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Hausgeheimnis! Alle diese obsoleten Begriffe müssen fallen! Alles muss öffentlich sein! Die Spalten der Zeitungen dürfen sich selbst den Beobachtungen über die Vorgänge des Orts, wohin niemand schicken zu können Kaiser Karl der Fünfte bedauerte, nicht verschliessen."

"Was für ein Ort ist dieser, mein Meister?" fragte das fräulein.

"Er heisst auf Ebräisch Gehenna", versetzte der Freiherr. "Ah so", sagte das fräulein und tat, als ob sie Münchhausen verstehe.

Dieser fuhr fort: "Alles muss öffentlich sein für das neue priesterliche Geschlecht der Wahrheit! Gott der Herr hat zwar Herz und Hirn unter Hüllen von Knochen, Häuten und Fleisch gesetzt, und deshalb meinte die Menschheit lange Zeit, sie dürfe manches, was Herz und Hirn ihr beschäftige, unter Hüllen verwahren, aber sie hat im Irrtum gestanden, es ist ein versehen bei der Schöpfung vorgefallen. Brust und Kopf sollten eigentlich mit Glasschiebern erschaffen werden, was nur damals im Drange der Geschäfte übersehen worden ist. Ich weiss dieses von Nostradamus, den ich kürzlich sprach, und der es von Gott unmittelbar hat."

"Wer ist Nostradamus?" fragte der alte Baron.

"Ein emeritierter Professor der Naturgeschichte zur Leiden", antwortete der Freiherr, nahm ein Licht und empfahl sich.

Nach Münchhausens Abgange sagte das fräulein zu ihrem Vater: "Damit nie wieder eine Anspielung der Art, wodurch ich heute aus dem Zimmer gescheucht ward, verlaute, bin ich im Begriff, Ihnen, mein Vater, sobald der Herr Schulmeister sich entfernt haben wird, eine grosse Eröffnung zu tun." Der Schulmeister ging und murmelte: "Ich werde heute meinen Entschluss fassen." Der alte Baron, welcher eigenen Gedanken nachhing, hörte auf seine Tochter nicht hin, sondern verliess mit den Worten: "Es ist eine Scheidewand gefallen und ich werde mir nun Licht schaffen"; das Zimmer.

Emerentia hatte sichwie sie sagte, aus weiblicher Schamhaftigkeit, und um den blick des Vaters zu meidenmit dem Antlitze der Wand zugekehrt, als sie sich anschickte, die grosse Eröffnung zu tun. Sie bemerkte daher den Abgang ihres Vaters nicht und sprach eine geraume Zeit die tiefsten Herzensangelegenheiten der tauben Wand gegenüber aus, bis sie, hingerissen von ihrem Feuer, sich plötzlich umwendete und sah, dass es ihr an einem Hörer fehle und, wie sie nun vermuten musste, immer gefehlt habe. Da blieb ihr das Wort zwischen den Lippen haften und der Rest ihrer Eröffnung im Herzen stocken; stumm und verdriesslich suchte sie ihr Lager auf.

Zweites Kapitel

Der Autor gibt einige notwendige Erklärungen

Die Geheimnisse des Schlosses, welches ich auch wohl fernerhin Schnick-Schnack-Schnurr nennen muss, weil ich ihm, wie vielem, was in dieser geschichte vorkommt, leider nicht den rechten Namen geben darfdie Geheimnisse des besagten Schlosses, sage ich, nicht über die Gebühr undurchdringlich zu machen, muss hier teilweise berichtet werden, was die drei handelnden Personen mit ihren Reden gemeint hatten.

Münchhausen war nicht sobald auf der Stammburg derer von Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost warm geworden, als seine Anwesenheit in dem Gemüte des baron, seiner Tochter und des Schulmeisters grosse und verschiedenartige Bewegungen hervorbrachte, wie denn ein bedeutender Mensch niemals in einen Kreis tritt, ohne dass von ihm in den Verhältnissen des Kreises Umwandelungen ausgehen. Der Kreis unseres Schlosses hatte sich bis zu Münchhausens Ankunft von seinen leidenschaftslosen Einbildungen still ernährt, es fehlte aber viel, dass dieser idyllische Zustand seitdem noch fortdauerte, vielmehr wurden die drei Akademiker von Schnick-Schnack-Schnurr in entzücktem Herzklopfen, brennender Neugier und ernster Selbstbetrachtung umgetrieben.

Emerentien war das entzückte Herzklopfen zugefallen.

Sie hatte Rucciopuccion, den Birmanen aus Siena, der eigentlich der Prätendent von Hechelkram war, durch alle niederen Hüllen hindurch, welche Laune oder tiefberechnete Absicht ihn anzulegen getrieben, erkannt. Das Herz der Frauen ist in solchen Dingen ein sicherer Wegweiser; Damayanti sah dem Wagenlenker des Königs Rituparna sofort an, dass in ihm ihr Gatte Nala die Peitsche schwinge, Teodolinde von Bayern merkte gar bald, als sie dem angeblichen Freiwerber den Becher kredenzte, dass er ihr bestimmter Bräutigam Autarit, König von Lombardien sei, und es währte nicht lange, so wusste Emerentia, woran sie mitdem Bedienten Karl Buttervogel war.

Erschreckt nicht, meine Teuren! Die Sache hatte sich ganz natürlich zugetragen, nämlich folgendermassen. Anfangs war die Gestalt des so sehnlich zurückerwarteten Geliebten wie ein Traumbild vor ihr auf und nieder gewallt, nach und nach hatte das Traumbild bestimmte Züge angenommen, endlich wich jeder Zweifel und machte der gewissesten Gewissheit Raum.

Denkt an Emerentiens Bewegung, als die beiden Fremdlinge die Burg ihrer Väter betraten, als aus dem mund des Dieners die verhängnisvollen Worte: "Blumenhut" und "Lauferschurz", erklangen, als der Diener selbst mit dem improvisierten Blumenhute und Lauferschurze vor ihr stand! War ihrem geist nicht seit so vielen Jahren der Laufer als Vorläufer des Fürsten von Hechelkram erschienen? Da stand nun ein Laufer vor ihr, das bunte Taschentuch als Schurz um die Hüfte gewunden, den Strauss von Feldblumen am hut, kein gewöhnlicher gemachter Laufer, nein, ein unwillkürlich zusammengefügter, ein Schicksalslaufer!

Es durchzuckte ihr Herz. Wenn sie in diesem Augenblicke den Wink der himmlischen Mächte nicht begriffen hätte, so würde sie sich selbst haben verachten müssen. "Aber vorsichtig, Emerentia", flüsterte sie dem pochenden Herzen zu, "vorsichtig, dass die letzte Täuschung nicht