das Bad brauchten und sich zusammen einen Bedienten hielten."
"Fürst", sagte ich ernst und gehalten, "verstellen Sie sich nicht länger. Weder Ihre Bedientenjacke noch die scheusslichen Ausdrücke, zu denen Sie Ihre edlen Lippen zwingen, um unerkannt zu bleiben, täuschen mich ferner. – 'Was Vorläufer! Es kommt uns niemand nachgelaufen', und: 'Ich kenne keinen Grösseren', die bedeutenden Strümpfe, das Pantoffelwesen, die Zeichen an der Schnuppe des Nachtlichts, mein Traum von Nizza, die trauernden Juden, die Wüste Sin, die da lieget zwischen Elim und Sinai, das waren schon Symbole, welche nicht trügen konnten. Nun die Melodie Ihrer stimme, Ihr Fluch, jetzt gar der geliebte Nussknacker in Ihrer Hand, und endlich, dass Sie von dem Kehricht wissen und von der finstern Tat meiner verklärten Mutter, welche Nussknackern in jenes Elend verstiess – – alles das – – mein Gott, leugnen Sie doch nicht weiter, häufen Sie nicht unnütze Qual auf ein armes Mädchen, die immer Ihrer wert geblieben ist! Sein Sie gut und liebevoll, lassen Sie die Maske fallen und sprechen Sie: 'Emerentia, ja, ich bin es'."
"Was soll ich denn sein?" rief er. "Ich bin kein Es. Ich bin, was ich bin – Donnerwetter!"
Seine rauhe Festigkeit machte mich doch einen Augenblick wieder zweifelhaft. "Wenn Sie es nicht sind", sagte ich entschlossen, "so ist es Ihr Herr, denn einer von Ihnen beiden muss es sein."
Ich wollte gehen. Karl hielt mich aber am Kleide zurück. Mein Mittel hatte gewirkt. "Ich sehe wohl", sagte er, "dass es Ihnen ein Ernst ist, wenn ich es bin. Also wollte ich Sie nur fragen, was daraus wird, wenn ich es bin?"
"Wenn Sie es sind", versetzte ich, "so bin ich Ihre Freundin im reinsten Sinne des Worts. Mein ganzes bisheriges Leben war eine Vorbereitung auf diesen grossen Moment. Gnädigster Herr! In den Blütentagen der Jugend opferten wir der leidenschaft auf dem Altare unserer Herzen! Für dieses Opfer ist uns der Weihrauch ausgegangen. Aber der Altar blieb bestehen; lassen Sie uns auf demselben der Freundschaft ein Opfer entzünden, für welches ich ewig, Ihnen gegenüber Vorrat besitzen werde."
Karl kratzte sich im kopf (der Ungeheure! so tat er) und sagte: "Ich denke nur immer noch, Sie haben mich bloss zum besten. Indessen aber will ich's versuchen, und wer mich anführt, den soll der Teufel holen. Das heisst also, Sie sind meine Freundin, heisst nämlich, wenn Sie meine Freundin sind, so müssen Sie auch dafür sorgen, dass ich mehr zu essen und zu trinken kriege. Wenn Sie auf diese Manier meine Freundin sind, so will ich's sein. Dann sehen Sie nur gleich heute zu, dass ich einmal ein rechtschaffen Stück Fleisch kriege."
Er spielte fürchterlich mit mir. Dass er seinen wilden Humor selbst in diesem grossen Momente nicht ablegte! O Männer, Männer, wie geht ihr mit uns um! – Eine Lustigkeit der Verzweiflung ergriff mich, und in den Bahnen seiner ausschweifenden Laune ihm folgend, rief ich: "Sie sollen heute zwei Pfund Rindfleisch haben!"
Das erschütterte ihn. Er sah mein Leiden, welches durch den Scherz schauerte. Tränen traten in sein Auge, er sagte: "Sie sind doch sehr gut, und ich bin's denn also." Er ging, übermannt von edler, menschlicher Rührung.
In seinen Tränen fand ihn mein Gefühl, wie mein Verstand ihn schon früher erkannt hatte. Seiner Rolle blieb er sonst treu. Mittags meldete er sich um die zwei Pfund Rindfleisch. Ich gab sie ihm und bereitete für uns einen Pfannkuchen, den Vater täuschend mit der Nachricht, die Katze habe das Fleisch gefressen. Er hat es rein aufgegessen; seine Verstellung muss ihm doch schwergefallen sein.
Wo die alberne Lisbet nur bleiben mag, der Aschenbrödel? Mit dieser Welt im Busen muss ich nun jetzt am Feuerherde stehen! Auch war der Pfannkuchen versalzen und ungeniessbar.
*
Heute ist es zu einer vollständigen Erklärung zwischen uns gekommen. Ich erinnerte ihn an unsere Spaziergänge bei Nizza, so an die Wechselverfertigung, an die sechste Elefantenkompanie und an die Kabale des Kaisers aller Birmanen. Ich erinnerte ihn an Hechelkram und an seine Rechte darauf. Ich nannte ihm den süssen Namen jener Zeit: Rucciopuccio. Ich fragte ihn, ob er wohl an alles das noch denke? Er sagte zu allem ja.
Auch in dieser vertrauten hingebungsvollen Stunde blieb er Bedienter in Wort, Gebärde, Haltung. Ich bat ihn herzlich, er möge doch mir gegenüber diese hässliche Hülle aufgeben und der Fürst sein. Er versetzte, es gehe nicht an, ich möchte ihn um Gottes willen zufriedenlassen. – Ich will nicht weiter in ihn dringen, er fürchtet vermutlich, dass, wenn er sich vor mir demaskiert, er sich auch sonst vergessen könne, denn welche unendliche Mühe muss den Hohen dieses angelegte niedere Wesen kosten!
Sein Inkognito hat vermutlich einen Doppelzweck. Mich wollte er unerkannt prüfen, und dann will er auch im Verborgenen abwarten, welchen Erfolg seine Verwendungen an einige Mächtige des Hofes um Hechelkram haben werden. Ich sagte ihm diese meine Vermutungen in das Antlitz, und er antwortete: Es sei alles so, wie ich meine.