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von Münchhausen heute abermals seine Schmierereien vorgenommen und mir dadurch ganz widerwärtig geworden. Mir vorgenommen, bei erster gelegenheit grob zu werden, um auf eine feine Manier aus dieser Sklaverei zu kommen.

Gefällt mir jetzt recht wohl hier. übrigens doch eigne Lag', und weiss der Schinder, was draus werden soll. In ein so wunderbares Verhältnis war fräulein Emerentia mit ihren Gedanken, Träumen und Empfindungen geraten. Man kann sich daher vorstellen, wie es ihr Bewusstsein verletzen musste, als der Vater die Besorgnis vor einer Mariage zwischen ihr und Münchhausen äusserte.

übrigens wusste sie kaum noch, ob sie auf der Erde wandelte. Sie dachte und sah nur den Prätendenten von Hechelkram, den Altar der Freundschaft und das ihr winkende Stiftskreuz. Der kleine Haushalt litt freilich sehr unter dieser glücklichen Entwirrung schwieriger Verhältnisse. Auf die Suppe musste nach und nach ganz verzichtet werden, da sie niemals zu geniessen stand, oder der Schulmeister hatte mit seiner schwarzen auszuhelfen. Alles Fleisch aber stahl regelmässig die Katze, weil der maskierte Fürst unersättlich war. Der alte Baron wünschte sich hundertmal des Tages über verdriesslich seine Lisbet zurück. Wo er die Katze, die vermeintliche Räuberin der speisen sah, schlug er nach ihr; ach, er wusste nicht, dass Karlos der Schmetterling die Schlange war, die er am Busen nährte. Nannte nun gar seine Tochter diesen Namen (und sie nannte seit der grossen Entdeckung Buttervogeln nie anders) so wollte er, nachdem er einige Male über den blühenden Tropus gelacht hatte, schier verzweifeln, denn er begann zu fürchten, dass sein armes Kind sich mit starken Schritten einer unglückseligen Verwandlung nahe.

Fünftes Kapitel

Der Autor fährt fort notwendige Erklärungen zu geben Aber der alte Mann hatte noch andern Verdruss. Es ist eine bewährte Erfahrung, dass der Mensch Leckerbissen, wie Kaviar und Gansleberpasteten schleunig müde wird und nur die einfachste Speise, das Brot, immer essen mag. So geht es auch mit den Nerven des geistigen Gaumens. Sie stumpfen sich rasch gegen den wollüstigsten Kitzel ab; Erschütterung und Staunen werden ihnen bald trivial. Wer Märchen hörte, sehnt sich doch wieder bei gelegenheit nach der trokkensten Zeitung; woraus abzunehmen, dass alle, welche mit Wundern auf die Menschen wirken wollen, mit Wundern sparsam sein müssen.

Wie gross war dem alten Schlossherrn sein Gast im Anfang vorgekommen, wie hatte seine Seele sich in dessen Erzählungen so ganz befriedigt gefühlt, und wie bald erlosch dieser Genuss! Es liefen nicht vierzehn Tage ins Land, so fühlte sich der Baron von Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost unmustern, wie damals, als er seiner Erwartungen müde zu den Journalen griff, und damals, als er der Journale müde, sich nach einem gleichgestimmten Freunde sehnte, und damals, als er des gleichgestimmten Freundes, nämlich des Schulmeisters müde, heftig nach, er wusste selbst nicht wem? verlangte. Zuerst glaubte er, es liege ihm im Unterleibe und nahm ein Brechmittel ein. Das Mittel wirkte, sein Zustand blieb aber derselbe. Allgemach erkannte er die wahre UrsacheMünchhausen war ihm langweilig geworden, wie seine Erwartungen, die Journale, der Schulmeister.

Seine Geschichten klangen ihm jetzt lange nicht seltsam genug, die ausschweifendsten Abenteuer kamen ihm schal vor. Er pflegte nunmehr, wenn Münchhausen einen Bericht vollendet hatte, zu versetzen: "Ist noch gar nichts, Liebster, Bester, mir ist einmal ganz etwas anderes widerfahren." Worauf er seinerseits sich bemühte, Überbietendes vorzutragen, freilich selten über den ersten Anlauf hinausgelangte.

Der Freiherr hatte nach der Novelle von seinen sechs Geliebten viel und mancherlei hören lassen, was leider durch das Sieb der geschichte gefallen ist. Einiges ist indessen aufbehalten geblieben.

Münchhausen erzählte von dem Fürstentume Sprenkel, worin er einstmals, da man nach Ständen verlangend gewesen, Stände aus Blätterteig verfertiget habe. Diese Repräsentanten von Blätterteig hätten allen verfassungsmässigen Nutzen gebracht, bis der Nachfolger gekommen wäre und sie aufgegessen hätte, weil er willens sei, neue von Spritzkuchenteig backen zu lassen.

Der alte Baron versetzte: Das sei gar nichts, Blätterteig könne ein jeder essen. Er habe einmal gesehen – – –

Münchhausen erzählte von dem Kaisertume Kleinchina, rechts von Grosschina im Stillen Weltmeere über Formosa hinaus belegen, worin der Patriotismus im Frieden so stark geworden sei, dass alle Jahre am Geburtstage des grossen Goldfisches (so heisse nach orientalischer Sprechsitte der Kaiser von Kleinchina) die Mandarinen der ersten drei Rangklassen in den Tronfarben anliefen, nämlich braun und blau.

Der alte Baron versetzte: Das sei gar nichts; die Färbung der Haut möge wohl von einem Ausschlage, von einer Art Nesselsucht herrühren; dergleichen pflege sich rasch wieder zu verlieren. Er habe einmal gesehen– – –

Münchhausen erzählte vom tiefsinnigen polnischen Starosten, der ein tiefsinniges Buch über die Kunst der Gegenwart geschrieben, und selber aus Kunstentusiasmus in Tiefsinn verfallen sei, worin er sich für einen Pinsel gehalten habe und zwar für den Pinsel seines Lieblingsmalers. Die geschichte war wirklich anmutig und lieblich anzuhören, denn sie lehrte weiter, dass der tiefsinnige Pole oder polnische Tiefsinn als Pinsel gerade so sich benommen und ausgedrückt habe, wie früherhin, so dass zwischen dem ehemaligen Starosten und nachmaligen Pinsel durchaus kein Unterschied bemerkbar gewesen sei. Er folge, sagte Münchhausen, in diesen Angaben nur dem Kammerdiener des Polacken, dem grimmen Hagen aus Nibelungenland, welcher für eine Zulage von sechs polnischen Gulden zum Jahresliedlohn das tiefsinnige Buch seines Broterrn den Deutschen zugänglich gemacht habe.

Der alte Baron versetzte: Es sei gar nichts, dass