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wollte, wo mich nun das Unglück treffen musste. geben Sie mir Ihren Arm." – Er führte sie einige Schritte hügelabwärts, da zuckte sie zusammen und sagte: "Es geht doch nicht, die Schmerzen sind zu heftig, ich könnte unterweges ohnmächtig werden. Wir müssen schon an diesem Orte aushalten, bis Leute herbeikommen und eine Tragbahre verschaffen können."

Trotz ihrer Wundschmerzen hielt sie ein Päckchen fest in der linken Hand, dieses reichte sie ihm jetzt und sagte: "Verwahren Sie es mir, es ist das Geld, welches ich für den Herrn Baron eingesammelt habe, ich möchte es verlieren. – Wir müssen auf längeres Bleiben uns gefasst machen", fügte sie hinzu. "Wenn es Ihnen möglich wäre, mir ein Lager zu bereiten und etwas Wärmendes zu geben, dass die Kälte nicht zur Wunde schlägt!"

So hatte sie die Besonnenheit für sich und ihn. Er stand sprachlos, bleich und starr, wie eine Bildsäule; die Verzweiflung wühlte in seinem Herzen und liess kein lautes Wort über die Lippen. Jetzt gab ihm ihre Aufforderung Bewegung, er eilte nach dem Baume, hinter dem er seine Weidtasche abgelegt hatte. Dort sah er auch das unglückliche Gewehr liegen. Wütend ergriff er es und schlug es mit solcher Kraft gegen einen Stein, dass der Schaft zersplitterte, die Läufe sich bogen, und die Schlösser von ihren Schrauben lossprangen. Er verwünschte den Tag, sich, seine Hand. Zu dem Mädchen zurückgestürzt, welches sich auf einen Stein des Freistuhls gesetzt hatte, fiel er ihr zu Füssen und flehte, den Saum ihres Kleides küssend, unter heftigen Tränen, die nun aus seinen Augen mit Gewalt brachen, sie um ihre Vergebung an. Sie bat ihn, doch nur aufzustehen, er habe ja nicht dafür gekonnt, die Wunde sei gewiss nicht bedeutend, er möge ihr nur jetzt helfen. Er richtete ihr nun einen Sitz auf dem Steine zu, indem er die Weidtasche auf denselben legte. Um ihren Hals band er sein Tuch, um ihre Schultern legte er locker und lose seinen Rock. Sie setzte sich auf den Stein, er nahm neben ihr Platz und bat sie, zu ihrer Erleichterung ihr Haupt an seine Brust zu neigen. Sie tat es.

Der Mond war in völliger klarheit über einen teil des himmels gedrungen und beschien fast taghell die beiden durch einen rohen Zufall einander so Nahegerückten. In der vertraulichsten Nähe sass der Fremde mit der Fremden, sie stiess leise Schmerzenstöne an seiner Brust aus, und von seinen Wangen flossen unaufhaltsame Tränen. Rings aber um sie her verbreitete sich nach und nach das Schweigen und die Einsamkeit der Nacht.

Endlich wollte es das Glück, dass ein später Wanderer durch die Kornfelder ging. Der Ruf des Jägers erreichte sein Ohr, er eilte herzu und wurde nach dem Oberhofe geschickt. Bald darauf liessen sich Fusstritte hügelan Kommender vernehmen; es waren die Knechte, welche einen Tragsessel mit Kissen brachten. Der Jäger hob die Verwundete sanft hinein und so gelangte sie spät in der Nacht unter das Obdach ihres alten Gastfreundes, der sich freilich sehr verwunderte, die Erwartete in diesem Zustande ankommen zu sehen.

Zweiter teil

Drittes Buch

Acta Schnickschnackschnurriana

Erstes Kapitel

Gegenseitige Offenheiten

"Diese Ziegen am Helikon –"

"Öta wollt Ihr sagen –"

"Nein, Helikon will ich sagen, ich habe mich früher versprochen. – Diese Ziegen am Helikon, unter welche ich als Knäblein geriet, hatten ehedem einen Bund zur Verfeinerung ihrer Wolle gestiftet"; äusserte Münchhausen.

"Es freut mich", rief der alte Baron, "dass wir jetzt unter das Vieh kommen! Auf diesen Punkt in Euren Historien war ich immer noch einigermassen gespannt, denn das andere, was Ihr seiter vortrugt, wollte mir nicht mehr recht unterhaltend scheinennehmt mir's nicht übel, Mann, aber Offenheit muss unter Freunden sein."

"Versteht sich am rand", sprach Münchhausen feierlich. "Die Ziegen also ..."

"Guter Meister, kannst du mir zusichern, dass in der geschichte nichts vorkommt, was mein Zartgefühl beleidiget?" fiel das fräulein ein. Sie nannte Münchhausen seit einer erhebenden Szene, die sich zwischen ihnen vor einigen Tagen zugetragen hatte, du.

"Nicht das geringste, Diotima-Emerentia", antwortete der Freiherr. "Zu jener Viehart gehören zwar der Ordnung der natur gemäss Böcke, auch kommen diese in meiner geschichte vor, ich werde aber delikat sein und sie die Gatten der Ziegen nennen. Ferner tritt ein Mistkäfer auf, der soll das Ross des Trygäos heissen; eine Schmeissfliege flicht sich eindu wirst mich fassen, wenn ich von der blauen Schwärmerin spreche."

"Ich werde dich ganz fassen, mein Meister", antwortete das fräulein mit einem ihrer unbeschreiblichen Blicke. – "Ja", sagte Münchhausen, "darin bist du du, und deinen Schwestern gleich. Wenn nur der Bock der Gatte der Ziegen heisst, so können sie alles anhören."

"Hört, Kinder", rief der alte Baron halb scherzend, halb ärgerlich, "dieses du und du, und du du klingt ein wenig, als wenn der Kuhhirt dutet. Ich dächte, ihr bliebet beim Sie, es ist ein feinerer, spitzerer laut. Ich liebe dich, Renzel, und ich schätze Euch, Münchhausen, deshalb will ich für euch beide klug sein. Eine Mariage wäre nichts mehr in euren Jahren."

"Mariage!" rief das fräulein