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den Enkel fortgepflanzt wird. natürlich ist jetzt die Sache zu einer blossen Spielerei herabgesunken. Aber Wissende gibt es wirklich noch immer, die von Zeit zu Zeit sich bei den alten Freistühlen versammeln, und durch Mitteilung der geheimen Erkennungszeichen und des Rituals neue Wissende machen. Anfangs nahmen einige Behörden von dem Hokuspokus Notiz, wollten in die Mysterien eindringen, aber das gelang ihnen nicht, die Bauern trieben ihr Wesen nur um so vorsichtiger und blieben gegen alle Anmutungen, den Sinn der Losung zu verraten, standhaft. Seitdem bekümmert man sich nicht mehr darum.

Der Oberhof gehört nun recht eigentlich zu den alten Freischöffengütern. Nach dem Bauernglauben war es Karl der Grosse, der die Gerichte einsetzte, und das Gewaffen, was in dem hof aufbewahrt wird, gilt für das Richtschwert, welches der Kaiser zum Zeichen der Investitur dem ersten Besitzer gegeben habe. Der Hofschulze, der ein gar schlauer Vogel ist, hat, sein Ansehen zu steigern, sich diesen Glauben zunutze gemacht, und spielt nun eine Art von Freigrafen. Er soll nicht selten mit den Schöffen der umliegenden grossen Höfe am Freistuhl zusammenkommen. Ja man spricht, dass durch ihn in die leeren Possen wieder ein Gehalt gebracht worden sei, dass sie über manche Sachen wirklich ihre geheimen Urteile fällen. So viel ist wenigstens gewiss, dass die Gerichte sich selbst über die wenigen Streitigkeiten wundern, die aus jener Gegend vor sie gebracht werden, obgleich unser Land sonst die Heimat der Prozesskrämer ist."

"Aber wie ist das möglich, da ihnen ja jede Macht der Ausführung fehlt?" fragte der Jäger, den diese seltsame Entdeckung ganz träumerisch bewegte.

"Nun", sagte der Sammler, "sie können freilich keinen Widerspenstigen mehr am Baume aufknüpfen, aber wenn sie ihm nun hülfe, Beistand, Vorschub versagten, es durch ihren Einfluss, da sie die Reichsten in der Gegend sind, dahin brächten, dass ihn auch die andern mieden, keiner mit ihm im Kruge tränke, Knecht und Magd nicht bei ihm aushielte; wie dann? Wäre das nicht auch ein Zwang, zwingend genug? Was vermag nicht die Meinung von Standesgenossen über den Menschen? Es werden mitunter dort umher einzelne in auffallender Art freunde- und genossenlos, das dauert eine Weile, dann nähert sich ihnen wieder alles. Man spricht, diese seien Verfemte, und nur ihre Nachgiebigkeit hebe den Bann wieder von ihrem haus."

Der Jäger reimte nunmehr sich manches zusammen, was ihm bisher unverständlich geblieben war. Er teilte seine Vermutung, dass binnen kurzem am Freistuhl etwas vorgehen werde, dem Sammler mit, und fragte ihn eifrig, ob es nicht möglich zu machen sei, einem solchen heimlichen Gerichte aus der Verborgenheit zuzuschauen? Damit wollte indessen der Sammler als mit einer gefährlichen Sache nichts zu tun haben.

Der Fuhrmann trat ein, welcher den Jäger nach dem Oberhofe befördern sollte und sagte, dass der Wagen vor der tür stehe. Der Jäger hatte nämlich mit dem Diakonus die Absprache genommen, sich in der Stadt einquartieren zu wollen, hielt es jedoch für ziemlich, seinem alten Wirte in person Dank und Lebewohl zu sagen. Einen teil des Weges über hatte er weder auf diesen, noch auf das Fuhrwerk acht, da seine Gedanken um den Freistuhl und die Geheimnisse des Femgerichtes schwebten, die noch immer schattenartig in der Gegenwart fortlebten. "Sonderbares Land", rief er für sich, "in welchem alles ewig zu sein scheint! Wie kommt es, dass aus dir noch kein grosser Dichter hervorgegangen ist? Diese Erinnerungen, welche von dem Boden nicht weichen wollen, diese alten Sitten und Gebräuche mussten doch wohl imstande sein, eine Einbildungskraft zu entzünden!" Er übersah, dass das Talent keine Feldfrucht ist, sondern wie das Manna in der Wüste vom Himmel fällt.

Als er auf die Aussendinge wieder zu merken begann, nahm er wahr, dass sein Wäglein sich schnekkenartig fortbewegte, weil das eine Pferd stark lahmte. Er entschloss sich kurz, liess das Fuhrwerk heimgehen und machte den übrigen Weg zu Fuss. Freilich konnte er nun nicht, wie er gewollt, am nämlichen Tage zur Stadt zurückkehren, musste sich vielmehr bequemen, die Nacht auf dem land zuzubringen.

Er fand den Hofschulzen an einem Scheurentore zimmern. Als dieser von seiner Arbeit die blitzenden Augen unter den weissen Brauen gegen ihn emporhob, kam er ihm nach den erhaltenen Aufschlüssen wie der Alte vom Berge vor. Der Jäger meldete ihm seinen bevorstehenden Abzug. Jener erwiderte: "Das ist mir lieb, das Frauenzimmerchen, welches vor Ihnen die stube hatte, liess mir sagen, sie würde heute oder morgen zurückkommen; der müssten Sie doch weichen, und ich könnte Sie nur unbequem logieren."

Der ganze Hof schwamm in dem beginnenden roten Abendlichte. Eine reine Sommerwärme durchdrang die von keinem Dunste beschwerten Lüfte. Es war ganz einsam zwischen den Gebäuden; alle Knechte und Mägde mussten wohl noch auf dem feld zu tun haben. Auch im haus sah er niemand, als er nach seinem Zimmer ging. Dort ordnete er, was er an diesem Orte zuweilen aufgeschrieben hatte, packte seine wenigen Sachen zusammen und sah sich dann nach dem Gewehre um.

Dieses war jedoch verschwunden. Er begriff nicht, wer es ihm fortgenommen haben könne, und ging, bei dem Hofschulzen Erkundigung einzuziehen, über den gang nach der Treppe zu. In einem Gelasse seitwärts glaubte er ein Geräusch zu vernehmen – "vielleicht ist eine Magd darin, die dir es auch nachweisen kann" – dachte er und