klinkte die Tür auf. Er war aber in die Schlafkammer der Tochter geraten und sah erschreckt eine unzweideutige Gruppe. Herzklopfend schritt er rasch nach seinem Zimmer zurück; der Bräutigam, ein junger starker Bauer, folgte ihm dahin nach. "Das müssen Sie nicht für übel nehmen", sagte dieser. "Denn das zweite Aufgebot ist gewesen, und nächsten Donnerstag ist die Hochzeit, und wenn es soweit ist, so hat sich keiner um so etwas zu bekümmern, und der Pastor und der eigene Vater fragt nichts darnach. Es wird diese Nacht bei uns im hof Korn gesackt, deshalb musste ich meine Braut heute zu Nachmittage besuchen."
"Mich geht das nichts an", antwortete der Jäger verwirrt, "wenn ich nur wüsste, wo mein Gewehr ist." – "Dieses will ich Ihnen sagen", antwortete der junge Bauer, "der Schwiegervater hat es heimlich weggenommen und dort hinter dem grossen Schranke versteckt, denn er sagte, der dritte Choral aus Ihrer geschichte wäre –"
"Was? Choral? Ihr wollt wohl Moral sagen?"
"Jawohl. Also der dritte Choral aus Ihrer geschichte wäre, dass man einem Fehlschützen von Mutterleib aus kein Schiessgewehr unter Händen lassen müsse. Ein gewöhnlicher Fehlschütz wäre wenig zu ästimieren, aber ein Fehlschütz von Mutterleib könnte grossen Schaden anrichten."
Der Jäger hörte nicht länger auf diese Reden hin, warf vielmehr seine Weidtasche um, eilte nach dem Schranke, zog hinter demselben das Gewehr hervor, lud, und war mit zwei Schritten aus dem hof nach dem Freistuhl, sich die unruhig wogenden Bilder aus der Seele zu schiessen. Schon im duftigen goldenen Dämmer des Eichenkamps hatte er seine Lebensgeister wieder beisammen. – "Nun das muss wahr sein", rief er, "die Idyllenschreiber haben uns die Bauernwelt arg verzeichnet! Sowohl die schäferlich-zarten, als die knolligen Kartoffelpoeten.
Sie ist eine Sphäre, so mit derber natur, wie mit Sitte und Zeremonie ausgefüllt, und gar nicht ohne Anmut und Zierlichkeit, nur liegt letztere woanders, als wo sie in der Regel gesucht wird. Ist der Bursch aus Unentaltsamkeit vor der Zeit in sein Recht getreten? Gewiss nicht. Es ist so Herkommen, lieblicher, lustiger Brauch, und sein Mädchen würde sich vielleicht für verachtet halten, wenn er ihn nicht mitmachte."
Droben auf dem Hügel am Freistuhl ward ihm sehr wohl. Das Korn wiegte säuselnd die Ähren, schwer von Segen, des Vollmondes grosse glührote Scheibe stieg am Ostrande des himmels auf und noch wirkte der Widerschein der in Westen abgeschiedenen Sonne. Die Atmosphäre war so rein, dass dieser Widerschein gelbgrün glänzte. – Er empfand seine Jugend, seine Gesundheit, seine Hoffnungen. Hinter einen grossen Baum am Waldrande stellte er sich; "heute will ich doch erproben", sagte er, "ob das Geschick nicht zu beugen ist. Ich schiesse nur, wenn mir etwas bis auf drei Schritte vor dem Rohre nahekommt, und da müsste es ja mit Zauberei zugehen, wenn ich fehlen sollte."
Im rücken hatte er den Forst, vor sich die Senkung mit den grossen Steinen und Bäumen des Freistuhls, gegenüber umschlossen die gelben Kornfelder den einsamen Ort. In den Wipfeln über ihm gurrten noch einzelne verlorne Töne der Turteltaube, durch die Äste der Bäume am Freistuhle fingen die wilden Lindenschwärmer an mit den grünroten Flügeln zu schwirren. Allgemach begann es auch im wald am Boden sich zu rühren. Ein Igel kroch schläfrig durch das Laub; ein Wieselchen zog den geschmeidigen Leib aus einer Steinspalte, nicht breiter, als der Kiel einer Feder, hervor. Buschhäslein sprangen mit vorsichtigen Sätzen, zwischen jedem innehaltend, sich duckend und die Löffel legend, ins Freie, bis sie, mutiger geworden, auf dem Rain am Kornfelde sich emporhoben, tänzelten, miteinander spielten, und die Vorderläufe zu scherzenden Schlägen brauchten.
Der Jäger hütete sich wohl, dieses Hasenvolk zu stören. Endlich trat ein schlankes Reh aus dem wald. Klug die Nase in den Wind streckend, links und rechts aus den grossen, braunen Augen umherschauend, schritt das Tier auf den feinen Füssen mit leichter Grazie einher. Jetzt war das Zarte, Wilde, Flüchtige dem Geschosse des Versteckten gegenüber angelangt, es war so nahe, dass es fast nicht gefehlt werden konnte, er wollte abdrücken, da schreckte das Reh zusammen, tat einen Sprung in veränderter Richtung gerade auf den Baum zu, hinter welchem der Jäger stand, sein Schuss ging los, das wild setzte in gewaltigen Sprüngen unverwundet waldein, zwischen dem Korne aber war ein Schrei erschollen, und wenige Augenblicke nachher kam eine weibliche Gestalt auf einem schmale Pfade, der in der Linie des Schusses lag, aus den Feldern hervorgewankt.
Der Jäger warf die Flinte weg, stürzte auf die Gestalt zu und meinte vergehen zu müssen, als er sie erkannte. Es war das schöne Mädchen von der Blume im wald. Sie hatte er statt des Rehes getroffen. Sie hielt die eine Hand auf der Gegend zwischen Schulter und linker Brust, dort quoll unter dem Tuche reichlich das Blut hervor. Ihr Antlitz war bleich und etwas von Schmerz verzogen, doch nicht entstellt. Sie holte dreimal tief Atem und sagte dann mit sanfter und matter stimme: "Gottlob, es muss nichts gefährlich verletzt sein, denn ich kann Atem holen, wenn es mir auch Schmerzen macht. – Ich will versuchen", fuhr sie fort, "den Oberhof zu erreichen, zu dem ich auf diesem Richtwege gelangen