1836_Immermann_045_91.txt

es entgelten.

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Nein! Nein! Nein! Das Geheimnis ward offenbar, Karl ist Rucciopuccio! Da sitze ich in der tiefen Stille der Mitternacht auf meiner einsamen kammer und vertraue euch stummen Blättern die wundersame Post. Ja, wundersam muss ich wohl diese Fügung nennen, welche zum zweiten Male den Nussknacker entscheidend in mein Leben blicken lässt.

Ich stand heute in der Frühe schon mit einer Fülle von Ahnungen von meinem Lager auf. Die Strümpfe sahen mich so bedeutend an, in den Pantoffeln war ein stilles Wesen und Weben, die lange Schnuppe des Nachtlichts, welches herabgebrannt war, wies tiefsinnige Figuren. Ist es mir doch einmal bestimmt, dass nichts gewöhnlich um mich sein kann, bin ich doch in allen meinen Tagen das Spielwerk dunkler, hoher Mächte gewesen!

Mein Haupt war wirr und wüst! Ich stiess das Fenster auf, die glühende Wange im Morgenwinde zu kühlen. Von Nizza hatte ich in der Nacht geträumt, vom Meer, von den Alpen. Die beiden Juden hatte ich auf dem höchsten Gipfel gesehen, die mich nach der schrecklichen Katastrophe den Eltern brachten. Sie standen in einer Glorie von Sonnenstrahlen, hatten Schmerz in den Zügen, und ich hörte den einen zum andern sagen: "Dass man uns gemacht hat zu guten Staatsbürgern, das ist die Trauer von unsren Leuten in der Gegenwart, woraus sie malen Bilder und schreiben Verse. Die alte Zeit, die alte Zeit war besser, Jakob, wo wir rumliefen, wie unsre Väter in der Wüste Sin, die da lieget zwischen Elim und Sinai."

Ein bedeutender Traum, ein prophetischer Traum! Was weiss ich von der Wüste Sin, die da lieget zwischen Elim und Sinai? Im Traume lernte ich diese ebräischen Namen; die höhere Hand wollte mir einen Wink geben: "Siehe, ich bin da und werde wirken ein Wunder in deiner Nähe."

Ich sah zum Fenster hinaus.

Karl trat unten in den Hof. "Himmeltausend Sakrament!" rief er, "kriege ich heute wieder nichts zu fressen?" – Entsetzliche Ausdrücke für das Tagebuch eines zarten Mädchens! aber ich muss ja alles treu mit den kleinsten Zügen berichten.

Der laut jener Worte brachte mir alte Erinnerungen zugetragen. Wie aus weiter Ferne drang es, gleich der stimme, die mir einst lieb war, in das Ohr! Diese sonderbare Ähnlichkeit der Töne, das Fluchender Fürst pflegte auch bisweilen zu fluchen, doch bediente er sich mehr der sogenannten schweren Angstmein Traum von Nizza, die trauernden Juden, die Wüste Sin, die Zeichen am Nachtlicht, das Pantoffelwesen, die bedeutenden Strümpfe – – –

Karl setzte sich auf einen Stein im hof, sagte: "Ich muss mal in den Taschen suchen" – suchte in der linken Jackentasche, rief: "Na, wenigstens noch ein paar alter, überjähriger Nüsse gegen das Verhungern" – griff in die andere tasche, zog daraus hervor – – –

Ich hielt mein Herz mit bebender Hand, ging in die Speisekammer und schnitt für Karin ein Butterbrot – –

Ich kann nicht weiter schreibendie Erinnerung überwältigt michmeine Pulse fliegen – –

*

Ich bin ruhiger. Gestern schwamm der Segen, der mir geworden, ein buntverwirrender Farbenschimmer vor meinen Augen, heute hat er sich zum entzückenden Landschaftsbilde auseinandergesetzt, in welchem jeder Baum spricht: "Mein Schatten gehört dir", und die gemalte Quelle flüstert: "Schwester, ruhe an meinem Borde!"

Ich trat mit dem Butterbrote leise hinter Karl Buttervogel. Zum letzten Male stehe der Name in den Blättern! Er hatte mich nicht kommen hören und knackte ruhig mit dem Instrumente, welches er aus der rechten Jackentasche gezogen hatte, seine Nüsse auf.

Ich sah ihm über die Schulter. Aber ach! da wankten meine Kniee, ich liess das Butterbrot fallen, Karl liess den Nussknacker fallen, ich hob den Nussknacker auf und Karl hob das Butterbrot auf! Ich drückte den Nussknacker an meine Lippen. Er war es, er war es! – Der alte, treue Knacker, die erste, auf Rucciopuccio hindeutende Liebe! O ihn, ihn hatte ich gleich erkannt. Und hätte ich ihn denn auch verkennen können? Des Menschen Antlitz und Gestalt wandelt sich leider mit den Jahren, ein Nussknacker bleibt, was er war.

Ach, bitter-schmerzlich war dennoch dieses Wiedersehen! Das teure Heiligtum meiner Jugend sah mich an, wie eine Ruine. Von dem Rot der Uniform war der brennende Glanz gewichen, die Farbe der Unterkleider liess sich kaum noch erkennen, erloschen waren die schönen, grellblauen Augen, der Mund hatte durch das beständige Knacken seine beste Kraft verloren, einen Hut trug er kaum noch, nur den Schnurrbart hatte die Missgunst der zeiten verschont; er hing schwarz und voll wie in jenen goldenen Tagen über den alt und müde gewordenen Lippen.

Ein Strom von Tränen befreite die Brust. Dann fasste ich mich und dachte an mich und mein Geschick. Karl hatte das Butterbrot verzehrt und sah mich gross an. "Gelt", rief er (ich muss ja seine eigenen Worte brauchen) "das ist ein närrischer Kerl? – Ich habe den Schurken einmal vor vielen Jahren in einem italienischen Badenest auf'm Kehricht hinterm haus gefunden. Ich steckte ihn zu mir und brauche ihn seitdem fortwährend, und der Racker" (ich erliege fast der Qual solche Worte zu schreiben) "ist immer noch ganz. Dazumal diente ich bei vierzehn Berliner Edelleuten, die