durch die Erläuterungen Münchhausens für vorläufig beiseitegestellt gelten, dagegen hatten sich an dem ausserordentlichen mann neue geheimnisvolle Phänomene in Menge aufgetan. Schon dass der Freiherr stets traurig und dunkel sprach, wenn er im allgemeinen der Umstände bei seiner Erzeugung gedachte, war ein seltsames Ding, hiezu kam aber noch das ungewöhnliche Verhältnis zwischen Herrn und Diener, welches sich bald im schloss bemerklich machte.

Es ist eine weitverbreitete Klage der Zeit, dass ihre Fortschritte auch den Übermut der Dienstboten gesteigert haben. Unter den vielen schlechten Bedienten aber, welche die Gegenwart gebiert, war Karl Buttervogel (denn für uns behält er diesen Namen) sicherlich einer der schlechtesten. Wenn ihm sein Herr etwas befahl, so tat er es auf das erste Geheiss gar nicht, auf das zweite auch noch nicht, und auf das dritte tat er es zwar, aber so, als tue er es um Gottes willen. Den Rock klopfte er dem Gebieter aus, wenn er Lust hatte, und alles übrige, was zu seinem Dienste gehörte, verrichtete er, insofern er dazu Belieben trug. Fuhr ihn aber sein Herr an, oder drohte er, ihn zu schlagen, so warf der Bursche mit so spitzigen, frechen und sonderbaren Reden um sich, dass auch der Argloseste darüber erstaunen musste.

Einstmals sagte der alte Baron, als er Zeuge eines derartigen Auftritts geworden war, bei welchem Karl Buttervogel ausgerufen hatte, Münchhausen solle sich hüten, er wisse ja wohl, dass – – zum Freiherrn: "An Eurer Stelle, Freund, jagte ich den Unverschämten fort.