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abgezogen, der ihm etwas Neues zuführte. So besuchte er den Sammler, den wir auf dem Oberhofe kennengelernt haben, einige Tage, nachdem er den Brief an seinen Freund geschrieben hatte. Der alte Schmitz hatte ihm schon hin und wieder ein saures Gesicht gemacht, dass seine Schätze noch nicht früher in Augenschein genommen worden waren, indessen erheiterte sich dieses jetzt bald, als der Jäger, angelegentlich fragend, in der kleinen, engen und dunkeln wohnung mit ihm durch die aufgestapelten alten Klosterbilder, Pergamentaufen, Waffen, Urnen und Gefässe hindurchwanderte, und den gelegentlich erfolgenden Auseinandersetzungen: Wo Hermann den Varus geschlagen? ein aufmerksames Ohr lieh. – Der Jäger sah manches ihm Neue und würde von der ganzen Beschauung noch mehr Nutzen gehabt haben, wenn ihm sein Führer Musse gelassen hätte, die einzelnen Stücke genauer zu betrachten. Allein, sobald er einige Sekunden lang bei einem verweilt hatte, riss ihn der Ungeduldige mit schreienden Worten zu einem andern hin, in der Besorgnis, dass irgend etwas übersehen bleiben möchte.

Er lebte, nach Sammlermanier, ganz einsam und nur seinen Seltenheiten hingegeben. Ein grosser, schwarzer Kater, welcher ihm treu anhing, machte seine ganze Hausgenossenschaft aus. Dieser ging denn auch heute, wie es seine Gewohnheit war, ernstaft durch die Zimmer hinter den beiden menschlichen Beobachtern, wie ein dritter Altertumsfreund einher.

Der Alte war eigentlich infolge einer unglücklichen Liebe Sammler geworden. In seiner Jugend hatte er einem schönen Mädchen sein Herz zugewandt, welche, zu früh elternlos, unter der Obhut oder vielmehr Nichtobhut eines schwachen, nachlässigen Vormundes stand und bei ihrem Leichtsinn zu unabhängig war, um verständig bleiben zu können. Nachdem sie den treuen Verehrer vielfältig durch Grillen und Zweideutigkeiten gekränkt hatte, setzte sie ihrem Benehmen durch offenbare Untreue die Krone auf. Der Himmel strafte sie aber doppelt dafür; er liess sie ihr Herz an einen Unwürdigen hängen und bald hernach in eine schwere Krankheit verfallen, von welcher sie nicht wieder erstand. Auf dem Totenbette trat die Reue ihren wankelmütigen Busen an, sie schickte nach dem Verlassenen, es erfolgte eine Aussöhnung, und sie setzte ihn zum Erben ihres Nachlasses ein. Unter diesem befand sich eine Menge goldener, silberner, emaillierter, seidner Kleinigkeiten, die das lebhafte Ding zusammengekauft, erbettelt, erstoppelt hatte, da ihr Auge, wie das der Elstern, an allen glänzenden Dingen hing, und ihre Hand besitzen musste, was ihrem Auge gefiel. Der Hinterbliebene stellte nun daraus ein kleines Kabinett sehr ordentlich zusammen, aber bald wollte ihm das Vorhandene nicht mehr genügen, die Medaillen, die Figürchen, die gemalten Portefeuilles und Mappen forderten Gesellschaft, und er gab sie ihnen durch Münzen, Metallsachen, Siegelkapseln, schön geschriebene Pergamenturkunden. Dergleichen greift aber immer weiter um sich, es zieht gewissermassen magnetisch das Gleichartige an, und ehe er es sich versah, hatte daher seine Umgebung und sein Leben die nachherige Gestalt bekommen. Da nun die Liebhaberei bei ihm gefühlvollen Urspungs war, so gab sie ihm auch nicht das Trockene und Leblose, wodurch die Sammler in der Regel der Abdruck ihrer Sachen werden; er behielt vielmehr eine freundliche und milde Sinnesart.

Der Jäger hatte neben einigem Guten viel Geringes besichtigen müssen. Jetzt fiel sein blick in eine Ecke, worin die uns bekannte Amphora mehr versteckt als gewiesen stand. – "Wie? Und dieses herrliche Gefäss zeigen Sie mir nicht? Das ist ja leicht das schönste Ihrer ganzen Sammlung!" rief er erstaunt.

Eine Traurigkeit beschattete das Antlitz des Sammlers, seine geläufige Zunge stockte, er ging in die Ecke, streichelte die Amphora, wie ein Vater sein krankes Kind streichelt, und erzählte dem Jäger zutraulich die geschichte ihrer Erwerbung. – "Seit der Zeit nun", fuhr er fort, "dass ich gegen mein Gewissen dem Hofschulzen ein Attest über sein falsches Karlsdes-Grossen-Schwert ausstellte und mir durch diese Unwahrheit die Amphora zueignete, macht mir oft die ganze Sammlung keine rechte Freude mehr. Denn bei Altertümern beruht alles auf der Wahrheit, und wer für ein fremdes gelogen hat, der kann auch leicht den Glauben an seine eigenen verlieren. Es geht mir schon hin und wieder so; ich sehe die Donnerkeile zweifelnd an, ich habe bereits geträumt, meine so schönen Brakteaten seien nachgemachte Scharteken. Das Ende vom lied wird wohl sein, dass ich die Amphora zurückgebe und mir mein falsches Attest wieder aushändigen lasse, wenn ich gleich nicht weiss, wie ich den Verlust des prächtigen Gefässes werde überstehen können."

Der Jäger musste ungeachtet des kummervollen Gesichtes, welches der alte Mann machte, lächeln, und sagte: "Mit Ihrer Gewissenhaftigkeit wäre nie ein Museum zustande gebracht worden. – Aber sagen Sie mir, was für eine Bewandtnis hat es eigentlich mit dem Schwerte, auf welches der Hofschulze einen so ausserordentlichen Wert legt?"

Hierauf gab der Sammler dem Jäger folgende wundersame Auskunft. "Dass hier auf unserer roten Erde der geweihte Boden der Freigerichte, welche man nur sehr uneigentlich Femgerichte genannt hat, war, wissen Sie", sagte er. "Freigerichte waren sie, und Freigerichte blieben sie trotz aller späteren Entstellungen und Missbräuche, nämlich die Gerichte der ursprünglich freien Markengenossen, die so unbeschränkt auf ihrer Wehr sassen, als der König in seiner Pfalz. Das aber werden Sie nicht wissen, dass in mehreren Distrikten und so auch nahe hiebei manche Höfe, welche das Freischöffenrecht hatten, immer noch die Tradition dieses Besitzes erhalten, und dass dieselbe vom Vater auf den Sohn, vom Sohn auf